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Altengerechtes Wohnen für 6,50 Euro kalt

Senioren sollen so lange wie möglich in Wohnungen leben und nicht in Heimen. Genossenschaften machen Angebote.

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Von Thilo Alexe

Die sächsischen Wohnungsgenossenschaften geben ein ungewöhnliches Versprechen: Sie verpflichten sich zu einer Mietobergrenze für seniorengerechte Wohnungen. Als Gegenleistung wollen sie für den Umbau Fördermittel.

„Wir brauchen in Sachsen in den kommenden 15 Jahren knapp 100 000 altengerechte Wohnungen“, sagt der Vorstand des Verbandes sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG), Axel Viehweger. Dieses Ziel ist nach seiner Auffassung nur schwer zu schaffen. Die Genossenschaften wollen sich allerdings daran beteiligen, wie der VSWG-Chef betont.

Viehweger macht diese Rechnung auf: Pro Wohnung will eine Genossenschaft 10 000 Euro vom Staat. Sie baut sie um und beseitigt dabei Schwellen, verbreitert Türen und schmale Durchgänge. Zudem sollen elektronische Sensoren eingebaut werden, die etwa einen Sturz anzeigen. Auch eine Hilferuffunktion ist geplant. Die Genossenschaften garantieren im Gegenzug für die staatliche Unterstützung, zehn Jahre nicht mehr als 6,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für diese Wohnungen zu verlangen. „Wir verdienen damit kein Geld. Aber wir tun etwas für unsere Klientel“, sagt Viehweger. Eine Kaltmiete von etwa zehn Euro sei für etliche Senioren nicht oder nur schwer aufzubringen.

Die Genossenschaften sind kein unbedeutender Faktor in der sächsischen Wohnungswirtschaft. Mehr als eine halbe Million Sachsen leben in Genossenschaftswohnungen. 218 Unternehmen – bei denen die Mieter auch Mitglieder sind und Mitspracherechte haben – bewirtschaften mit knapp 280 000 Einheiten mehr als ein Fünftel des hiesigen Mietwohnungsbestandes. Pro Jahr erwirtschaften sie Umsatzerlöse von rund einer Milliarde Euro.

Bei der Finanzierung des Umbaus wollen die Genossenschaften möglichst auf Bundesmittel für den sozialen Wohnungsbau zurückgreifen. Diese wurden bis 2019 um jährlich 500 Millionen Euro aufgestockt. Für Sachsen bedeutet das eine annähernde Verdopplung auf knapp 120 Millionen Euro pro Jahr. Viehweger zufolge kostet der Umbau einer Wohnung zwischen 30 000 und 40 000 Euro. Die Genossenschaften wollen Kapital beisteuern. Ältere Mieter sollen möglichst lange in ihrem Zuhause wohnen können.

In einem Positionspapier der VSWG heißt es dazu, „Ziel ist die Schaffung von mehr Lebensqualität und Gesundheit“. Zudem könnten Sozialsysteme um rund drei Milliarden Euro pro Jahr entlastet werden, wenn 15 Prozent der pflegebedürftigen Menschen durch einen Wohnungsumbau nicht ins Heim müssen. Der Betriebswirtschaftsreferent des VSWG, Sven Winkler, verweist auf monatliche Heimkosten von rund 3 500 Euro, die vermieden werden können.

Das für Bau zuständige sächsische Innenministerium ist der Idee offenbar nicht abgeneigt. Mit dem Genossenschaftsverband hat es einen Vertrag über ein Pilotprojekt geschlossen. Demnach wurde der altengerechte Umbau von fünf Wohnungen mit 50 000 Euro unterstützt. „Im Rahmen dieses Pilotprojektes ist eine Mietpreisbindung in Höhe von 6,50 Euro für zehn Jahre vorgesehen“, teilt das Ministerium mit. Wie es weitergeht, ist aber noch offen. Im kommenden Jahr soll es einen Abschlussbericht dazu geben.

Sachsen fördert altengerechtes Wohnen auch mit einem anderen Instrument. Für Wohneigentum wurden in den Jahren 2007 bis 2015 rund 400 Millionen Euro an zinsgünstigen Darlehen ausgezahlt. Ein Teil davon, im vergangenen Jahr waren es zwölf Millionen Euro, floss dem Ministerium zufolge in die Finanzierung von Mehrgenerationenhäusern, in denen alte mit jungen Menschen zusammenleben.

Auf die Bedürfnisse von Senioren reagieren die Genossenschaften zudem mit Personal. Zwei Unternehmen in Chemnitz und Dresden haben Ansprechpartner eingestellt, die Viehweger als „Kümmerer mit großem Herzen“ bezeichnet. Sie gehen durch die Quartiere, hören zu und bieten Hilfe an, was offenbar rege angenommen wird. Dabei sind Genossenschaften nicht ausschließlich Vermieter für ältere Menschen. Vermehrt nutzen Familien die Wohnungen und senken so den Altersschnitt von etwa 60 Jahren. 2015 gab es zudem eine Trendwende. Die Genossenschaften bauten mehr Wohnungen, als sie abrissen.