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Angriffe wegen unzüchtiger Kleidung

In der Türkei sind Shorts und Miniröcke zunehmend verpönt. Säkulare Frauen klagen über die Tugendwächter.

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© Screenshot: SZ/ShowTV

Von Frank Nordhausen, Istanbul

Frauen, die Shorts tragen, müssen sterben“, rief der kleine, kräftige Mann, bevor er mit voller Wucht gegen den Kopf der Frau trat. Der Angriff traf Aysegül Terzi am Montag vergangener Woche völlig unvermittelt. „Ich trug meine Kopfhörer, deshalb bekam ich zuerst nicht mit, was er brüllte“, erzählt die junge Frau aus Istanbul in einer TV-Reportage. Die 23-jährige Krankenschwester fuhr im Bus von der Arbeit nach Hause, als der Mann sie attackierte.

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Aysegül Terzi trug Prellungen am Kinn davon, musste ins Krankenhaus und wandte sich anschließend ans Fernsehen. Der private Boulevardsender ShowTV machte den Vorfall öffentlich und zeigte dazu Bilder einer Überwachungskamera. Drei junge Männer stoppten den Angreifer, doch es gelang ihnen nicht, ihn an einer Haltstelle an der Flucht zu hindern. Erst am Sonnabend wurde er festgenommen.

Der brutale Übergriff hat in der Türkei eine Welle der Empörung hervorgerufen, zuerst in den sozialen, dann auch in den herkömmlichen Medien. Auf Twitter erfuhr die selbstbewusste junge Frau vieltausendfache Unterstützung. Frauen dürften anziehen, was sie wollten, schrieben zahlreiche Nutzer. In mehreren größeren Städten der Westtürkei demonstrierten Frauen für das Opfer und gegen männliche Gewalt – und zwar in Shorts. Sie haben das Gefühl, dass der Angriff kein Einzelfall ist, sondern dass eine zunehmende Islamisierung stattfindet, die ihren modernen Lebensstil bedroht und Frauen dazu zwingen will, sich „sittsam“ zu kleiden, wie es konservative Patriarchen definieren.

Der Angreifer namens Abdullah C. lieferte Gründe dafür. Bei seiner Festnahme lachte er und sagte: „Alles ist unter Kontrolle – alles geschah nach islamischem Gesetz.“ Im polizeilichen Verhör gab er die Attacke zu, doch ließ ihn ein Staatsanwalt am Sonntag wegen „Geringfügigkeit“ wieder laufen, obwohl der 35-Jährige laut türkischen Medien erklärte: „Die Shorts, die sie trug, waren nicht angemessen. Ich dachte, dass sie die Werte unseres Landes und der Gesellschaft missachtet. Deshalb wurde ich wütend und griff sie an.“ Seiner Meinung nach müsse der Staat Frauen bestrafen, die sich so „unzüchtig“ kleideten. Als die Freilassung zu einem neuen Sturm in der Öffentlichkeit führte, ließ ein anderer Staatsanwalt den Täter flugs wieder festnehmen, Begründung: „Anstiftung zu Feindseligkeit in der Gesellschaft“ – eine Kehrtwende, die auch einiges aussagt über die verunsicherte türkische Justiz.

Inzwischen hat der Fall die Politik erreicht. Die sozialdemokratische Oppositionspartei bezeichnete die Tat als strafbares Hassverbrechen und machte sie zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage. Umgehend reagierte auch die türkische Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya, rief Aysegül Terzi persönlich an und sicherte ihr ihre volle Unterstützung zu. Die Ministerin weiß, dass bestimmte Gewalttaten gegen Frauen schnell zu Massenprotesten führen können, wie im vergangenen Jahr, nachdem ein Minibusfahrer eine 19-jährige Studentin in der Südtürkei vergewaltigt und ermordet hatte.

Ob das Signal der Vernunft den konservativ-religiösen Teil der Gesellschaft wirklich erreicht, bleibt fraglich. Am Mittwoch meldeten Zeitungen einen ähnlichen Zwischenfall aus der Mittelmeermetropole Izmir. Dort bedrohte ein Mann in der U-Bahn eine junge Frau, deren selbstbewusstes Verhalten ihm missfiel, mit den Worten: „Du weißt, was mit der Frau in Shorts geschah, und redest immer noch, halt den Mund, Hure.“ Die Frau erstattete Anzeige.

Die Fälle seien symptomatisch, sagt Düriye Sezgin von der Menschenrechtsorganisation IHD in Istanbul. Seit dem Militärputsch würden ihr deutlich mehr gewalttätige Übergriffe gegen Frauen in der Öffentlichkeit gemeldet. „Wir glauben, dass es einen Zusammenhang gibt, weil sich die Machos und Islamisten seither stärker fühlen.“ Sie warnt vor einer weiteren verhängnisvollen Polarisierung der Gesellschaft, die von der Regierung geduldet, wenn nicht gefördert werde. Tatsächlich klagen säkulare Frauen seit dem Putschversuch immer öfter über Pöbeleien und Anfeindungen, wenn sie etwa Spaghettiträgerhemden, Shorts oder Miniröcke anziehen, die den selbsternannten Tugendwächtern als nicht sittsam genug erscheinen. Einen krassen Fall schilderte die linke Zeitung Evrensel Anfang August. Ihre Redaktionssekretärin Hazal Ölmez, im sechsten Monat schwanger, ging sommerlich gekleidet zu ihrer Wohnung nahe dem berühmten Großen Basar Istanbuls, als zwei junge Frauen im schwarzen Tschador sie plötzlich an den Haaren zogen, schlugen und dazu laut riefen: „Warum ziehst du dich so unzüchtig an, du bist eine Putschistin, eine Verräterin!“ Hazal Ölmez ist noch immer so traumatisiert, dass sie sich nicht zu einem Interview in der Lage sah.

Das Autobusopfer Aysegül Terzi zeigte sich unterdessen erleichtert, dass ihr Angreifer erneut festgenommen wurde und inzwischen in Untersuchungshaft kam. Derweil enthüllte das türkische Internetnachrichtenportal SoL, dass Abdullah C. Mitglied einer Facebook-Gruppe namens „Verehrer von Tayyip Erdogan“ ist – des türkischen Staatspräsidenten. Darin verbreitete der Schläger unter anderem folgendes Statement eines radikalen Islamisten: „Frauen, die offenherzig auf der Straße herumlaufen, gehören mir.“