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Anwohner jagen Automatenbomber

Unbekannte haben den Zigarettenautomaten in Westewitz gesprengt. Die mutmaßlichen Täter konnten entkommen.

© André Braun

Von Verena Toth

Döbeln. Es klingt fast wie aus einem Drehbuch für einen Krimi, doch es ist Realität: Am frühen Mittwochmorgen reißt eine gewaltige Explosion die Einwohner von Westewitz aus dem Schlaf. Unbekannte haben den Zigarettenautomaten am Bahnhofsgebäude gesprengt. Kurz darauf rasen die mutmaßlichen Täter auf einem Moped davon. Zwei Anwohnern werden aufmerksam und jagen die Automatenknacker in ihren Autos durch den Ort. Letztlich aber ohne Erfolg, die mutmaßlichen Täter können entkommen. Nun ermittelt die Polizei.

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„Da war ganz schön viel Adrenalin im Spiel“, erzählt ein 50-jähriger Westewitzer von der Verfolgungsjagd am frühen Morgen. Aus Sorge um seine Sicherheit will er unerkannt bleiben. „Es war so gegen
4.15 Uhr am frühen Morgen. Ich habe gerade meine Tomaten im Garten gegossen, als ich diesen riesigen Knall in unmittelbarer Nähe gehört habe. Ich dachte erst, da muss eine Giebelwand von einem Haus eingestürzt sein“, berichtet er. Doch dann habe er gehört, wie ein Blech über die Straße gezerrt wurde. Da sei ihm klar geworden, das muss der Zigarettenautomat am Bahnhofsgebäude gewesen sein. Geistesgegenwärtig springt er in sein Auto und fuhr nur die wenigen Meter weiter zum Tatort. „Da habe ich auch gleich die Trümmer auf der Straße verstreut liegen sehen. Der Automat wurde komplett zerlegt, das muss schon eine starke Explosion gewesen sein“, vermutet er. Zunächst habe er niemanden in der Nähe entdecken können, doch dann fielen ihm zwei dunkel gekleidete Gestalten ins Auge, die auf ein Moped sprangen und davon rasten. Er vermutet zwei Jugendliche, einer habe eine blaue Jacke und eine schwarze Wollmütze getragen. „Ich bin hinterhergefahren, kam sogar bis auf etwa zehn Meter an die Simson heran. Ich wollte das Nummernschild entziffern. Aber das ist mir leider nicht gelungen“, berichtet er weiter. Erkennen konnte er aber, dass sich der Sozius zu ihm umwandte, grinste und wild gestikulierte. „Sie sind in den Scheergrundweg und dann auf ein privates Grundstück abgebogen. Dort konnte ich sie aber nicht weiter verfolgen“, sagt der 50-Jährige. Er sei dann in Richtung Muldenbrücke gefahren, weil er sich dort einen besseren Ausblick auf die Straße erhofft habe.

Etwa zur gleichen Zeit war auch Carsten Lange auf der Suche nach den Automatenknackern. „Ich wohne um die Ecke und bin von dem Knall geweckt worden. Ich war gleich alarmiert, und mir war sofort klar, dass der Zigarettenautomat wieder gesprengt worden ist“, sagt der 35-Jährige und erinnert sich an einen ähnlichen Vorfall vor zwei Jahren. Auch Carsten Lange macht sich in seinem Auto sofort auf die Suche nach den Verursachern. „Ich hatte das Motorengeräusch eines Mopeds gehört und versucht, dem Lärm zu folgen. Die müssen da aber schon über die Muldenbrücke geflüchtet sein“, vermutet er. Entdecken konnte er die mutmaßlichen Täter letztlich nicht mehr. Stattdessen traf er auf den ersten Verfolger der Automatenbomber.

„Wir haben die Polizei gerufen, die Beamten waren etwa 30 Minuten später vor Ort“, berichten beide übereinstimmend. Sie wurden von den Beamten als Zeugen vernommen. „Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie beschädigen nicht nur Eigentum, sondern gefährden auch andere Menschen“, sind sich die beiden Männer einig. Auch deshalb hätten beide die Verfolgung aufgenommen.

Bis in die Morgenstunden war die Spurensicherung der Polizei am Bahnhof und untersuchte den Tatort. Trümmerteile, Geldmünzen und Zigarettenschachteln seien bis zu sechs Meter weit geschleudert worden, berichtete der Pressesprecher der Polizeidirektion Chemnitz. Welche explosiven Stoffe verwendet wurden, ob und wie viel Geld und Zigaretten gestohlen worden sind, müsse noch ermittelt werden, so der Pressesprecher. Auch die Höhe des Sachschadens ist noch unklar.

Der private Besitzer des Bahnhofsgebäudes, an dem der Automat angebracht war, wolle nun dafür sorgen, dass der Zigarettenspender dort nicht wieder aufgestellt wird, hieß es aus seinem Freundeskreis. Für ein Gespräch mit dem DA war er gestern nicht zu erreichen.

Fast so wie vor zwei Jahren häufen sich derzeit diese Vorfälle in der Region wieder. Im Jahr 2016 hatte es schon einmal eine Serie von Anschlägen auf Automaten gegeben. Damals wurden 26 Sprengungen im Landkreis registriert, fast die Hälfte davon – zwölf Fälle – ereigneten sich im Revier Döbeln. Im Jahr 2017 wurden sieben Angriffe in Mittelsachsen gezählt, zwei davon im Raum Döbeln. Und auch in diesem Jahr haben sich Unbekannte an Automaten in Döbeln vergriffen. Erst vor wenigen Wochen wurde ein Ticketautomat auf dem Waldheimer Bahnhof gewaltsam geöffnet. In Dresden und der umliegenden Region kracht es seit einigen Monaten immer wieder gewaltig. Dort könnte die Zahl der Fälle sogar auf einen Rekordwert hinauslaufen.

Für den Anschlag auf den Automaten in Westewitz sucht die Polizei weitere Zeugen, die Angaben zu eventuellen Tätern machen können.

Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Chemnitz unter Telefon 0371 387 3448 entgegen.