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Angela Merkel verärgert den Neuling

© dpa

Die Kanzlerin nimmt nicht an den Beitrittsfeiern in Kroatien teil. Die Absage löst anhaltenden Wirbel in Zagreb aus.

Von Thomas Roser, SZ-Korrespondent in Belgrad

Wer den Schaden anrichtet, darf sich über beißende Kritik nicht beklagen. Wegen „anderweitiger Verpflichtungen“ habe Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Besuch der EU-Beitrittsfeierlichkeiten am Sonntag in Zagreb abgesagt, hatte Kroatiens düpierte Regierung hilflos verbreiten lassen. Am Donnerstag veröffentlichten fast alle Medien des Landes den für Sonntag gähnend leeren Dienstkalender des Ehrengastes. „Noch eine diplomatische Ohrfeige für Kroatien“, titelte resigniert das Internet-Portal „index“. 

Die Vorbereitungen für die Beitrittsfeier waren angesichts der Krise und EU-Skepsis im Adria-Staat lustlos genug. Dass Berlin statt der Kanzlerin nicht einmal Außenminister Guido Westerwelle, sondern nur einen Staatssekretär nach Zagreb entsenden will, hat den Gastgebern die ohnehin gebremste Vorfreude endgültig vergällt. „Werden nach Merkel noch andere absagen“, fürchtet die Zeitung „Vecer“ bereits einen „Domino-Effekt“. Gründe für die Absage Merkels nennt Berlin offiziell wohlweislich nicht. Den Katzenjammer schon vor dem Fest hat sich Kroatiens unglücklich agierende Mitte-Links-Regierung selbst eingebrockt. Um die drohende Auslieferung von Ex-Geheimdienstchef Josip Perkovic nach Deutschland zu verhindern, hatte die Regierung im Parlament einen Gesetzentwurf eingebracht. Auslieferungen sind nur möglich, wenn die Straftat nach August 2002 begangen wurde.

Das Bundeskriminalamt verdächtigt den 68-jährigen Perkovic, 1983 den Auftrag zur Ermordung des Exil-Jugoslawien Stjepan Djurekovic in Bayern erteilt zu haben. Die Absage Merkels hat in Zagreb eine heftige Debatte ausgelöst: Regierung und Opposition werfen sich gegenseitig eine mangelnde Vergangenheitsbewältigung vor. 

Die in die Opposition verbannte HDZ hatte sich in der Vergangenheit in Sachen Perkovic nicht mit Ruhm bekleckert. Dieser galt nach dem Zerfall Jugoslawiens als enger Mitarbeiter des HDZ-Gründers Franjo Tudjman. Der heutige HDZ-Chef Tomislav Karamarko war als damaliger Chef des Geheimdienstes 2006 Mitglied einer Spezialkommission, die aus Mangel an Beweisen die Ermittlungen gegen Perkovic einstellen ließ.