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Anschlag auf Auto von Linken-Stadtrat

Unbekannte sprengten am Montagmorgen den Wagen von Michael Richter in die Luft. Die Kriminalpolizei ermittelt.

© Ronald Bonß

Von Jane Jannke

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Ein gewaltiger Knall reißt am frühen Montagmorgen Anwohner des Wohnblocks Dresdner Straße 309 in Freital-Deuben aus dem Schlaf. Kurz darauf erfüllt beißender Qualm die Luft; Glasscherben bedecken die Straße. Von dem grünen Golf Kombi, der noch bis eben unversehrt in der Parkbucht vor dem Plattenbau stand, ist nicht viel mehr als ein Schrotthaufen übrig. Es ist das Auto von Michael Richter, Ex-OB-Kandidat für Freital und Fraktionsvorsitzender der Linken im Stadtrat.

Als Richter gegen 0.45 Uhr von einer Detonation geweckt wird, glaubt er zunächst an den Böllerwurf irgendeines Chaoten – das komme in Deuben schließlich öfter mal vor. Sicherheitshalber schaut er doch aus dem Fenster – und traut seinen Augen nicht. Aus dem Heck seines Autos quillt Rauch, der Wagen selbst – Totalschaden. Sämtliche Scheiben sind geborsten, das Armaturenbrett verbogen, die Türen von einer ungeheuren Wucht aus den Angeln gehoben. Der 39-Jährige ruft sofort die Polizei. Von vornherein ist für ihn klar: Das war kein Zufall, sondern ein Anschlag.

Das schließt auch die Kripo zumindest nicht aus, die inzwischen wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion ermittelt. Seit Montagmorgen wird das Wrack untersucht. Inzwischen wächst der Verdacht: Was da in der Nacht auf Montag den Wagen des Stadtrats verwüstete, kann kein harmloser Silvesterknaller gewesen sein. Umherfliegende Trümmer beschädigten mindestens drei weitere Autos zum Teil erheblich.

Am Montagmittag ist der nächtliche Terror nur noch zu erahnen. Eine Reinigungsfirma fegt die letzten Spuren weg. Schwarze Rußflecken am Boden erinnern noch an die Tat. Im Block gehen derweil Angst und Entsetzen um. „Wir bekommen hier bald Gerüste vor die Fenster“, erzählt die Nachbarin. Dass irgendwann mal was passieren würde, sei ja „zu erwarten“ gewesen.

Michael Richter polarisiert. Der Linkspolitiker vertritt Positionen, die im überwiegend konservativen Freital, in dem auch die rechte Szene fest im Sattel sitzt, auf wenig Gegenliebe stoßen. Bekannt ist er für seine teils kompromisslose Haltung in der Asyldebatte. Als sich im März in Freital Demonstrationen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen im Leonardo-Hotel formieren, ist Richter Mitbegründer der asylfreundlichen Organisation für Weltoffenheit und Toleranz, die fortan am Hotel Kundgebungen abhält. Der 39-Jährige erhält Morddrohungen. Im Internet will man ihn wahlweise „an die Wand stellen“ oder „auf dem Scheiterhaufen verbrennen“. Den Anschlag auf seinen Wagen sieht Richter als Spitze des Eisbergs. „Schon im Wahlkampf habe ich Ablehnung und Hass zu spüren bekommen. Hier bricht sich eine aufgeheizte Stimmung bahn“, so der Stadtrat gestern auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz.

Wer die Täter waren, ist bislang völlig unklar. Richter vermutet sie im asylfeindlichen Lager rings um die selbst ernannte „Bürgerwehr“. In deren Umfeld ermittelt die Polizei bereits wegen eines Überfalls auf ein Auto mit Pro-Asyl-Aktivisten nach einer Demo Ende Juni. Auf der Facebookseite der Gruppe sei schon wenige Minuten nach der Explosion die erste Meldung aufgetaucht, sagt Richter. Anderthalb Stunden später die nächste mit dem Versprechen von Bildern. Die kamen dann auch – geschossen in den oberen Etagen von Richters Wohnhaus. Die Gruppe selbst bestreitet jede Beteiligung. „Frigida“ und „Freital steht auf“ distanzierten sich ebenfalls.

Vertreter von Grünen und Linken äußerten derweil ihre Solidarität mit Richter. Der grüne Landtagsabgeordnete Andreas Jahnel nannte die jüngste Eskalation der Gewalt „das Ergebnis einer Fehleinschätzung“.