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Am Tiefpunkt

Hartmut Mehdorn hat die Bahn umgekrempelt und ist Air Berlin in der höchsten Not beigesprungen. Und nun machen ihm die drei Buchstaben BER schwer zu schaffen.

© dpa

Von Burkhard Fraune

Hartmut Mehdorn hat ein spezielles Verhältnis zu Eichhörnchen. Er kann sie nicht leiden. „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“, sagt der Chef des Hauptstadtflughafens. Flink und kaum zu fassen, machen die Nager, was sie wollen. Demnach wären auf Deutschlands berüchtigtster Baustelle jede Menge Eichhörnchen am Werk. Es scheint, als entgleite dem 71-Jährigen zunehmend die Kontrolle über das politisch heiß umkämpfte Prestigeprojekt. Dass dort vor 2016 Flugzeuge abheben, wird immer unwahrscheinlicher.

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Erst letzte Woche musste Mehdorn sein Lieblingsvorhaben kippen – einen Testbetrieb im Nordflügel des Neubaus des Hauptstadtflughafens, jetzt die umstrittene Rollbahnsanierung um mindestens ein Dreivierteljahr verschieben. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt steht der Mann, der die Bahn sanierte und Air Berlin über Wasser hielt, am Tiefpunkt. Doch es sieht nicht so aus, als wolle Mehdorn sich unterkriegen lassen.

„Das Schwenken der weißen Fahne ist für mich noch nie eine Alternative gewesen“, hat Mehdorn mal gesagt. Der knorrige Ingenieur bleibt kämpferisch. Menschen, die ihm das Leben schwermachen, wähnt er auf allen Seiten. Da ist der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) als Aufsichtsratschef, dem Mehdorn unverblümt die Schuld gibt, dass er nun doch nicht im Nordflügel ein wenig Flughafen üben darf. Da ist die Luftfahrtbehörde, die von Mehdorn die kaum verklausulierte Warnung erhält, dem Projekt nicht noch mehr Steine in den Weg zu legen, weil sonst erst 2016 die ersten Maschinen abheben könnten.

Und da ist Brandenburg. Den 14. September 2014 hat Mehdorn womöglich schon mehrfach verflucht. Denn dann wählt Brandenburg einen neuen Landtag, und es scheint, als bekämpfe Potsdam alles, was jetzt zu Bewegung am Neubau auf Brandenburger Gebiet führt und damit im Wahlkampf den Zorn der Anwohner wecken könnte.

Mit der Rollbahnsanierung wäre Fluglärm über 4.700 Haushalte gekommen, die keinen ausreichenden Lärmschutz haben. Ihnen bis zum geplanten Baubeginn im Juli Schallschutzfenster und Dämmungen einzubauen, war nicht zu schaffen, und die Behörden in Brandenburg stellten auf stur.

Nun beginnt die Sanierung vielleicht im März 2015 – lange nach der Landtagswahl, was aber die Gefahr birgt, dass sich die Eröffnung des Milliardenbaus weiter verzögert.

Doch Mehdorn macht es auch sich selbst nicht leicht. Die Gewohnheit, zur Not auch mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, hat er seit Bahn-Zeiten nicht abgelegt. Dort drückte er gegen viel Kritik ein neues Preissystem durch, das er schließlich kleinlaut zurücknahm. In Schönefeld ließ er trotz heftigen Widerstands noch vergangene Woche verkünden, dass er die Rollbahn ab Juli saniert. Nun der Rückzieher. „Diplomat wollte ich nie werden“, beteuert Mehdorn, und so musste er schon nach wenigen Monaten in Schönefeld zugeben, dass er die politische Komplexität unterschätzt habe. Die drei Eigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund haben nicht nur unterschiedliche Regierungskonstellationen, sondern teils gegenläufige Interessen.

Die Opposition wettert schon, Mehdorn habe nach einem Jahr nichts vorzuweisen. Doch der Manager weiß: Rauswerfen können sie ihn eigentlich nicht. Niemand reißt sich um seinen Job, auch Mehdorn musste zweimal gefragt werden, bis er ja sagte. Und eine Neubesetzung würde das Projekt noch weiter zurückwerfen.

Und die Baustelle? Dort entwirren ein paar Hundert Arbeiter den Kabelsalat im Terminal, um die Entrauchung endlich zum Laufen zu bringen. Die Brandschutzanlage ist neben zahlreichen Baumängeln und Planungsfehlern der Hauptgrund, warum der Flughafen seit über zwei Jahren nicht an den Start gehen kann. Die Techniker leisten mühsame Detailarbeit, schnelle Erfolge sind nicht zu erwarten. Es heißt, der Fortschritt sei eine Schnecke. Eichhörnchen sind schneller.