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Angst vor der Abschiebung

Drei junge Männer aus Afghanistan im Neukircher Asylbewerberheim hoffen, bleiben zu können. Ihre Chancen liegen jedoch bei unter 50 Prozent.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch

Husseini Hejran hat ein ehrgeiziges Ziel: Er möchte Deutsch lernen. So schnell und so gut wie möglich. Zurzeit besucht er einen Deutschkurs in Bautzen. Das aber reicht ihm nicht. Er nutzt das Internet, um neue Wörter zu lernen. „Zukunft?“ Sein fragender Blick lässt erahnen, dass er dieses Wort noch nicht kennt. Er schaut im Wörterbuch auf seinem Smartphone nach und übersetzt für sich und seine beiden Landsleute das deutsche Wort in ihre Muttersprache Dari.

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Husseini Hejran ist einer von zurzeit 16 Asylsuchenden aus Afghanistan, die im Heim an der Neukircher Oststraße leben. Zukunft – für den 19-Jährigen und seine beiden Landsleute Mohammad Mosswi, 21 Jahre, und Khalili Liaqet, 18 Jahre, besteht sie momentan in der Hoffnung, in Deutschland bleiben zu dürfen. Ende letzten Jahres kamen sie in Sachsen an. Sie wurden zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung Niederau bei Meißen untergebracht. Seit Februar leben sie in Neukirch. Jeder in einem Mehrbettzimmer, das er sich mit anderen Flüchtlingen teilt. Privatsphäre gibt es da nicht. Doch die drei jungen Männer beklagen sich nicht. Sie sind froh, hier in Sicherheit zu sein.

Unruhe und Kriege seit 1979

Die Drei waren noch nicht geboren, als die sowjetische Armee 1979 in Afghanistan einmarschierte, um das Regime von Machthaber Najibullah zu retten. Seitdem wird das Land immer wieder von Kriegen und weiteren Unruhen erschüttert. Husseini, Khalili und Mohammad kennen ihr Land nicht anders. Mohammad streift den Ärmel seiner Jacke hoch. Eine breite Narbe kommt zum Vorschein. So lang wie sein ganzer Unterarm. Darüber sprechen möchte er nicht. Er kann es vielleicht auch nicht. Offenbar sitzen die Erfahrungen, die er mit den radikal-islamischen Taliban gemacht hat, zu tief. „Wir wollen bleiben. Zurück nach Afghanistan können wir nicht, so lange dort Krieg herrscht“, sagt Husseini Hejran stellvertretend für ihn.

Die Chancen, in Deutschland Asyl zu bekommen, sind für Menschen aus Afghanistan jetzt jedoch schlechter als noch vor ein paar Monaten. Die Europäische Union und Deutschland einigten sich mit der Regierung in Kabul auf Rückführungsabkommen. Menschenrechtsorganisationen warnen vor einer Rückkehr ins Ungewisse, die für viele in irgendeinem Auffanglager enden würde. Afghanistan sei noch längst nicht befriedet, heißt es bei Pro Asyl. Dieser Organisation zufolge wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres über 1 600 Zivilisten getötet und weitere 3 500 verletzt. Gleichzeitig sank die Quote der in Deutschland anerkannten Asylbewerber aus Afghanistan von 78 Prozent im vergangenen Jahr auf 48 Prozent in diesem Jahr. Statistisch gesehen haben von den 16 Afghanen im Neukircher Heim – vier einzelne Männer und einige Familien – nur acht eine Chance, in Deutschland Asyl zu bekommen. Das wissen auch Husseini Hejran und seine Landsleute – und sie machen sich Sorgen, ihr Antrag könnte abgelehnt und sie aus Deutschland abgeschoben werden.

Kaum Kontakt zu den Dorfbewohnern

In Neukirch machten die Drei bisher keine schlechten Erfahrungen, auch wenn sie kaum Kontakt zu Dorfbewohnern haben. Rund 100 Menschen leben im ehemaligen Lehrlingswohnheim, unter anderem Syrer, Iraker, Iraner, Nordafrikaner und Kosovaren. Hinzu kommen rund 25 unbegleitete Jugendliche im ehemaligen Schullandheim. Dass der Landkreis entgegen dem Willen des Gemeinderates und vieler Neukircher deutlich mehr als 50 Flüchtlinge im Ort unterbringt, sehen viele im Ort noch heute kritisch. Trotzdem ist es weitgehend ruhig. Auch weil im Ort über das Thema nicht nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Im Frühjahr führte der Gemeinderat eine Bürgerbefragung auch zur Asylfrage durch. Knapp 500 Neukircher ab 16 Jahre, etwa zwölf Prozent der Bevölkerung, nahmen daran teil. Etwa ein Drittel gab an, bereits Kontakt zu den Asylsuchenden gehabt zu haben. 17 Prozent machten positive, 16,5 Prozent negative Erfahrungen. Fast 65 Prozent der Teilnehmer sagten, dass sie bisher noch keinen Kontakt zu Asylbewerbern hatten.

„Das Thema polarisiert. Es ist neu und komplex und betrifft die kleine Ebene genau so wie Bund und Land“, sagt Altbürgermeister Gottfried Krause. Er engagiert sich im Arbeitskreis Willkommenskultur, dem Vertreter von Kirchgemeinde, Jugendhaus und weitere Bürger angehören. Das Bündnis wirbt für Verständnis, begleitet Asylbewerber bei Behördengängen, macht Beschäftigungsangebote für Kinder im Heim, hilft anerkannten Asylbewerbern bei der Wohnungssuche und lädt zu einem Begegnungscafé ein, das Einheimische und Fremde zusammenbringen möchte. Auch Christian Schäfer vom Jugendhaus erkennt „viel Gutes“ zur Unterstützung der Flüchtlinge im Ort. Die meisten sind friedlich und bieten so Asylgegnern keine Angriffsfläche, sagt er. „In den Gesprächen, die wir führen, kommen von den Asylbewerbern immer wieder drei Fragen: Wie bekomme ich eine Arbeitserlaubnis? Wie finde ich einen Job? Wo bekomme ich einen Deutschkurs?“

Für Husseini, Khalili und Mohammad ist die zumindest die letzte Frage beantwortet. Sobald sie anerkannt sind, wollen sie eine Ausbildung machen und arbeiten. Husseini Hejran interessiert sich für Elektronik. Die anderen beiden würden später gern mal auf dem Bau arbeiten.