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Antibiotika ja, aber mit Bedacht

Dr. Michael Meisner plädiert für einen sparsamen Einsatz der scheinbaren Alleskönner. Und hilft als Experte im Ausland.

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© René Meinig

Von Juliane Richter

Antibiotika galten lange als Wundermittel. Ob eine Angina oder eine Mittelohrentzündung – Antibiotika wurden auch bei ungefährlichen Erkrankungen freimütig verschrieben. Das belegen Erhebungen verschiedener Krankenkassen. Die Kritik daran wächst seit Jahren, kann die Einnahme von Antibiotika schließlich zu Resistenzen führen. Das heißt, die Antibiotika verlieren ihre Wirkung, was schlimmere Krankheitsverläufe begünstigt. Vor allem, wenn multiresistente Keime auftreten.

Die beiden Themen sind eng miteinander verknüpft. Dr. Michael Meisner, Anästhesist am Städtischen Klinikum Neustadt, forscht seit Jahren dazu und hat klare Regeln auf seiner Intensivstation aufgestellt. „Bei uns bekommt nur jeder zweite Patient Antibiotika. Auf den meisten deutschen Intensivstationen erhält aber jeder Patient während seines Aufenthalts ein bis drei Antibiotika“, sagt der 54-Jährige. Bei der Patientenaufnahme am Klinikum Neustadt wird kritisch hinterfragt, ob der Antibiotikaeinsatz zwingend notwendig ist. Mithilfe einer einfachen Laboruntersuchung können bestimmte Marker im Blut ermittelt werden. Das Ergebnis liege laut Meisner innerhalb einer Stunde vor, der Test selbst koste zehn Euro. „Früher war es oft einfacher das Antibiotikum zu verschreiben, weil es nur zwei bis drei Euro gekostet hat. Mittlerweile müssen aber zunehmend Antibiotika gegen multiresistente Keime eingesetzt werden, die bis zu 100 Euro kosten“, sagt er.

Multiresistente Keime treten immer häufiger auf, im Ausland teilweise explosionsartig. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Mediziner deshalb vor einigen Monaten aufgerufen, etwas zu unternehmen. Michael Meisner wurde daraufhin als Experte nach Indien eingeladen. „Dort hat quasi jeder Patient einer Intensivstation multiresistente Keime an sich. Einfache Antibiotika wirken nicht mehr dagegen, es wird fast ausschließlich auf die letzten drei Reserve-Antibiotika zurückgegriffen“, sagt er. Wenn auch diese in der Zukunft nicht mehr wirken sollten, weil die Keime weitere Resistenzen entwickeln, kann nur noch auf die Selbstheilungskräfte des Körpers vertraut werden. Bei einigen Patienten wird das aber nicht funktionieren. So schlimm ist die Lage in Deutschland noch lange nicht. Sie zeigt aber, wie brisant das Thema durch das freimütige Verabreichen von Antibiotika werden kann.

Medikamentengabe verkürzen

„Teilweise fordern Patienten die Antibiotika aber noch immer unnachgiebig ein, weil sie glauben, nur das hilft“, sagt Meisner. Bei vielen Patienten der Intensivstation des Neustädter Klinikums kann nicht gänzlich auf Antibiotika verzichtet werden. Etwa bei Blutvergiftungen oder einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Aber die Ärzte reduzieren die Dauer der Medikamentengabe. Bei einfacheren Infektionen reichen demnach oft drei statt sieben Tage, bei schweren Infektionen sieben statt 14 Tage. Die gängige Aussage, Antibiotika so lange zu nehmen, bis die Verpackung aufgebraucht ist, sieht Meisner kritisch. Die Mittel würden trotzdem wirken.

Seine Erfahrungen sind jetzt auch in den Bau der neuen Intensivstation am Standort Neustadt eingeflossen. Diese wird zum Monatsende eröffnet. Dort gibt es dann überwiegend Einzelzimmer, die teilweise auch nur über eine Schleuse erreichbar sind. Damit soll die Übertragung von multiresistenten Keimen auf andere Patienten verhindert werden. Bisher ist die Station weit weniger großzügig bemessen, und es gibt vor allem Mehrbettzimmer.

Auch am Dresdner Uniklinikum wird der Themenkomplex kritisch behandelt. Laut Infektiologin Dr. Katja de With gibt es ein umfangreiches Programm mit wöchentlichen Visiten auf allen Intensivstationen. Seit Einführung wurde der Antibiotikaverbrauch um bis zu 20 Prozent reduziert und die Kosten deutlich gesenkt. Darüber hinaus hat das Uniklinikum Sonderrezeptregeln für neue und teure Antibiotika erlassen, eine Hausliste mit Dosierungsempfehlungen entwickelt und hausinterne Therapieleitlinien aufgestellt. „Oft sind die Kollegen sehr erstaunt darüber, dass das einfache Penicillin häufig das bessere Antibiotikum ist, die Patienten nicht selten dadurch weniger Nebenwirkungen erfahren als bei der Behandlung mit Breitspektrumantibiotika“, sagt sie.