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Herrnhuter Schatz geht in die digitale Welt

In der kleinen Stadt in der Oberlausitz gibt es ein Archiv, das weltweit seinesgleichen sucht und nun mithilfe der TU Dresden/TUD zugänglich wird.

Von Herrnhut aus an die Ränder der bekannten Welt und wieder zurück: Das Unitätsarchiv birgt Quellen spannungsreicher Geschichte(n) aus drei Jahrhunderten.
Kolorierte Radierung, 1822.
Von Herrnhut aus an die Ränder der bekannten Welt und wieder zurück: Das Unitätsarchiv birgt Quellen spannungsreicher Geschichte(n) aus drei Jahrhunderten. Kolorierte Radierung, 1822. © Quelle: SLUB/TU Dresden

Eine kleine Stadt, die sich an einen Berg schmiegt und von der Bundesstraße 178 geteilt wird. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Herrnhut nicht maßgeblich von anderen Gemeinden im Oberlausitzer Bergland. Wie Perlen fädeln sich die Dörfer und Städte durch das Drei-Länder-Eck. Viele Umgebindehäuser gibt es hier, Geschichten, die Jahrhunderte zurückreichen und Traditionen begründen, die bis heute wichtig sind für die hier lebenden Menschen. Und doch ist in Herrnhut vieles ein bisschen anders. Das liegt nicht nur an den weltweit bekannten Weihnachtssternen, die hier seit mehr als 160 Jahren hergestellt werden. Der zweite Blick offenbart es: Die Architektur, der Friedhof, der hier ganz anders aussieht als anderswo. Die Kleinstadt wird bis heute von dem geprägt, was einst zu ihrer Entstehung führte. Glaubensflüchtlinge aus Böhmen gründeten Herrnhut Anfang des 18. Jahrhunderts. Sie, die den Lehren des Reformators Jan Hus gefolgt waren, mussten ihre Heimat im Zuge der Gegenreformation verlassen. Die Großzügigkeit des Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf ermöglichte ihnen den Aufbau dessen, was bis heute als Brüdergemeine Herrnhut bekannt ist. Und das weltweit. Denn ein Kern des christlichen Selbstverständnisses der Brüdergemeine ist die Mission. Die führte einige Mitglieder offenbar schon Mitte des 18. Jahrhunderts bis nach Amerika. Eine faszinierende Vorstellung, findet Alexander Lasch. Er ist Professor für Linguistik an der TU Dresden und ist sich sicher, dass das kleine Herrnhut einen eigenen Platz in der Literatur- und Sprachwissenschaft bekommen könnte. Und das aus gutem Grund.

Spurensuche bei Karl May

Wäre es etwa möglich, dass Karl May bei seinen Geschichten über die Indianer und den Wilden Westen von Aufzeichnungen der Herrnhuter Missionare inspiriert wurde? Selbst in Amerika war er schließlich nie. Alexander Lasch hält einen Zusammenhang für durchaus wahrscheinlich. Während seines Studiums war er auf die Nachrichten aus der Herrnhuter Brüdergemeine über ihre Erlebnisse an der amerikanischen Ostküste gestoßen und schnell überzeugt, eine riesige Fundgrube vor sich zu haben, die unbedingt zugänglich gemacht werden sollte. Am besten digital. Denn das, was die Missionare vor drei Jahrhunderten teils akribisch aufgeschrieben haben, hat das europäische Bild von Amerika maßgeblich geprägt. Einer der eifrigen Schreiber war Georg Heinrich Loskiel, der später durch Christian Ignatius Latrobe ins Englische übersetzt und damit zur Grundlage für die Arbeiten von John Heckewelder wurde. Die entstandenen Erzählungen über die Stämme des nordöstlichen Waldlandes gelten als eine bedeutende Quelle für die Lederstrumpf-Erzählungen von James Fenimore Cooper, die wiederum Vorlage für Karl May wurden.Und auch das Nordamerika-Bild eines anderen berühmten Deutschen, des Philosophen und Politikers Friedrich Schleiermacher, wurde offenbar von den Schriften der Herrnhuter Missionare beeinflusst. Dass diese Zeugnisse zeitgeschichtlicher Entwicklungen bis heute erhalten sind, ist einmal mehr der Akribie der Herrnhuter zu verdanken.

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Kenner alter Schrift gefragt

Bis ins 20. Jahrhundert schickten sie die weltweit und vor allem in deutscher Sprache verfassten Dokumente an die Brüdergemeine in Herrnhut, wo sie archiviert wurden. „Im Unitätsarchiv schlummert bis heute ein Schatz, den man in Menge und Qualität so noch nicht gesehen hat“, sagt Alexander Lasch. Ihm geht es darum, die Bibliothek mit und im Sinne der Brüder-Unität zu erhalten. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist dabei das erklärte Ziel. Und die ist in den vergangenen Wochen bereits behutsam auf den Weg gebracht worden. Noch im Frühjahr sollen die ersten 6.000 Seiten aus dem Archiv in der Oberlausitz digitalisiert in Dresden ankommen und dann zeitnah transkribiert werden. Als Partner dafür steht die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) bereit, die die digitalisierten Schriften zugänglich macht. Die Digitalisierung wurde aus dem Landesdigitalisierungsprogramm für Wissenschaft und Kunst finanziert. „Das Projekt ist auch in Sachen Offene Wissenschaft eine große Chance“, sagt Alexander Lasch. Schließlich braucht es zum Entschlüsseln der jahrhundertealten Inhalte Menschen, die Fraktur- und Kurrentschrift lesen können. Und noch weitere Möglichkeiten eröffnen sich inzwischen. So wird die TUD gemeinsam mit einer Universität in Pennsylvania, der Region, in der viele Herrnhuter Missionare einst unterwegs waren – ein virtuelles Modellprojekt starten, bei dem Wissenschaftler und Studierende beider Unis gemeinsam forschen – virtuelle Exkursionen nach Herrnhut inklusive. Welche Chancen das Vorhaben insgesamt bieten kann, sei derzeit noch gar nicht abschätzbar. Sicher ist sich der Professor in einem: Diese Sache ist groß! Und das passt dann wider Erwarten doch ganz zu der kleinen Stadt mitten im Drei-Länder-Eck, bei der sich ein zweiter Blick ganz besonders lohnt. Annett Kschieschan

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