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Kartoffeln für ein ganzes Jahr

Die Liebenauer Agrargesellschaft sorgt dafür, dass eine lange Tradition der Gegend nicht ausstirbt. Dabei gibt es einiges zu lernen und viel zu erzählen.

Kartoffeln selber lesen auf Feld bei Liebenau Torsten Dietze, Kornelia Köhler-Dietze und Sohn Florian sammeln die Kartoffeln in den Eimer
Foto: Egbert Kamprath
Kartoffeln selber lesen auf Feld bei Liebenau Torsten Dietze, Kornelia Köhler-Dietze und Sohn Florian sammeln die Kartoffeln in den Eimer Foto: Egbert Kamprath © Egbert Kamprath

Den Kindergarten durfte Florian heute auslassen. Es gibt wichtigeres zu tun: Gewissenhaft sortiert der Sechsjährige die Kartoffeln auf dem Feld auf einen Haufen für die guten und einen für die schlechten. Woran man die schlechten erkennt? "Wenn sie Löcher haben oder grüne Stellen", sagt er. Die guten kommen in die weißen 25-Kilo-Säcke, die die Liebenauer Agrar GmbH am Feldrand gegen 40 Cent austeilt. Florians Eltern haben schon drei gefüllt "Sieben wollen wir mitnehmen", sagt Florians Mutter Kornelia Köhler-Dietze: "Da weiß ich, woher sie sind. Außerdem schmecken sie gut."

Die Sorte Laura hat eine rötliche Schale, gelbes Fleisch, flache Augen und ist lange haltbar.
Die Sorte Laura hat eine rötliche Schale, gelbes Fleisch, flache Augen und ist lange haltbar. © Egbert Kamprath

Die Sorte Laura, rotschalig, gelbfleischig, oval wachsend und vorwiegend fest kochend, war schon im vergangenen Jahr die Erntekartoffel der Liebenauer: "Normalerweise hatten wir immer die Quarta", sagt Eberhard Petzold, der Geschäftsführer der Liebenauer Agrargesellschaft: "Aber da muss man sich ran halten, um genügend Saatgut zu kriegen." Dieses Jahr gab's eben nur noch genügend Lauras für die 2,5 Hektar Feld, die für die Einwohner der Umgebung bestellt werden: "Das sind gute Lagerkartoffeln", sagt Florians Vater Torsten Dietze: "Wir haben jetzt noch welche vom letzten Jahr im Keller. Klar sind die inzwischen schrumplig, aber geschmacklich vollkommen in Ordnung." Der Geisinger wüsste gar nicht, wo er sonst zu Lagerkartoffeln kommen sollte.  

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Rainer Liebscher aus Liebenau hat die Kartoffeln für vier Familien auf dem selbst gebauten Hänger.
Rainer Liebscher aus Liebenau hat die Kartoffeln für vier Familien auf dem selbst gebauten Hänger. © Egbert Kamprath

Nahezu jeder, der sich am Freitag zur Kartoffellese auf dem Liebenauer Hügel beim Mühlberg aufmachte, verbindet damit eine lange Tradition: "Im Herbst haben wir uns hier immer was zum Taschengeld dazuverdient mit Kartoffellesen", sagt Silvia Kecke aus Dittersdorf, die sich auch noch ganz genau an den Kuchen erinnert, den die LPG damals den Helfern spendierte: "Das war so eine Art Bäbe aus Stollenteig." "Und dazu gab's Bliemchenkaffee", wirft ein Dittersdorfer Nachbar ein. Auch alle Umstehenden sind sich jetzt einig, dass der Stollen mit dem Bliemelkaffee aus der Milchkanne das Beste an diesen Nachmittagen in den Kartoffeln war. 

Geld für ein Fahrrad zusammengelesen

Auch Beate Kühnert aus Liebenau war in ihrer Schulzeit in den Siebzigerjahren stets auf dem Feld: "Da haben wir im wahrsten Sinne des Wortes das Geld für ein Fahrrad zuammengelesen", sagt sie. 15 Pfennige gab es damals für einen vollen Korb, 20 Pfennige bei der Nachlese: "Manche kamen auf 15 Mark am Tag". 

Die Drahtkörbe von damals sind noch immer zahlreich im Einsatz - denn es gilt, alle Kartoffeln sauber aufzulesen und nicht nur die besten rauszupicken. Deshalb braucht es immer zwei Körbe: Einen für die, die als Tierfutter auf den Anhänger des Traktors kommen. Und einen für die eigene Kartoffelausbeute.

11 Uhr ist der Parkplatz leer, zwei Drittel der Kartoffeln wurden vom Acker geholt. Wer zum Kartoffellesen nach Liebenau fährt, steht früh auf, "denn wenn wenig Kartoffeln da sind und viele Leute, dann ist das wie Krieg", sagt Beate Kühnels Schwiegermutter. Kaum zu glauben bei der vorherrschenden guten Laune - viele Scherze fliegen über die Furchen, Erkundigungen über Nachbarn werden eingeholt, die Qualität der Kartoffeln beurteilt: "Eigentlich ist die Lese sowas wie ein Dorffest. Man sieht alle, kann mit allen mal reden. Ich bin dankbar, dass die das noch machen", sagt Kühnel und meint die Agrargesellschaft. 

Nahezu jeder, der sich am Freitag zur Kartoffellese auf dem Liebenauer Hügel beim Mühlberg aufmachte, verbindet damit eine lange Tradition.
Nahezu jeder, der sich am Freitag zur Kartoffellese auf dem Liebenauer Hügel beim Mühlberg aufmachte, verbindet damit eine lange Tradition. © Egbert Kamprath

"Es ist ein gutes Kartoffeljahr", sagt Eberhard Petzold und blinzelt in den blauen Himmel, der für bestes Lesewetter sorgt. "Zu DDR-Zeiten waren wir Kartoffelanbaugebiet mit 70 Hektar Kartoffeln." Doch seit der Wende lohnt sich der kommerzielle Anbau nicht mehr. Mit 2.200 Hektar Land, 35 Mitarbeitern, Pflanzenproduktion, Milchkühen und Mutterkühen sind die Liebenauer als Nachfolgegesellschaft der alten LPG heute gut aufgestellt. Und auch, wenn sie an ihren Kartoffeln, die sie für 7,50 Euro pro 25 Kilo abgeben, nichts verdienen, halten sie an der Tradition fest: "Das gehört einfach zum Dorf", sagt Petzold. Doch in einem guten Kartoffeljahr wie diesem fällt auf, dass nicht mehr so viele Menschen aus Liebenau und Umgebung zum Sammeln kommen. Ein "Kartoffelkrieg" ist jedenfalls nicht zu befürchten.    

Zweiter Lesetermin: Sonnabend, 19. September, 8 bis 12 Uhr, Acker am Teichweg hinter der Pin-In Bowlingkneipe

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