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Anne, ich habe eine Beschwerde!

Im turbulenten Frankfurt ticken die Uhren anders als im Osten und manchmal ist die Zeit eine Pizza.

Im Deutschkurs übte ich mit Geflüchteten die Uhr. © Dominique Bielmeier

Liebe Anne,

herzlich willkommen im Osten - und im Winter! Hier in Frankfurt ist fast schon Frühling, es ist zwar kalt aber sonnig. Schnee gibt es hier ohnehin fast nie, habe ich mir sagen lassen, denn es ist immer etwas wärmer als anderswo in der Region. Der Stadtteil Westend soll sogar im Schnitt der wärmste Ort Deutschlands sein, im vergangenen Jahr wurde hier die höchste Durchschnittstemperatur seit Messbeginn erfasst. Schuld ist die dichte Bebauung in der Stadt, auch die riesigen Bankentürme speichern die Wärme.

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Doch bis zu ihnen bin ich noch gar nicht vorgedrungen, so voll waren meine ersten drei Tage hier. Ich habe nicht nur geschätzt 50 neue, übrigens sehr nette Kollegen kennengelernt, sondern auch einen Sitzungsmarathon hinter mir, eine Einführung in euer Redaktionssystem, und durfte nebenbei sogar schon meinen ersten Kommentar für chrismon.de schreiben. Und das war erst tagsüber.

Abends war ich bei „SpeakOut“, einem ehrenamtlichen Deutschkurs-Projekt für Geflüchtete. Wir tauschen ja nicht nur die Schreibtische, sondern auch ein wenig die Leben, was heißt, dass ich nun immer dienstags deinen Deutschkurs übernehme und du dafür einmal in einem Kindergarten vorliest. Ganz ehrlich? Vor diesem Teil unseres Tausches hatte ich im Vorfeld den meisten Respekt.

Bei den Kindern muss man manchmal Aufmerksamkeit einfordern, weil sie gerade lieber draußen im Schnee spielen würden. Ob es mir bei den erwachsenen Frauen und Männern ähnlich gehen würde? Hatten sie nichts Besseres zu tun als in einem Klassenraum zu sitzen und einer Frau zuzuhören, die während ihres Literaturstudiums viel Zeit dafür aufgewendet hatte, jedem, der fragte, zu erklären, dass sie eben nicht Deutschlehrerin werden wollte?

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Am Ende übte ich mit vier sehr motivierten Männern aus Afghanistan Modalverben - „Du darfst nicht rauchen.“ „Ich möchte nicht fliegen.“ - und die analoge Uhr. Wie unnötig kompliziert wir eigentlich die Uhrzeit beschreiben, oder? Fünf nach halb zwölf - oder elf Uhr 35. Langsam bin ich selbst verwirrt.

Aber, Anne, ich habe eine Beschwerde! Bei einem anderen Deutschkurs fragte ein Schüler irgendwann, ob er nicht auch „drei Viertel zwölf“ sagen könne. Nein, das sei falsch, nur „Viertel vor zwölf“ sei richtig, erklärte sein Lehrer. Wie soll der arme Mann sich nun zurechtfinden, wenn er mal in den Osten kommt und nach der Uhrzeit fragt?

Dann wird er hören, dass es drei Viertel zwölf ist oder sogar schon Viertel eins. Denn mit der Uhrzeit ist es bei uns wie mit einer Pizza: Man hat schon ein Viertel von ihr gegessen oder sie ist schon zu drei Vierteln weg. Eigentlich logisch, oder?

Du hast recht, Frankfurt ist wirklich bunter! Auf ganz entspannte Art und Weise eigentlich. Nicht so entspannt: der Verkehr. Ständig wird gehupt, gefühlt sind lauter Alphamännchen unterwegs. Sind das wirklich alles Banker? Müssen alle immer ganz dringend zur Börse?

Nur mit der Boulder-Halle täuschst du dich: Die gibt es hier in Frankfurt sehr wohl. Am Wochenende werde ich sie mal ausprobieren. Aber heute Abend mache ich erstmal: nichts.