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Amazon eröffnet ersten Supermarkt ohne Kassen

Keine Kassen, keine Schlangen: Man nimmt, was man braucht und geht einfach raus. Verbraucher können die Technologie im ersten „Amazon Go“ in Seattle ausprobieren.

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© Bloomberg/Getty Images

Von Andrej Sokolow

Amazons erster Supermarkt ohne Kassen öffnet für das Publikum. Die Vision hinter „Amazon Go“ ist, dass Käufer die Waren direkt in ihre Einkaufstaschen legen – und am Ende das Geschäft einfach verlassen können. Der Betrag wird dann vom Amazon-Konto des Nutzers abgebucht. US-Medien, die den Laden in Seattle vor dem offiziellen Start am Montag besichtigen durften, berichteten von „Dutzenden und Dutzenden von Kameras“. Außerdem sei jeder Regalboden mit einer Waage versehen, um entnommene Artikel zu registrieren.

Die Ladenbesucher müssen eine „Amazon-Go“-App herunterladen und das Telefon an eine Schranke am Eingang halten, berichteten Medien wie die Technologieblogs Recode und Techcrunch sowie das Wall Street Journal am Sonntag. Von da an registriere die Technik mit Hilfe der Kameras und Sensoren, welche Artikel ein Käufer aus dem Regal holt und auch einpackt. Es sei nicht nötig, sie explizit in die Kameras zu halten. Das System komme dabei ohne Gesichtserkennung aus. Die Menschen würden vom System stattdessen als „3D-Objekte“ wahrgenommen. Am Ausgang hält der Kunde wiederum das Telefon an eine Schranke, um „auszuchecken“.

Das Einkaufserlebnis habe sich wie Ladendiebstahl angefühlt, schrieb die New York Times – zumindest bis wenige Minuten nach Abschluss die Rechnung von Amazon im E-Mail-Postfach landete. Tatsächlich etwas zu klauen, sei schwierig: Ein Viererpack Softdrink-Dosen, den der New York Times-Reporter noch im Regal in eine Tüte einwickelte und sich unauffällig unter den Arm klemmte, wurde trotzdem berechnet.

Im Angebot von „Amazon Go“ sind den Medienberichten zufolge Salate, fertige Gerichte, Kochboxen, frische Lebensmittel, Getränke sowie Snacks einer Marke des von Amazon gekauften Bio-Supermarkts Whole Foods. Die Preise seien auf Supermarkt-Niveau. Gibt es einen Fehler oder ist man unzufrieden mit einem Artikel, wird der Kaufpreis erstattet – ohne dass man die Ware zurückbringen muss. Die Eröffnung des Ladens war bereits vor rund einem Jahr erwartet worden. Laut Medienberichten hatte die Technologie jedoch Probleme, bei größeren Menschenmengen den Überblick zu behalten. Diese seien inzwischen behoben, hieß es. Schon vor Monaten war zu lesen, den Härtetest habe die Technologie bestanden, als eine Gruppe von Mitarbeitern in gleich aussehenden Kostümen als Pokémon Pikachu verkleidet reingeschickt worden sei.

Online-Offensive funktioniert nicht

Obwohl das Geschäft ohne Kassierer auskommt, hat es den Medienberichten zufolge trotzdem diverse Mitarbeiter: Mehrere bereiteten die Salate, andere fertigten Gerichte und befüllten die Regale, einer stehe zur Begrüßung am Eingang, ein weiterer kontrolliere das Alter am Regal mit alkoholischen Getränken. Zu den Herausforderungen des Konzepts gehöre, sehr ähnliche Produkte auseinanderzuhalten – zum Beispiel Joghurt-Becher in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Erschwerend komme hinzu, dass die Käufer meist Erkennungsmerkmale mit ihren Händen verdecken. „Amazon Go“ gilt als mögliches Modell für eine Expansion des Online-Händlers bei stationären Geschäften mit Unterstützung moderner Technologie.

In Deutschland ist der US-Konzern noch nicht ganz soweit. Zwar hielt der Lebensmittelhandel den Atem an, als Amazon im Mai vergangenen Jahres seinen Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh auch in der Bundesrepublik startete. Die Sorgen waren groß. Doch nicht einmal ein Jahr später sind die größten Ängste offenbar erst einmal verflogen. „Im Lebensmittelhandel ist eine Ernüchterung zu beobachten, was das Online-Geschäft angeht. Viele haben einen Gang zurückgeschaltet, was den Ausbau ihrer Internet-Aktivitäten angeht“, sagt der E-Commerce-Experte Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH).

Die Erwartung, dass durch den Start von Amazon Fresh der Online-Handel mit Lebensmitteln unheimlich an Fahrt gewinne, habe sich noch nicht erfüllt. Zwar stieg der Online-Umsatz mit Lebensmitteln 2017 um gut 21 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro. Doch gemessen am Gesamtumsatz mit Nahrungsmitteln entspricht dies nur einem Anteil von rund einem Prozent. Die durch ein dichtes Ladennetz verwöhnten Deutschen erweisen sich als schwierige Kunden für die Onliner.

Und das hat Konsequenzen: Beim Internet-Vorreiter Rewe stagniert die Zahl der vom Lieferservice abgedeckten Regionen schon seit geraumer Zeit bei 75. Edeka beschränkt sich mit dem Lieferdienst Bringmeister nach wie vor auf Berlin und München. Die zur Schwarz-Gruppe gehörenden Handelsketten Lidl und Kaufland haben das mit großem Aufwand gestartete Online-Geschäft mit Lebensmitteln sogar wieder weitgehend aufgegeben. Und Aldi lässt bisher in Deutschland ganz und gar die Finger von dem Thema.

Amazon selbst legt beim Ausbau seiner Lebensmittel-Aktivitäten in Deutschland bisher auch ein eher geruhsames Tempo vor. Bislang ist Amazon Fresh nur in Berlin, Hamburg und München am Start. Doch wuchs die Zahl der angebotenen Artikel immerhin von mehr als 85 000 beim Start in Berlin auf inzwischen über 300 000 in München. (dpa)