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Angriff aus dem Nichts

Raue Checks sind Footballer gewöhnt – einen US-Präsidenten, der sie als Hurensöhne beschimpft, nicht.

© dpa

Von Martin Bialecki

Es kommt nicht häufig vor, dass in der Sportberichterstattung vom drohenden Atomkonflikt mit Nordkorea die Rede ist, von Irans Raketenprogramm oder den drängenden Problemen einer Krankenversicherung. Nach diesem Wochenende aber fragen in den USA sehr viele Kommentatoren, ob der Präsident eigentlich nichts Wichtigeres zu tun habe, als auf Footballer einzudreschen, die während der Hymnenzeremonie knien, und das Land wirklich keine anderen Probleme habe?

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Es ist dabei nicht mehr entscheidend, wofür oder wogegen die Sportler ursprünglich protestierten. Colin Kaepernick machte 2016 den Anfang. Der Quarterback der San Francisco 49ers wollte ein Zeichen setzen gegen Polizeigewalt und kniete nieder. Andere schlossen sich an. Heute ist er vereinslos. Einsetzend mit dem Saisonauftakt im September protestierten weitere Profis.

Dann mischte Donald Trump sich ein. Bei einem Auftritt in Alabama sprach er den knieenden Spielern den Respekt vor Volk und Vaterland ab. Trump wünsche sich, dass einer dieser „Hurensöhne“ gefeuert werde. Am Sonnabend legte er nach, und wo Trump mal dabei war, lud er auch gleich Stephen Curry von einer Ehrung im Weißen Haus wieder aus. Der Basketballer wollte aber eh nicht mehr kommen. Als Tom Brady von den New England Patriots nicht zur Ehrung ins Weiße Haus kam, schwieg Trump. Brady ist weiß. Am Montag bezeichnete Brady Trumps Äußerungen als „spalterisch“. Das erregte Aufsehen.

Anlass und das Ziel des Protests entkoppeln sich. Die Symbolik richtet sich gegen Trump. Sie tritt ein für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Viele NFL-Profis sind Helden in den USA. Fans begleiten ihr Leben und ihre Spiele mit einer in Deutschland kaum nachvollziehbaren Innigkeit. Trump empfahl, der NFL fernzubleiben.

Sein Angriff ist zwar gefährlich, aber er setzte ihn am Wochenende fort, und auch seine Büchsenspanner schwärmten aus. Dem harten Kern der „Die Hard“-Trumpisten – das zeigen Umfragen – ist es völlig egal, was er sich leistet. Trump ist ihr Präsident. Strategisch ist das Vorgehen dennoch rätselhaft. Mit einer Minderheit – sei sie noch so überzeugt – gewinnt er weder Wahlen noch Zustimmung zu Gesetzen.

Beinahe 200 NFL-Profis trotzten in den 14 Spielen des Sonntags Trumps Kritik, knieten während der Hymne oder blieben sitzen. Demonstrativ umarmten Profis sich am Spielfeldrand oder hielten sich an den Händen. Drei NFL-Klubbesitzer schlossen sich an. Die Pittsburgh Steelers blieben wie zwei andere Mannschaften während der Hymne in der Umkleide. Das ist aber ein Verstoß gegen die Regeln der Liga. Trump, der huldvoll-gestrenge Zampano, sagte am Sonntag: Unterhaken sei okay, knien nicht. Möchte er darüber bestimmen, welche Bürger dem Recht auf freie Meinungsäußerung auf welche Art Ausdruck verleihen wollen? Dann retweetete Trump einen beinamputierten Veteranen: Wie gern dieser Mann doch auf seinen Beinen vor der Flagge stehen würde, für deren Freiheit er gekämpft habe. Der zweite Retweet legte einen Boykott der NFL nahe.

Das Nachfragen bei Fans am Sonntag im kalifornischen Carson, auf dem Parkplatz vor dem Spiel der Los Angeles Chargers gegen die Kansas City Chiefs, ergibt ein differenziertes Meinungsbild. Der 32-jährige Arnold Iribarren sagt: „Ich mag das Knien nicht. Wenn du für die NFL spielst, repräsentierst du ja auch dein Land. Also solltest du stehen.“ Der 59-jährige Sam Garcia ergänzt: „Der Protest gehört auf eine andere Plattform.“ Der 52-jährige Robin Steiner widerspricht: „Es ist ihr Recht. Wie sie es ausdrücken, ist ihre Sache.“

In Alabama trennte Trump, einmal mehr, vor einem fast ausschließlich weißen Auditorium zwischen dem „Wir, Leute wie Ihr“ des von ihm so verstandenen eigentlichen Volkes und „diesen Typen“, die da in den Stadien knieten. Die Liga wehrte sich, deutlich und scharf in der Sache, moderat und strikt inhaltlich im Ton. Sogar Robert Kraft, Eigentümer der New England Patriots, kritisierte seinen guten Freund.

70 Prozent der NFL-Profis sind Farbige. Die meisten Knienden sind es auch. Mit seinen neuerlichen Ausfällen dürfte Trump letztlich eine Protestbewegung eigenhändig befeuern. Dass das Knien und die wütende Kritik – nicht nur aus der Sportwelt – enden, ist nicht zu erwarten. Es läuft eine richtige Welle durch das Land.

Trump liegt mit der NFL immer wieder überkreuz. Er kann das Verlieren einfach nicht ab. Seit Längerem kritisiert Trump die ständig fallenden Einschaltquoten, die Regeln als „viel zu lasch“ und die ausbleibende Härte im Spiel. Studien zu Schädel- und Hirnverletzungen in der NFL scheinen ihm nicht gegenwärtig zu sein.

In den 1980er-Jahren probierte Trump, die US-Football-League als Konkurrenzwettbewerb aufzubauen. Das gelang ihm ebenso wenig wie der Erwerb eines NFL-Vereins. Dabei hätte das womöglich den Lauf der Geschichte verändert. 2016 sagte Trump: Wäre 2014 sein Angebot für die Buffalo Bills angenommen worden, wäre er niemals in den Wahlkampf ums Weiße Haus eingestiegen. So aber sei Politik dann doch aufregender und außerdem deutlich billiger. Verkauft wurden die Buffalo Bills für 1,4 Milliarden Dollar. Trump bot 400 Millionen Dollar zu wenig. (dpa)