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„Angst ist keine Option“

Extremkletterer Thomas Huber und sein Bruder gehen gerade verschiedene Wege. Aber sie wissen um ihre Stärken. In Dresden werden sie jetzt davon berichten.

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Immer wieder zieht es Thomas Huber nach Pakistan. Hier steht er auf dem 6 920 Meter hohen Ogre III im Karakorum.
Immer wieder zieht es Thomas Huber nach Pakistan. Hier steht er auf dem 6 920 Meter hohen Ogre III im Karakorum. © dpa/picture-alliance

Im Doppelpack sind sie eine Marke, die Huber-Brüder Thomas und Alexander, die bayerischen „Buam“. Die Extremkletterer meisterten spektakuläre Routen und Wände, sind präsent in Filmen und Büchern, bei Talkshows und Vorträgen. Am Sonnabend tritt der Ältere in Dresden beim Reise- und Abenteuer-Festival der Veranstaltungsreihe „Bilder der Erde“ auf. Zuvor redete Thomas Huber im Interview mit der Sächsischen Zeitung über sein Verhältnis zum Bruder, warum er sich als Maschine fühlt und sein Glas immer halb voll ist.

Thomas Huber, hatten Sie eine kletterfreie Zeit über die Jahreswende?

Nein, ich habe zu Hause trainiert, es war ein Durchatmen. Mein Bruder Alexander ist nun auch ein Familienmensch geworden, vielleicht sogar mehr als ich. Er ist verheiratet, hat ebenfalls drei Kinder.

Sie haben immer wieder Ihr „Dahoam“ thematisiert. Wo ist das eigentlich?

Es gibt für mich nur ein Zuhause – Berchtesgaden, dort, wo ich wohne. Wir sind wirklich privilegiert, weil es für mich der schönste Ort ist. Da kann ich unglaublich Energie auftanken, um dann loszuziehen zu den ganz großen Abenteuern, die auf mich warten in den Bergen dieser Welt.

Sehnen Sie sich in der Ferne nach zu Hause und umgekehrt?

Nein. Beide Lebensräume sind klar abgesteckt. Ich kann diese Momente sehr intensiv erleben. Dabei ist mein Geist nicht ständig auf Reise. Natürlich kommt bei Expeditionen – vor allem, wenn es nicht richtig läuft – eine Sehnsucht nach zu Hause und Geborgenheit auf. Aber wenn ich zum Beispiel unterwegs nach Pakistan zum Latok bin, spüre ich Vorfreude und Energie, die sich kaum beschreiben lässt. Dabei reisen meine Kinder, meine Familie im Herzen immer mit – und die Erwartung, sie bald wieder in die Arme schließen zu können.

Sie sind nicht hin- und hergerissen?

Nein, diese Zerrissenheit spüre ich nicht. Wenn ich da bin, bin ich da, genieße alles. Manche sind immer auf der Flucht. Dann ist man nirgends richtig zu Hause.

Wo ist das, wenn Sie unterwegs sind?

So blöd wie das klingt – im Zelt. Auf zwei Quadratmetern fühle ich mich wohl. Da habe ich meine Bücher, das Tagebuch, den MP3-Player. Es ist eine Art Ort der Erfüllung. Aber mein Ort der Ruhe und Gelassenheit ist, wo ich wohne – Berchtesgaden.

Verstärken Touren mit Ihrem Bruder dieses Gefühl der Geborgenheit?

Der Bruder ist mein bester Partner, manchmal auch nicht, weil man sich zu nahe ist. Wir sind schon zusammen gestartet, dann drifteten die Wege auseinander, und wir trafen uns wieder. Im Moment gehen unsere Wege auseinander. Es ist ein respektierendes Nebeneinander in der Hoffnung, bald wieder zusammen gehen zu können. Wir haben auch unterschiedliche Projekte.

Wovon hängen die ab, von der Leistungsfähigkeit?

Eher davon, was man sich abverlangt. Alexander hat auch wegen seiner familiären Situation andere Ziele. Meine gehen Richtung Extrem-Alpinismus. Ich habe klare Vorstellungen von der Latok-Nordwand. Davon spreche ich in „Steinzeit“.

Sie gelten als das weltbeste Kletter-Brüderpaar. Was sind Ihre Stärken?

Blindes Vertrauen. Nur dann funktioniert es, die Leistungsgrenze nach oben zu schrauben. Deshalb bin ich so gern mit meinem Bruder unterwegs.

Was zieht Sie immer wieder zum Latok?

Ich war schon dreimal dort in Pakistan. Es ist das wahnsinnigste, schwierigste Gebirge der Welt. Für mich gibt es keinen anderen Ort, der so eine Kraft und Ausstrahlung hat. Die Berge sind dort wunderschön und wirken gleichzeitig unbezwingbar. Das ist generell ein Reiz des Bergsteigens.

Sie haben diese eine Wand im Blick. Gibt es da eine emotionale Beziehung?

Ja, ich will sie unbedingt. Man muss abwägen, dass dies nicht zum Wahnbild wird, und akzeptieren, wenn es nicht funktioniert. An dem Punkt bin ich noch nicht. Und ich weiß nicht, was danach kommt, wenn ich die Wand schaffen würde.

Sie haben die Route im Kopf?

Jedes Biwak, die ganze Route, ich kenne die Gefahren, weiß, wie man hinkommt – ich durfte schon sehr, sehr viel erfahren. Im Juli bin ich wieder dort.

Von Ihnen kursiert der Spruch: „Ich bin eine brutale Maschine.“ Und sie gehen aufs Schlachtfeld, spielen den Herkules. Haben Sie das so brachial gesagt?

Ja. Bergsteigen ist etwas Lebensbedrohliches. Für mich ist es eine Metapher. Wo wir hingehen, ist es gefährlich. Man kann das überleben, wenn man genau weiß, dass der nächste Schritt für das Überleben essenziell wichtig ist. Dann setzt du den Schritt exakt dorthin, um am Leben zu bleiben. Meine Familie lebt davon, dass ich diese Abenteuer überlebe. Und wenn ich gehe, dann gehe ich – wie eine Maschine. Manchmal bin ich zögerlich. Aber wenn ich ein gutes Gefühl habe und losgehe, dann habe ich eine unglaubliche Energie, einen Positivismus, bin nach vorn getrieben. Dann hält mich nichts.

Sind Ihre Kinder auch so?

Sie sind ähnlich gestrickt. Ich versuche, meine Kinder mutig zu erziehen. Wenn sie etwas tun wollen, dann sollen sie es mit voller Energie durchziehen. Elias ist schon aus dem Haus, arbeitet bei der Bundespolizei. Amadeus und Philomea gehen noch zur Schule. Beide Jungs sind Snowboarder und spielen in einer Band, machen Rock ’n’ Roll wie ich. Die Kleine klettert. Sie haben ihren Weg gefunden, sind wild, anständig, ungebunden und Naturmenschen.

Wie hart trafen Sie Krankheiten?

Ich hatte 2011 einen gutartigen Nierentumor. Eine Operation war nötig. Da stand ich kurzzeitig am Abgrund, fühlte mich ausgeliefert und hatte Angst. Die spüre ich sonst selten, weil man draußen immer umdrehen kann. Es gibt nichts, was man nicht machen kann. Man muss nur den richtigen Moment nutzen und braucht Glück. Das hatte ich bei einem 16-Meter-Sturz 2016 beim Abseilen. Ich hatte enormes Glück, zog mir nur eine Schädelfraktur zu.

Halfen Ihnen bei der Heilung die Berge?

Direkte Kraft schöpfte ich daraus nicht. Aber die Berge haben mich gelehrt, nie aufzugeben. Das hat mich bei der Heilung unterstützt, nichts zu überstürzen, Schritt für Schritt zu gehen. Einen Monat nach dem Absturz war ich wieder auf Expedition. Das war nur möglich, weil ich denke wie ein Bergsteiger, weil ich all meine Energie in den nächsten Schritt setze.

Sie sind 52. Spüren Sie Veränderungen?

Die Haare werden grau (lacht). Falten nehmen zu. Das muss man akzeptieren. Klar geht nicht mehr alles so wie bei der jungen Generation. Aber im Extrem-Alpinismus kann ich immer noch Dinge tun, die mir in jungen Jahren nicht gelungen wären, weil mir die Erfahrung fehlte.

Welche Botschaften sind Ihnen bei Ihren Vorträgen wichtig?

Dass Angst keine Option ist. Man muss auch mal mutig sein und absteigen, um am Ende doch ganz oben zu stehen. Für mich ist das Glas immer halb voll. Manche sind auf Expeditionen schon verrückt geworden, weil ich manchmal zu positiv denke.

Wovon handelt Ihr Dresdner Auftritt?

Es ist ein Querschnitt über mein Leben, mit meinem Bruder. Es ist eine wilde Geschichte um einen Stein, der ein Symbol meines Lebens ist, um den Latok und viele Stationen. Da gibt es lustige, philosophische, dramatische Momente.

Klettern ist jetzt olympisch. Wäre das was für Ihre Tochter?

Nein. Sie bouldert stark, ist im Leistungskader aber lieber in der Natur unterwegs. Ich bin auch kein Freund des olympischen Kletterns, wie es jetzt sein soll. Wenn das IOC akzeptiert hätte, dass es drei Disziplinen gibt, dann wäre das o.k. gewesen. Aber nur eine Kombinationswertung zu machen, das verwässert alles. Nach einer Disziplin sollte es eine Entscheidung geben.

Das Interview führte Jochen Mayer.

Thomas Huber „Steinzeit“: Livevortrag beim Reise- und Abenteuer-Festival „Bilder der Erde“ im Dresdner Alten Schlachthof, Sa. (19.1.), 15 Uhr. Tickets, Infos, Programm: www.bilder-der-erde.de