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Sie bringt Maschinen zum Singen

Ab April 2022 ist Esmeralda Conde Ruiz die neue Residenzkünstlerin des Schaufler [email protected] Dresden. Was sie vorhat, gab es so bisher noch nie.

Eine Freundin nahm Esmeralda Conde Ruiz als Jugendliche mit zur Chorprobe – ein Moment, der das Leben der gebürtigen Spanierin nachhaltig prägen sollte. In Dresden will die Dirigentin im kommenden Jahr mit künstlicher Intelligenz musizieren.
Eine Freundin nahm Esmeralda Conde Ruiz als Jugendliche mit zur Chorprobe – ein Moment, der das Leben der gebürtigen Spanierin nachhaltig prägen sollte. In Dresden will die Dirigentin im kommenden Jahr mit künstlicher Intelligenz musizieren. © Foto: privat/York Wegerhoff

Aus 500 einzelnen Stimmen einen Klangkörper zu erschaffen – als im Jahr 2016 der Erweiterungsbau der Tate Gallery of Modern Art in London eröffnet wurde, schaffte Esmeralda Conde Ruiz genau das. Die gebürtige Spanierin dirigierte aus diesem Anlass einen Chor aus hunderten Stimmen. Gemeinsam führten sie Peter Liversidges Liederzyklus „The Bridge“ auf. Frauen und Männer, Jüngere und Ältere, hohe und tiefe Stimmlagen. Was die Dirigentin und Komponistin im kommenden Jahr in Dresden vorhat, ist genau das Gegenteil davon. Es ist ein Versuch, den bisher noch niemand gewagt hat. Esmeralda Conde Ruiz will erstmals einen Chor mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) formen. Nicht der Mensch singt und musiziert dann mit ihr gemeinsam, sondern die Maschine. Als Residenzkünstlerin des Schaufler Labs der TU Dresden möchte sie ausprobieren wie das gelingt – und schlussendlich klingt. Ruiz’ Geschichte ist dabei keine dieser klassischen. Sie stammt aus keiner Musikerfamilie, in der der Lebensweg durch die Familientradition vorgezeichnet war und in der das Kind mit sechs Jahren bereits virtuos ein Instrument beherrscht. „Ich glaube, ich habe meine Familie mit dem überrascht, was ich heute beruflich mache“, sagt sie.1980 wird Esmeralda Conde Ruiz in Spanien geboren. Als 15-Jährige begleitet sie eine Freundin zum Probesingen für einen Chor. Ein schicksalhafter Freundschaftsdienst. „Letztlich ist meine Freundin nicht im Chor geblieben, aber für mich war es genau das Richtige.“ Der damalige Chorleiter erkennt ihr Talent, fördert sie und ermutigt sie später, Musik zu studieren. Ein zweiter Freundschaftsdienst führt zu dem, was heute ihre Passion ist. Ein Bekannter fragt sie vor Jahren, ob sie nicht für seinen Film den Soundtrack beisteuern kann. Sie sagt zu. „Ich hatte vorher schon komponiert, aber mit diesem Projekt fühlte sich alles absolut richtig an“, erinnert sie sich.

Neuartige Chormusik am kühlen Eisblock

Seit fast 15 Jahren lebt sie nun in London, reist für Engagements durch die ganze Welt. „Inspiriert hat mich in meiner Musik schon immer eher die zeitgenössische Kunst als irgendein Sänger oder eine Musikgruppe“, beschreibt sie ihre Arbeit. Der Blick der Künstler auf Themen und gesellschaftliche Fragen eröffne für sie neue Gedankenwelten und Herangehensweisen an die Musik. So wird sie immer wieder Teil ganz besonderer Projekte. Der Chormusik bleibt sie bei all dem bis heute treu und vereinte beispielsweise schon einen Gospelchor mit einem Barockorchester. Oder sie ließ für eine Kunstaktion von Ólafur Elíasson Sängerinnen und Sänger sphärische Tonfolgen in einen riesigen Eisblock singen. „Manche würden diese Sachen vielleicht als bizarr bezeichnen“, gibt sie mit einem Lächeln zu. „Aber es ist eine künstlerische Nische, die ich gefunden habe und in der ich mich absolut wohlfühle.“ Aktuell ist sie Musikalische Direktorin für die „Station Clock“ der in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste lehrenden Sound-Künstlerin Susan Philipsz, eine riesige „Höruhr“ mit fast 1.100 Sängern, konzipiert für den neuen Bahnhof in Birmingham. Für ein Projekt der Dresdner Philharmonie komponierte sie eine Abfalltrilogie, die 2022 mit 350 Kindern aus der ganzen Welt uraufgeführt wird. Aktuell bereitet sich die Komponistin auf ihre sechsmonatige Residenz in Dresden vor. Erste Gespräche mit den künftigen Kollegen hat es bereits gegeben. „Mit dem Schaufler Lab bringen die TU Dresden und The Schaufler Foundation Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft zusammen“, beschreibt Kuratorin Gwendolin Kremer von der Kustodie der TU Dresden das innovative Format. Das sei das Spannende, dass Grenzen zwischen den verschiedenen Disziplinen verschwimmen, um zukunftsweisende Ideen und Technologien voranzubringen. So seien neben Akustikexperten und Musikwissenschaftlern eben auch Spezialisten in Sachen KI involviert.

Die KI muss lernen, was ein Dirigent tut

Einer von ihnen ist Frank Fitzek, Inhaber der Deutsche Telekom Professur für Kommunikationsnetze an der TU Dresden. „Theoretisch könnte die KI natürlich auch ohne Dirigent musizieren“, beschreibt er. Ob das dann allerdings für menschliche Ohren angenehm oder interessant klingt, sei fraglich. „Im Projekt wird es also darum gehen, dass die Maschine lernt, welche Auswirkungen bestimmte Bewegungen der Dirigentin letztlich auf den Klang haben.“ Der Mensch müsse anschließend einschätzen, ob sich das gut oder schlecht anhört. „Auf diese Weise lernt der KI-Chor.“ Was am Ende dabei herauskommt, sei aber noch völlig offen – und ein Experiment. „Als Komponistin bin ich gespannt darauf wie ein KI-Chor klingt“, sagt auch Esmeralda Conde Ruiz. Wird dieser Klang an menschliche Stimmen erinnern oder etwas völlig Neues oder Andersartiges? In Experimenten und Workshops will sie dieser Frage nachgehen. „Wenn wir die KI zum Singen bringen, dann werden wir das auch öffentlich präsentieren“, verspricht sie.

Jana Mundus