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Kochgeschichten aus dem Osterzgebirge

Warum sollte nur Liebe durch den Magen gehen? Heide Dix verbindet Gerichte und Geschichten aus Altenberg und Umgebung zu einem besonderen Kochbuch.

Heide Dix vor ihrem Haus in Rehefeld mit ihrer ursprünglichen Rezeptesammlung, die die Grundlage ihres Buches "Meine gute Küche" bildet.
Heide Dix vor ihrem Haus in Rehefeld mit ihrer ursprünglichen Rezeptesammlung, die die Grundlage ihres Buches "Meine gute Küche" bildet. © Karl-Ludwig Oberthuer

Natürlich bleibt Heide Dix eine Zugezogene - auch nach 40 Jahren in Rehefeld. Auch wenn sie im Osterzgebirge längst mehr Lebensjahre zugebracht hat als in Thüringen, wo sie aufwuchs - und wo ihr die Landschaft inzwischen viel zu lieblich und gefällig ist: "Ich brauche dieses Raue hier", sagt sie. 

Aber manchmal findet sie es gar nicht verkehrt, trotz all der Jahre auch den Blick von außen zu haben. "Zugezogenen fallen Dinge auf, die für Einheimische längst normal sind." So wie die Kalkofen-Geschichte einer Siedlung, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Wüstenei wurde. Eine Postkartensammlung mit Ansichten von Rehefeld um 1900 machte Heide Dix darauf aufmerksam: "Da waren auch Karten von Kalkofen dabei", erzählt sie. Den Namen kannte sie aus Erzählungen: "Ein paar Rehefelder erinnern sich noch, dass sie als Kinder nach Kalkofen geschickt wurden, um im Gasthof Günther Bier zu holen." Dix suchte auf alten Karten und fand immer mehr: den Bornhaustollen, ein nahezu vergessenes Wasserversorgungssystem für Teplice, Mühlen, die einst im ersten Schritt Stämme gesägt und im zweiten jene Holzschindeln geschnitten hatten, die so typisch für die alten Häuser im Erzgebirge sind. 

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Inzwischen bietet die 66-Jährige Wanderungen zu diesen vergessenen Orten an: "Von dem Teplitzer Wassersystem erzählte mir ein alter Förster, der inzwischen gestorben ist. Deshalb will ich diese Geschichte weitergeben", sagt sie. 

Zubereitung mit Anekdoten und historischen Postkarten

Vieler solcher Geschichten waren auch der Antrieb für ein Buch, dass mittlerweile fertig gestaltet in ihrem Computer wohnt: "Mit einem Verlag bin ich gerade in Verhandlungen, um es da rauszuholen." Vordergründig geht es in "Meine gute Küche" - so der Titel - um "Omas illustrierte Rezepte für einfaches Kochen und Backen". Auf den 156 Seiten, sortiert nach Suppen, Vegetarischem, Fisch, Fleisch, Gebackenem und schnell Zubereitetem, entfaltet sich zum Duft nach Kartoffelklitschern und ein ganzes osterzgebirgisches Lebensgefühl. Denn jeder der Speisen, die Dix vorstellt, hat sie neben ihren eigenen Fotografien auch ein paar Anekdoten, Erfahrungen oder historische Ansichten aus der Region hinzugefügt.       

Die Idee dazu ist über Jahrzehnte gewachsen - in einem Rezepte-Notizbuch, das heide Dix seit den Sechzigerjahren führte. Ein paar Rezepte trug ihre Oma ein, ein paar ihre Mutter, die meisten natürlich sie selbst. Dazwischen gesteckte Zettel machten das Buch immer dicker, die Seiten wurden vom vielen Gebrauch fleckig und lose, die Schrift unleserlich. 

Der Bärwurz als typischstes Gewürzkraut des Erzgebirges ist natürlich eine eigene Seite gewidmet. 
Der Bärwurz als typischstes Gewürzkraut des Erzgebirges ist natürlich eine eigene Seite gewidmet.  © Heide Dix
Erzgebirgischen Anekdoten und Gerichten gehören eng zusammen. 
Erzgebirgischen Anekdoten und Gerichten gehören eng zusammen.  © Heide Dix
Das Kochbuch voller Erzgebirge steckt noch Heide Dix' Computer und wartet auf Veröffentlichung.
Das Kochbuch voller Erzgebirge steckt noch Heide Dix' Computer und wartet auf Veröffentlichung. © Heide Dix

Heide Dix geht die Dinge gern gründlich an. Als frisch fertig studierte Veterinäringenieurin schickte sie das DDR-Arbeitsplatz-Zuweisungssystem Ende der Siebziger zur Altenberger LPG. Weil Wohnungssuchende in Altenberg kaum Chancen hatten, Hilde Dix aber Mann und Kind, fuhr die Familie die Umgebung ab und fragte herum: "So stießen wir auf das Haus in Rehefeld. Die alte Frau, die hier wohnte, wollte es gerade verkaufen." Bei der langjährigen Sanierung brachte sich Heide Dix sogar die Bauernblumen-Malereien bei, die noch heute ihre Fensterläden zieren. "Vor allem lernte ich aber auf unserer Dauerbaustelle, schnell, einfach und gut zu kochen", sagt sie. Wichtiger als Grammzahlen sei dabei das Gefühl: "Man merkt einfach, ob jemand mit Liebe oder mit Pflichtgefühl kocht."   

Racher Maad und Schnudendunker bestanden den Test

Vielleicht konnte sie es deshalb auch nicht länger mit ansehen, wie ihre Rezeptsammlung die Form verlor: "Ursprünglich wollte ich sie nur mit dem Computer abschreiben und bei der Gelegenheit alles Überflüssige aussortieren." Konkret hieß das für sie: alles nachkochen, was in guter Erinnerung war: "Auch, um die Gerichte zu fotografieren." Die Bilder setzte sie im Computer zu den Rezepten. Auch die Erfahrungen, die sie beim neuerlichen Zubereiten der Sauren Schwammesupp, der Zudelsuppe, der Fitzfadelsuppe, bei Raacher Maad und Schnudendunker sammelte, flossen in die neue Niederschrift ein - und auch, dass die Rote-Grütze-Torte auf Basis des DDR-Kometpulvers den Test nicht bestand: "Ich arbeitete damals im Pflegedienst meiner Tochter und verteilte die Torte unter den Angestellten. Niemand wollte unhöflich sein, aber die Stücke schmeckten derart süß und chemisch, dass auf allen Tellern etwas liegenblieb", erzählt Dix lachend. Wieder eine Anekdote, die Eingang ins Buch fand - mitsamt einem Rezept für einen Rote-Grütze-Kuchen, der sich bewährt hat. 

Rezepttipp: Arzg'bergsche Kartoffelklitscher

Mit den Worten "Jetzt scherst Dich mal herzu mit Deinem Mann" bewegte Heide Dix ihre Nachbarin dazu, sie in die Zubereitung echt "Arzg'bergscher Klitscher" einzuweihen. Aus Mengenangaben wie "Kartoffeln - so viel, wie du magst" und "Quark - so viel, wie du denkst" destillierte sie ein Rezept für vier Personen. Die Zubereitung lässt sich auch in Heide Dix' Blog heidedix.wordpress.com nachlesen:  

Zutaten: 8 große Kartoffeln, 500 Gramm Quark, 3 Zwiebeln, 3 Knoblauchzehen, 4 Eier, Salz und Pfeffer, 1 EL Kümmel, Majoran, Thymian, Rehefelder Kräuter-Gemisch 

Kartoffeln schälen, waschen und fein reiben. Flüssigkeit abgießen. Zwiebel und Knoblauch sehr fein würfeln oder auch reiben. Quark und Vollei zugeben. Alles gut mischen und mit Salz und Pfeffermühle abschmecken. Kümmel und Kräuter zugeben. In einer Pfanne mit etwas Rapsöl knusprig auf beiden Seiten goldbraun ausbacken.

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