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Was vom Bergbau übrig blieb

Vor 30 Jahren schloss Zinnerz Altenberg seine Grube. Was ist aus den Bergleuten geworden?

Eckhard Ehrt (li.) und Hardy Wenzel an der Signaltafel der Zinnerz-Förderanlage im Bergbaumuseum Altenberg.
Eckhard Ehrt (li.) und Hardy Wenzel an der Signaltafel der Zinnerz-Förderanlage im Bergbaumuseum Altenberg. © Egbert Kamprath

Eckhard Ehrt hatte es kommen sehen: „Als Obersteiger war ich in allen Prozessen drin. Alle Versuche, die Grube wirtschaftlich weiterzubetreiben, waren fehlgeschlagen. Egal, wie wir kalkulierten, wir produzierten viel zu teuer“, erinnert er sich an die letzten Wochen vor dem 28. März 1991 - dem Tag, an dem die Zinnerz-Bergmänner zum letzten Mal aus dem Arno-Lippmann-Schacht ausfuhren. Dem Tag der Grubenschließung. Nach 550 Jahren.

Hardy Wenzel sah nichts kommen. 1991 war er 31 Jahre alt, Steiger bei Zinnerz Altenberg auf dem Weg zum Obersteiger. „Ich hätte nie geglaubt, dass der Bergbau hier mal zu ist“, sagt er. „Zu DDR-Zeiten war das der größte Zinnabbau in Europa, mit dem besten Reinheitsgrad beim Zinn.“ In Altenberg hatten sie die Zinn-Wolfram-Flotation, ein Trennverfahren für Erze, erstmals in Europa zur Perfektion gebracht. Als die Wende kam, „da dachten wir, jetzt bekommen wir endlich den Lohn, der uns zusteht.“

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Embargo machte den Zinnabbau in Altenberg groß

Um den Bergbau zu schließen, der Altenberg wirtschaftlich und kulturell prägte wie nichts anderes, musste einiges zusammenkommen. Ein zentraler Punkt lag allerdings bereits 1991 schon tief in der Vergangenheit: Denn dass die nahezu stillgelegten Gruben nach 1950 überhaupt wieder solch eine Bedeutung erlangten, dass in den Achtzigerjahren in Altenberg über eine Million Tonnen Roherz gefördert wurden, die in Freiberg zu durchschnittlich 2.100 Tonnen reinem Zinn verhüttet wurden, das lag auch am Kalten Krieg. Ein Zinn-Handelsembargo für die Länder des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) versperrte dem Ostblock den Zugang auf dem Weltmarkt – auf dem die Zinnpreise seit den Sechzigerjahren ohnehin ständig stiegen.

Bei der Schließung des Bergwerks Zinnerz Altenberg am 28. März 1991 hatte die Zinnerzverwaltung am Rathaus schwarze Fahnen gehisst.
Bei der Schließung des Bergwerks Zinnerz Altenberg am 28. März 1991 hatte die Zinnerzverwaltung am Rathaus schwarze Fahnen gehisst. © Egbert Kamprath
Einen Tag vor der offiziellen Schließung des Bergwerks machte Egbert Kamprath noch diese Fotos für die Sächsische Zeitung.
Einen Tag vor der offiziellen Schließung des Bergwerks machte Egbert Kamprath noch diese Fotos für die Sächsische Zeitung. © Egbert Kamprath
Eine der letzten Aufnahmen von der Arbeit Untertage einen Tag vor der offiziellen Schließung des Bergwerks.
Eine der letzten Aufnahmen von der Arbeit Untertage einen Tag vor der offiziellen Schließung des Bergwerks. © Egbert Kamprath
Ein Tag vor der offiziellen Schließung des Bergwerks in Altenberg.
Ein Tag vor der offiziellen Schließung des Bergwerks in Altenberg. © Egbert Kamprath
Der Abriss der ehemaligen Aufbereitungshallen neben dem Zentralschacht.
Der Abriss der ehemaligen Aufbereitungshallen neben dem Zentralschacht. © Egbert Kamprath

Mit dem Resultat, dass sich der Bergbau in Altenberg prächtig entwickelte. Zum Schluss arbeiteten 880 Menschen für den VEB Zinnerz Altenberg. Eckhard Ehrt und Hardy Wenzel hatten beide Bergbautechnologie mit Schwerpunkt Geotechnik in Freiberg studiert, Ehrt eigentlich mit dem Ziel, bei der Wismut zu arbeiten: „Doch meine Schwiegereltern lebten im Westen, da kam das nicht in Frage.“

Erster Altenberger Winter war ein Schlag

Nach Altenberg lockte ihn dann die Aussicht, schnell eine Wohnung zu bekommen: „1978 war gerade der Schellerhauer Weg gebaut worden“, erinnert er sich. „Doch der erste Winter war ein Schlag. Wenn wir 5 Uhr zur ersten Schichtübergabe kamen, versanken wir auf dem Weg bis zu den Knien im Schnee. Die B170 konnte man dann nicht nutzen, da standen die Autos nur noch.“ „Hier bleiben wir nicht“, eröffnete ihm seine Frau, nachdem sie versucht hatte, mit dem Kinderwagen zum Lebensmittelgeschäft auf dem Platz des Bergmanns vorzudringen.

Auch Hardy Wenzel hatte Schwierigkeiten, seine Frau von Altenberg zu überzeugen: „Die Stadt war auf den ersten Blick wenig attraktiv: zu wenig Kultur, kein richtiger Bahnhof, schwierige Versorgungslage“, zählt er auf. Doch letztlich überwogen die guten Seiten: „Es gab so viele junge Leute hier oben. Und ohne Ende Kinder“, erinnert er sich.

Optimierungen dank DDR-Neuererwesen

Die DDR warb überall für eine Arbeit beim VEB Zinnerz Altenberg. „Für uns gab es hier interessante berufliche Perspektiven. Steiger konnte man auch ohne Diplom in der Tasche werden. Und die Option, nach Freiberg zum Studium delegiert zu werden, gab es auch“, erzählt Wenzel. Ehrt erinnert sich noch gut an die pfiffigen Optimierungen, die das DDR-Neuererwesen dem Altenberger Bergbau einbrachten.

„In der Grube und in der Aufbereitung des Erzes waren wir ein hochmoderner Betrieb“, sagt er. „Wir verfügten schon in den Achtzigerjahren über eine rechnergestützte Abbausteuerung.“ Damit Zinnerz mit Chemikalien wirtschaftlich sinnvoll zu Zinn aufgearbeitet werden kann, muss der Zinngehalt konstant sein. Doch so kommt es nicht aus dem Berg. „Das Roherz wird also gemischt“, erklärt Ehrt. „Wir hatten eine Rechnerstation unter Tag, eine über Tag und eine tolle Betriebsgeologie, die innerhalb von 24 Stunden auf den aktuellen Zinngehalt reagierte.“ Entsprechend wurden die Hauer angewiesen, an welchen Lageorten unter Tage sie wie viel Erz abbauen sollten.

Weltbergbaukomitee begeistert von moderner Anlage

„Im Neuererwesen haben sie dann die Relaissteuerung der Bandanlage mit einer speicherprogrammierbaren Steuerung ausgetauscht. Damit ließ sich der Roherzgehalt bereits auf dem Band auf das gewünschte Niveau bringen.“

Als 1988 das Weltbergbaukomitee in Dresden tagte, kamen Vertreter aus Thailand, Kanada und den USA nach Altenberg: „Die waren begeistert, wie wir das machen.“ Im Gegenzug liebten die Zinnerzer die Technik aus Schweden und Kanada. Bohrhämmer und -kronen oder Schellen für Druckluftschläuche erhielten sie gegen Devisen – und daher immer zu wenig. „Die DDR baute diese Technik auch fleißig nach, aber sie erreichte nie die Qualität wie das Original.“

Weltmarktpreise für Zinn im Keller zur Wendezeit

Als die Wende kam, waren die Weltmarktpreise für Zinn gerade auf dem Weg nach unten. 1991 lagen sie bei 5.600 Dollar pro Tonne. Zum Vergleich: 2020 waren es 17.100 Dollar. „Zinnerz wurde zur sozialen Bombe für Altenberg“, sagt Ehrt. Was sie auch taten, um den Betrieb zu verschlanken – die Lehrausbildung zurückfahren, Küche und Fuhrpark ausgliedern – es reichte nicht: „Wir hatten kaum Zeit, und irgendeine Strukturwandel-Politik wie heute bei der Braunkohle gab´s auch nicht“, sagt Ehrt: „Es gab nur die einfache Rechnung: Für den Weltmarkt war unser Zinnkonzentrat zu teuer.“

„Viele Bergleute sahen hier keine Perspektive mehr, gingen in die alten Bundesländer“, erinnert sich Wenzel. Der Heitkamp-Konzern, seit 2011 selbst insolvent, erhielt damals den Zuschlag, die Grubenschließung zu betreuen. Eckhard Ehrt wurde mit der Abschlussplanung betraut, verlegte noch den 3,9 Kilometer langen Entwässerungsstollen ins Bielatal: „Damit die Grube jederzeit zugänglich bleibt und nicht absäuft.“

Bis zur Insolvenz bei Heitkamp

Hardy Wenzel arbeitete bis zur Insolvenz bei Heitkamp: „Die Leute in den Führungsetagen waren zugänglich, haben auch von uns gelernt. Das war ein angenehmes Arbeiten.“ Ehrt begann 2001 in einer Tongrube der Stadt Aschaffenburg: „Statt rechnergestütztes Arbeiten gab´s dort ein Telefon – allerdings nicht einmal beim Maschinisten unter Tage.“

Hardy Wenzel (li.) mit dem Betriebsleiter Gotthard Adamczyk von Heitkamp/Betriebsstelle Altenberg beim Bau des Entwässerungsstollens im Jahr 1992.
Hardy Wenzel (li.) mit dem Betriebsleiter Gotthard Adamczyk von Heitkamp/Betriebsstelle Altenberg beim Bau des Entwässerungsstollens im Jahr 1992. © Egbert Kamprath

Facharbeiter für Bergbautechnologie gibt's immer noch

Als Bergmänner gefragt waren sie immer: „Mit dem Beruf ist man ein Allrounder - technisch, handwerklich, körperlich fit. Damit kann man überall auf der Welt arbeiten“, sagt Ehrt. Deshalb wäre ihr größter Wunsch zum 30. Jahrestag der Grubenschließung eigentlich ein Treffen der ehemaligen Zinnerzer im Arno-Lippmann-Schacht – leider hat Corona das verhindert.

Hardy Wenzel hat derweil noch andernorts dafür gesorgt, dass die Altenberger Bergbautradition weiterlebt: „nach der Wende war auch die bergmännische Lehrausbildung schlagartig weg. 2004 hat sie ein Stab aus Gewerkschaftsverband und Freistaat Sachsen wieder aus der Taufe gehoben.“ Wenzel entwickelte die neuen Inhalte der Lehre mit – und freute sich, dass der Beruf eine altbekannte Bezeichnung bekam: Einen „Facharbeiter für Bergbautechnologie“ haben sicher noch heute einige Altenberger in der Familie.

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