merken

Anti-Homo-Politik als Imageschaden für Russland

Bei keinem Thema erntete Russland 2013 international so viel Protest wie mit seiner Politik gegen Lesben und Schwule. Wird der Olympia-Gastgeber 2014 etwas ändern an seinem Kurs?

© dpa

Ulf Mauder

Moskau. Auspeitschen, lebendig verbrennen oder die Herzen der Toten herausreißen - russische Meinungsmacher überbieten sich seit Monaten mit Vorschlägen im Kampf gegen Homosexualität. Der von Kremlchef Wladimir Putin eingesetzte neue Chef-Ideologe Dmitri Kisseljow schlägt letztere Variante vor, um gegen die vom Westen begonnene „Verschwulung der Welt“ vorzugehen. Putin selbst spricht zurückhaltender von einem Kampf zwischen „Gut und Böse“ in der Welt. Der Schauspieler Iwan Ochlobystin plädierte aber zuletzt ausdrücklich für das Verbrennen im Ofen - bei „lebendigem Leib“.

Anzeige
Bauherrentage in der Musterhausausstellung UNGER-Park
Bauherrentage in der Musterhausausstellung UNGER-Park

Am 18. und 19. September finden die „Bauherren-Tage“ statt. Freuen Sie sich auf Vorträge, Informationsrunden und Aktionen rund um nachhaltiges Bauen.

Es scheint, als würden die Vorschläge immer absurder, je stärker im Ausland der Protest gegen Russlands Anti-Homosexuellen-Politik wird. Stars wie Madonna, Lady Gaga, Elton John oder Schauspieler wie Tilda Swinton oder Stephen Fry prangerten Russlands Verbot von „Homosexuellen-Propaganda“ an. Das Gesetz stellt positive Äußerungen zu dem Thema vor Kindern unter Strafe, nicht aber die Hetze gegen Schwule und Lesben.

Das Auswärtige Amt in Berlin mahnte deshalb auch in einem Reisehinweis zur Vorsicht. Vor allem die vielen öffentlichen Reiseabsagen von Prominenten sorgen in der russischen Öffentlichkeit immer wieder für Aufsehen. Markant zuletzt war auch die Aktion „#Mundpropaganda“ prominenter Deutscher, die sich küssten, um so gegen Schwulenfeindlichkeit zu demonstrieren: auch der Sänger Herbert Grönemeyer und der Schauspieler August Diehl machten bei der Initiative des Magazins „GQ“ mit.

Russen haben eigentlich andere Sorgen

Warum Homosexualität, die in Russland weiterhin straffrei ist, überhaupt mit Gesetzen bekämpft wird, können sich viele einfache Menschen auf der Straße kaum erklären. Sie haben eigentlich andere Sorgen wie Armut und Arbeitslosigkeit. Experten meinen, dass die Politik hier künstlich ein „Aufregerthema“ - ähnlich dem Kampf gegen illegale Gastarbeiter - gesetzt habe, um von dem bisweilen harten Alltag abzulenken.

Auch in der Regierung gibt es ranghohe Beamte, die das hinter vorgehaltener Hand bestätigen. Sie betonen aber auch, dass es für Putin hier eine „rote Linie“ gebe. Der Präsident mahnte in seiner jüngsten Rede an die Nation zum Erhalt „traditioneller Werte“. Die Aussagen fielen, kurz nachdem in Indien ein Urteil fiel, dass Homosexualität wieder unter Strafe stellt. Und nicht zuletzt zeigt die russische Führung gern auf die Massenproteste in Frankreich in diesem Jahr gegen die Einführung der Homo-Ehe.

Kremlchef Putin sieht sich hier in enger Allianz mit der offen homosexuellenfeindlichen russisch-orthodoxen Kirche. Patriarch Kirill versteht Russland sogar als Bollwerk gegen einen drohenden Weltuntergang. Schuld hätten Schwule und Lesben. „Das ist ein sehr gefährliches apokalyptisches Symptom. (...) Denn das bedeutet, dass das Volk den Pfad der Selbstzerstörung einschlägt.“

Politik schadet Investitionsklima

Gleichwohl gibt es inzwischen immer mehr Regierungsmitglieder und prominente Mitglieder der Kremlpartei, die offen einräumen, dass sie die weltweite Protestwelle gegen das Anti-Homo-Gesetz unterschätzt hätten. Die Opernsängerin und Duma-Abgeordnete Maria Maksakowa (36) etwa sorgte dieser Tage für Furore mit dem Vorschlag, das Gesetz gegen Homo-Propaganda zu ändern. Ihr Argument: Das Verbot schade dem Investitionsklima.

Maksakowa sagte in einem Internet-Videoclip auch, dass im Westen beschäftigte russische Musiker zunehmend ausgegrenzt würden: „Sie werden aus der Besetzung von Stücken geworfen, sie fliegen aus Orchestern.“ Zuletzt sah sich der russische Star-Dirigent Waleri Gergijew in München mit wütenden Demonstranten konfrontiert.

Die Abgeordnete Maksakowa, Mutter von zwei Kindern, sieht einen extremen Imageschaden für Russland durch das Gesetz. „Sehr traurig muss ich einräumen, dass die Olympischen Spiele in Sotschi, die wir so lange und mit Herzklopfen vorbereitet haben, mit weniger Glanz und Pathos über die Bühne gehen könnten wegen dieses rückwärtsgewandten Gesetzes“, sagte sie.

Einer der bekanntesten Wortführer einer Anti-Schwulen-Politik, der St. Petersburger Politiker Witali Milonow, schüttelte nur mit dem Kopf: Maksakowa stamme offenbar aus einer Welt der „Abartigen“.

Doch Milonow oder auch die konservative Duma-Familienpolitikerin Jelena Misulina, die für die homophobe Politik verantwortlich zeichnet, werden sich weiter auf Widerstand einstellen müssen. Der Homosexuellen-Aktivist Nikolai Alexejew etwa kündigt Proteste während der ersten Olympischen Winterspiele in Russland an, die am 7. Februar in Sotschi eröffnet werden.

In der Schwarzmeerstadt will auch der Schwulenclub „Majak“ nicht kleinbeigeben. „Die Leute müssen schließlich etwas ausspannen“, sagt Betreiber Andrej Tenitschew. Er habe sich trotz der nicht gerade einfachen Lage - „nach einigem Zögern“ - dafür entschieden, weiterzuarbeiten. (dpa)