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Angeklagt in Ägypten

Die Vorwürfe gegen einen sächsischen Archäologen wiegen schwer und reichen bis zur Zerstörung eines Heiligtums. Doch die wenigen Milligramm Farbe aus der Cheops-Pyramide sind nur der Anfang einer viel größeren Geschichte.

Von Stephan Schön

Sonnenuntergang an den Pyramiden von Gizeh. Das hat etwas. Ganz besonders aber ist dieser eine Tag im April 2013 für zwei deutsche Privatforscher und ihren Kameramann. Nachdem alle Touristen weg sind, werden ihnen exklusiv Gänge und Kammern für genau zwei Stunden geöffnet.

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Pyramiden von Gizeh. Die rechts im Bild hat Pharao Cheops erbaut. Foto: dpa
Pyramiden von Gizeh. Die rechts im Bild hat Pharao Cheops erbaut. Foto: dpa © dpa
Die Cheops-Kartusche, ein unantastbares Heiligtum. Rechts die Meißelspuren, wie sie Ende 2013 die Inspektion vorfand. Foto: Robert Schoch
Die Cheops-Kartusche, ein unantastbares Heiligtum. Rechts die Meißelspuren, wie sie Ende 2013 die Inspektion vorfand. Foto: Robert Schoch

18 Uhr in Gizeh vor der Cheops-Pyramide. Kameras, Licht, Fläschchen mit Lösungsmitteln, Pinsel, Messer und Meißel – alles ist dabei. Die drei Deutschen bekommen Zugang zum heiligsten Heiligtum der Ägypter. Mit dabei ist auch Dominique Görlitz. Jener Experimental-Archäologe aus Chemnitz, der mit seinem Schilfboot Abora den Atlantik überqueren wollte, und es auch fast geschafft hätte. Mit dem Abora-Wissen schrieb er dann seine Doktorarbeit an der Universität Nürnberg-Erlangen. Das Thema: transatlantische Verbindungen vor Kolumbus. Görlitz ist Naturwissenschaftler, wenn auch freiberuflich. Der zweite Forscher, Stefan Erdmann, ist indes Heilpädagoge und Seniorenheimleiter in Hagenburg, Niedersachsen. Erdmann ist Hobby-Archäologe und Autor. Seit 20 Jahren geht er in die Pyramiden und bekommt dort auch Zugang zu gesperrten Räumen. Von dort bringt er seitdem nicht nur Bilder, sondern auch Bodenproben und Steine mit. Darauf baut er dann eigenwillige Theorien. Zum Beispiel die vom Wasserkraftwerk als eigentlichem Zweck der Pyramiden.

„Darum ging es diesmal nicht“, sagt Dominique Görlitz. Und überhaupt habe sich Stefan Erdmann inzwischen von diesem Wasserkraft-Gedanken verabschiedet. Nein, nur die Beschaffenheit mysteriöser dunkler Flecken an den Decken der sogenannten Entlastungskammern über dem Königsgrab seien das wissenschaftliche Ziel dieser Begehung gewesen. „Die Herkunft dieser Flecke könnte vielleicht etwas über die Bautechnologie verraten.“

Doch die langfristig vorbereitete Probenentnahme funktioniert nicht. Mit Alkohol lässt sich die dunkle Schicht einfach nicht lösen. „Da kommt Plan B ins Spiel.“ Ein paar Schläge mit dem Meißel schaffen es dann. Wenige Milligramm der dünnen Patina landen im Glas. Die Inspektoren sind gerade nicht da. „Vollkommen egal. Die hätten das auch nicht verboten“, sagt Görlitz. „Die haben uns ja sogar bei den Vorbereitungen geholfen, als wir ihnen erklärt hatten, dass wir dort oben Proben nehmen wollen.“ Wie überhaupt aus damaliger Sicht für Dominique Görlitz alles völlig legal war. „Es gibt zwei Tabus in der Forschung. Das ist das Abschreiben ohne Quelle und die illegale Beschaffung von Wissen. Hätte das auch nur den Anschein von Illegalität gehabt, ich hätte doch keinen Fuß dort hinein gesetzt.“ Erstmals berichtet der Chemnitzer Experimental-Archäologe im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung detailliert darüber, was damals in der Pyramide geschah und auch danach. Der Redaktion liegen mehrere Dutzend Dokumente vor. Auch die Genehmigung, diese Pyramide zu betreten, ist dabei. Die hatte ein Tour-Operator im April 2013 von der Antikenverwaltung beschafft. Jahrelang war das so üblich in Gizeh. Zum privaten Forschungsbesuch kommen dann Touristenpolizisten und Inspektoren der Antikenbehörde. Sie begleiten die Forscher.

Alles ist vorbereitet für Görlitz und Erdmann. Nichts deutet auf den Rieseneklat hin, der folgen wird. Selbst die erst wenige Tage zuvor per Mail bestellte Leiter ist aufgebaut und mit Stricken zusammenmontiert. Das sieht jedoch ziemlich wacklig aus. Görlitz, der sich mit Tauen und Stricken von seinen Schilfbootexpeditionen bestens auskennt, verzurrt und verknotet das Gerät neu, die Inspektoren helfen ihm dabei. „Völlig legal“, sagt Dominique Görlitz. So legal, dass er das Steineklopfen und die Probenentnahme von Schriftzeichen aus einer Ecke in der Königskammer filmen lässt. Später lädt er den Film ins Internet. „Wenn ich damals nicht davon überzeugt gewesen wäre, dass das okay ist, was wir tun, hätte ich diesen Film doch sonst nicht ins Internet gestellt. Ich bin doch nicht naiv!“

Im Dresdner Fresenius-Institut war der Expeditionsleiter und Hobby-Forscher Stefan Erdmann zudem seit Jahren gut bekannt. Mehrfach schon, vor allem von seinen Begehungen 2005 bis 2007 hatte er dort Material analysieren lassen. Auch die Krümel von der dunklen Decke und jene Farbproben aus der Königskammer.

Doch das interessiert die Antikenwächter letztlich nicht mehr: Oktober 2013, der Film steht im Web und der Ägyptologe Osama Karar findet ihn dort. Karar hat eine Organisation zum Schutz der altägyptischen Kunstschätze gegründet. Denn seit dem Sturz des Mubarak-Regimes sind Polizei und Antikenverwaltung nicht mehr Herr der Lage. Mehr Kunstschätze denn je zuvor landen auf dem Schwarzmarkt in aller Welt. Grabstätten werden geplündert und Bauwerke beschädigt. „Das sind teils schwer bewaffnete Banden, die diese Raubzüge planen und durchführen“, berichtet Professor Hans-Werner Fischer-Elfert, Direktor des Ägyptischen Museums an der Universität Leipzig. „Etwas Antikes außer Landes zu bringen ist prinzipiell illegal. Ganz gleich, ob dies nur ein Krümel von einem Krümel ist oder eine ganze Statue.“ Das hätte auch Görlitz wissen müssen.

Osama Karar und seine Leute wollen diesen Ausverkauf stoppen. Mit allen Mitteln. Er zeigt Görlitz und Erdmann an. Nicht etwa im Ministerium, sondern beim Ex-Minister Zahi Hawass. Der war unter Mubarak politisch groß geworden. Nach der Revolution wurde er entlassen und auch angeklagt. Dennoch schaffte er es zweimal wieder zurück ins Amt. 2011 war dann allerdings endgültig Schluss für ihn. Unter diesen Vorzeichen kam die Akte Görlitz für Hawass genau zum richtigen Zeitpunkt. Über alle medialen Kanäle beschuldigte er die Deutschen der Zerstörung der Königskartusche.

Jene Kartusche, eine rote, ovale Zeichnung, ist das Heiligste der Heiligtümer in Ägypten. Sie ist der schriftlich überlieferte Beweis für Cheops als Bauherrn. Nicht mal anfassen darf man sie. „Von dieser Kartusche hängt geradezu die Identität des Landes ab“, sagt der Leipziger Forscher Fischer-Elfert. „Eine Beschädigung daran muss ja geradezu einen Sturm des Entsetzens auslösen.“ – Und der Sturm bricht los. Hawass hoffte wohl, damit seinen Widersacher im Amt zu beschädigen. Der damalige Minister für Antiken stand sowieso schon unter massivem Druck wegen der Plünderungen in den Kulturdenkmälern. Hawass’ heimliche Hoffnung war vielleicht die Chance auf eine dritte Rückkehr ins Amt. Niemand fragte zu jener Zeit, woher Hawass indes die Gewissheit nahm, dass die Deutschen von der Kartusche die Farbe abgekratzt hatten. Und Hawass setzt in der ägyptischen Zeitung „Al Masry Al Youm“ noch eins drauf: Das alles sei angezettelt und bezahlt worden von einem in Belgien lebenden ägyptischen Juden. Dieser Robert Bauval wolle beweisen, so erklärt Hawass, dass die Pyramiden vor 15 000 Jahren von Juden erbaut worden seien. Doch da gab es die Juden als Volk und Religion noch gar nicht. Zumindest diese These hat Hawass inzwischen zurückgezogen. Nicht so die Anschuldigungen: Die Deutschen haben die Kartuschen zerstört.

Die SCA, die oberste Denkmalbehörde Ägyptens, wird nun aktiv. Eine Inspektion soll Klarheit bringen, was überhaupt beschädigt wurde von den Deutschen. „Das war wie ein Schock“, sagt Görlitz. „Wir waren in dem festen Glauben, alle nötigen Genehmigungen zu haben. Und so lief es doch schon seit Jahren.“ – Fischer-Elfert zuckt nur mit den Schultern. „Die Zeiten haben sich halt geändert. Zum Glück.“

Das ist inzwischen auch Dominique Görlitz bewusst geworden. Im November 2013 entschuldigt er sich in einem langen Schreiben an den Minister für die Tat, und nochmals kurz vor Weihnachten. Er sagt die sofortige Rückgabe der Wandpartikel zu und überhaupt jede Kooperation. Es folgt noch eine Entschuldigung an das ägyptische Volk, verbreitet über die größte dortige Nachrichtenagentur Mena. Ein Mediator vermittelt zwischen Görlitz und dem Ministerium. „Da glaubten wir die Kuh vom Eis!“ Doch das Eis ist zu dünn.

Zwei Tage nach Weihnachten bekommt Monica Hanna die Bilder der Inspektoren zu sehen. Hanna arbeitet an der American University of Cairo. Sie ist eine der aktivsten Wächterinnen über das ägyptische Kulturgut und gründete zur Selbstverteidigung vor Plünderern die „Egypt’s Heritage Task Force“. Monica Hanna sieht die Bilder der beschädigten Kartusche, die die Inspektoren aus der Kammer mitbringen. Und ist entsetzt. An der Königskartusche sind professionelle Meißelschläge zu sehen. Das ist für sie der Beweis. Das waren die Deutschen. Was gerade noch so diplomatisch lösbar erschien, läuft von nun an völlig aus dem Ruder. Es dauert nur wenige Tage, dann wird die gesamte Crew verhaftet, die die Deutschen begleitet hat. Die Inspektoren der Antikenbehörde, die Touristenpolizisten und der Chef der Touristenpolizei. Auch der Tour-Operator, der alles organisiert hatte. Die drei Deutschen sind flüchtig, steht auf der ägyptischen Anklageschrift mit Haftbefehl. Die Beschädigung der Kartusche wird ihnen allen vorgeworfen. Auch die drei Deutschen stehen namentlich auf der ägyptischen Anklage. Ägypten hat ihre Auslieferung verlangt. Das wurde jedoch abgelehnt.

Aber Ermittlungen haben inzwischen auch hier in Deutschland begonnen, bestätigt die Chemnitzer Staatsanwältin Ingrid Burghart. „Anfang August haben wir einen Strafbefehl an Dominique Görlitz verschickt“, teilt Richter Marcus Gnad vom Amtsgericht Chemnitz mit. Um einige Tausend Euro Strafe soll es da gehen. Denn auch im Ausland begangene Taten können, wenn sie nach deutschem Recht strafbar sind, hier geahndet werden. Gemeinschädliche Sachbeschädigung und gemeinschaftlicher Diebstahl wird Görlitz vorgeworfen. Der Ort: die Königskartusche in der Cheops-Pyramide. Die Gerichtsverhandlung sei nicht vor Januar zu erwarten, sagt Gnad.

„Ja, wir haben Proben genommen. Wir haben uns dafür entschuldigt. Aber an der Kartusche haben wir überhaupt nichts gemacht“, verteidigt sich Dominique Görlitz. Bei der Suche nach entlastenden Beweisen kommt die Rettung aus Amerika. Robert Schoch, Professor für Naturwissenschaften an der Boston University, ist ein Top-Forscher, der auch an der Elite-Uni Yale studiert hat. Robert Schoch besitzt ganz wichtige Bilder von der Kartusche. Schoch war 2004 und 2006 in der Königskammer. 2004 war die Kartusche noch völlig unversehrt. 2006 befinden sich bereits genau jene Meißelspuren in dem roten Oval, die nun den Deutschen angelastet werden.

Irgendwann zwischen 2004 und 2006 müssen die Farbproben von der Kartusche genommen worden sein. Also nicht von Görlitz. Damals war Zahi Hawass zuständig für die Pyramiden von Gizeh. Jener Ex-Minister und Ex- Antikenchef, der den Kulturfrevel nun den Deutschen vorwirft. In dem Dokumentarfilm „Chasing Mummies“, erstmals ausgestrahlt am 21. Juli 2010, ist er zudem nur wenige Zentimeter von der angeritzten Kartusche entfernt zu sehen. Den Zuschauern erklärt er die oberen Kammern der Pyramide. Als leitender Ägyptologe muss er diese Beschädigungen damals gesehen haben. Wenn nicht, was für ein Ägyptologe und Wächter über die Schätze wäre er sonst gewesen?

Dominique Görlitz hat Berufung eingelegt. Denn auch im Strafbefehl ist immer noch von der Kartusche die Rede. „Ja, wir haben Fehler gemacht. Aber das waren wir nicht!“ Ohne die Kartusche, das glaubt auch der Leipziger Professor, wäre dies alles niemals zu so einem Pyramidenskandal eskaliert. Ob sich das jetzt noch selbst mit Beweisen zurückdrehen lässt, Fischer-Elfert ist skeptisch. Vor allem die sechs inhaftierten Ägypter trifft das hart. Seit einem halben Jahr sitzen sie im Gefängnis. Erst in der kommenden Woche beginnt der Prozess in Kairo – ohne Görlitz: „Ich kann nur hoffen, dass diese armen Kerle so schnell wie möglich aus dem Gefängnis rauskommen und die ägyptischen Behörden endlich erkennen, dass wir nicht die Kartusche beschädigt haben.“