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Analyse des Fanprojekts entlastet Dynamo-Anhänger

© dpa

Ein Bericht des Fanprojekts zu den Vorfällen während der Zweitliga-Partie in Bielefeld stellt bisherige Meldungen infrage. Nun werden Vorwürfe gegenüber der Polizei laut.

Sven Geisler

Die Aufarbeitung der Vorfälle beim Dynamo-Spiel in Bielefeld ist noch nicht abgeschlossen. Aber es zeichnet sich ab, dass die ersten Polizeimeldungen teilweise überzogen waren. Das geht aus einem Bericht hervor, den das Fanprojekt Dresden am Mittwoch veröffentlicht hat. Der eingetragene und von Dynamo unabhängige Verein war mit drei Mitarbeitern vor Ort. Er bereitet alle Auswärtsspiele mit vor und wertet das Fanverhalten aus.

Torsten Rudolph, der das Projekt seit zehn Jahren leitet, stellt klar: „Es geht uns nicht darum, das Fehlverhalten einiger Fans zu entschuldigen. Wir reden nicht davon, dass sie Waisenknaben sind. Aber es muss möglich sein, sachlich zu analysieren, was passiert ist.“ So habe es den gemeldeten Durchbruchsversuch von etwa 250 Randalierern am Bielefelder Bahnhof offensichtlich nicht gegeben. Vielmehr sei die Gruppe nach dem überraschenden Abzug einer Polizeikette davon ausgegangen, den korrekten Weg zu nehmen. „Dieses unvorhergesehene, aber von der Mehrheit der Fans keinesfalls mutwillige Verhalten führte zu einem Eingreifen der Polizei, bei dem mehrere Fans durch Pfefferspray, Schlagstöcke und Fausthiebe verletzt worden sind“, heißt es in der Mitteilung.

Großes Misstrauen zwischen Fans und Polizei

Zudem sei es am Bahnsteig zu einem folgenschweren Missverständnis gekommen, als Polizisten versuchten, auf das Gleisbett gestürzte Fans nach oben zu ziehen. Viele Fans seien davon ausgegangen, dass es sich um einen polizeilichen Übergriff gehandelt habe. „Dieses Eingreifen wurde von Fanseite aus als Provokation wahrgenommen“, berichtet das Fanprojekt, das in seiner Analyse die Erlebnisberichte von 381 mitgereisten Anhängern berücksichtigt hat. Rudolph spricht von einem „atmosphärischen Problem“. Das Misstrauen zwischen Fans und Polizei sei auf beiden Seiten groß und ergebe ein hohes Aggressionspotenzial.

Ein weiteres Problem sei es, dass die Medien das Bild von den Anhängern der SGD „pauschal und unreflektiert“ verbreiten. So stellte sich die Meldung von einem Überfall auf einen Supermarkt inzwischen als falsch heraus. „Innerhalb des Supermarktes sei überhaupt nichts passiert. Dies bestätigte uns auf telefonische Nachfrage die Lidl-Regionalgesellschaft Paderborn, die für die Filiale zuständig ist“, erklärt das Fanprojekt. In dem Kino, das angeblich gestürmt worden ist, war von einer Einzelperson ein Feuerlöscher entwendet worden. Zudem seien andere Fakten unberücksichtigt geblieben wie etwa die Zahl der verletzten Fans, die auf 30 Personen geschätzt wird. „Zudem erlebten wir selbst, wie Fans Hilfe nicht zugestanden wurde, obwohl sie deutlich sichtbar verletzt waren“, heißt es in dem Bericht.

Kritik an voreiliger Informationspolitik

Rudolph lobt den Einsatz der Landespolizei, die versucht habe, deeskalierend auf den Fanmarsch einzuwirken. Zugleich kritisiert der 34-Jährige einzelne Beamte der Bundespolizei, vor allem für deren voreilige Informationspolitik. Die Schlussfolgerung des Fanprojektes: „In Folge dieser öffentlichen Skandalisierung und Emotionalisierung schafft man Solidarisierungseffekte, die wiederum dazu führen, dass eine durchaus notwendige Auseinandersetzung der Fans mit den Ereignissen in Bielefeld kaum mehr möglich ist.“ Das pauschale Täter-Bild mache den stets gewollten Selbstreinigungsprozess nahezu unmöglich.

Das Fanprojekt fühlt sich durch einen Beamten der Bundespolizei diskreditiert. Er hatte behauptet, in dem Fahrzeug des Fanprojektes, für das Rudolph und der frühere Dynamo-Profi Thomas Neubert zuständig waren, sei Pyrotechnik transportiert und an Dresdner Fans verteilt worden.

„Über diese ungeheuerliche Unterstellung kann ich nur den Kopf schütteln“, erklärt Rudolph. Das Fanprojekt sei jedoch daraufhin beim Spiel in Köln zunächst nicht erwünscht gewesen. Erst durch die Fürsprache des DFB-Sicherheitsbeauftragten Hendrik Große-Lefert konnten die Sozialarbeiter ihren Dienst tun. Allerdings wurden sie samt Fahrzeug und Gepäck bei der Anreise von der Polizei kontrolliert und ihre Personalien aufgenommen. „Wir haben uns gefühlt wie vorverurteilt, obwohl wir Partner sind im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“, sagt Rudolph. „Dabei sollen wir eine Vermittlerrolle einnehmen, Ansprechpartner für beide Seiten sein.“