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Versuch macht klug - die Universitätsschule

Die Universitätsschule Dresden ist ein sogenannter Schulversuch. Bundesweit gilt sie als Vorreiter für eine neue Form des Unterrichts – nicht erst seit Corona.

Professorin Anke Langner und die Schulleiterinnen der Universitätsschule, Maxi Heß und Patricia Schwarz (v.l.n.r.), haben das innovative Konzept der Schule erarbeitet und auch während der Corona-Schließzeit stetig weiterentwickelt.
Professorin Anke Langner und die Schulleiterinnen der Universitätsschule, Maxi Heß und Patricia Schwarz (v.l.n.r.), haben das innovative Konzept der Schule erarbeitet und auch während der Corona-Schließzeit stetig weiterentwickelt.

Laptops ab der dritten Klasse, Lernen im Projekt statt Unterricht, Urlaub statt Ferien, Lern- und Entwicklungsberichte statt Zeugnisse – in der 2019 eröffneten Universitätsschule Dresden wird Bildung völlig neu gedacht. Derzeit werden 360 Kinder der Klassenstufen 1 bis 6 in dem Komplex an der Cämmerswalder Straße im Dresdner Süden unterrichtet. Diese Zahl wird jährlich wachsen: Mittelfristig entsteht eine dreizügige Grund- und Oberschule von den Stufen 1 bis 10. Das Projekt der Landeshauptstadt Dresden und der TU Dresden ist ein vom sächsischen Kultusministerium genehmigter Schulversuch: Eine öffentliche und kostenfreie Grund- und Oberschule in städtischer Trägerschaft, an der unter wissenschaftlicher Begleitung innovative Formen des Lehrens und Lernens erprobt werden. Darüber hinaus ist die Universitätsschule Aus- und Weiterbildungsschule der TUD für zukünftige und derzeitige Lehrkräfte. Die Pädagoginnen heißen hier aber nicht Lehrerinnen, sondern Lernbegleiterinnen. In diesem feinen begrifflichen Unterschied steckt viel vom besonderen Konzept der Universitätsschule: „Wissen aneignen statt reproduzieren“, fasst es Professorin Anke Langner von der TU Dresden zusammen. So werden die im sächsischen Rahmenlehrplan vorgegebenen Lernziele in individuelle Lernpfade überführt. Die Lernbegleiter haben die Aufgabe, die Kinder in Projekten so anzuleiten, dass die Lernziele auf dem Weg zum Ergebnis umgesetzt werden. Die Schüler lernen hier jahrgangsübergreifend, fächerverbindend und ganztägig. „Es geht nicht um frontale Wissensvermittlung, sondern um die Unterstützung und individuelle Begleitung jedes einzelnen Kindes mit seinen Stärken und Schwächen, seiner Art zu denken, seiner Art zu lernen und die Welt zu entdecken“, so Anke Langner.

Digitale Unterstützung für Schüler, Eltern und Pädagogen

Ein wichtiger Baustein im Konzept ist die Unterstützung durch eine eigens von der TUD entwickelte digitale Lernplattform. In diesem Programm werden für jedes Kind die individuellen Lehrpläne und Lernergebnisse dokumentiert. „Unsere Schülerinnen und Schüler erhalten ab der dritten Klasse einen Laptop und wir üben gemeinsam den Umgang damit“, erklärt Maxi Heß, die Schulleiterin der Grundschule und betont zugleich: „Die Digitalisierung ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt und das projektbezogene Lernen.“ Insofern sei die seit Corona oft gestellte Forderung nach der Digitalisierung der Schulen zwar nachvollziehbar und auch richtig. „Aber Computer allein sind kein Garant für gutes Lernen.“ Überhaupt Corona: Die monatelange Schulschließung traf auch die Universitätsschule relativ unvermittelt und wirbelte das sowieso turbulente erste Schuljahr gehörig durcheinander. „Corona hat unseren Schulversuch noch einmal wie unter einem Brennglas geschärft“, sagt Anke Langner. Die digitale Lernplattform behauptete sich als schnelles und unkompliziertes Kommunikationsmittel zwischen Pädagogen, Schülern und Eltern. Informationen und Lernmaterialien waren schnell und direkt verteilt – anders als in vielen herkömmlichen Schulen. Und natürlich waren damit die technischen Voraussetzungen für Unterricht über Videotelefonie schon vorhanden. Dafür hatte die Universitätsschule ein anderes Problem: Der wesentliche Bestandteil des Konzepts ist das projektbezogene Lernen in Gruppen – und genau das war und ist unter den Abstandsbedingungen nur schwer umzusetzen. „Auf der anderen Seite ist das eine der wesentlichen Anforderungen gerade an unseren Schulversuch. Wir mussten also diese projektbezogene Arbeit anders als ursprünglich geplant umsetzen“, schildert Maxi Heß das Dilemma. Gemeinsam mit Anke Langner wurde das Konzept daher weiter konkretisiert und durch großes persönliches Engagement des Teams und der Elternschaft erreicht, dass viele Projekte trotzdem stattfinden konnten.

Positive Bilanz nach dem ersten Schuljahr

Die anfangs noch bei manchen Eltern vorhandene Skepsis über das innovative Lehrkonzept wich schnell Bewunderung und Begeisterung. Maxi Heß nennt als Beispiel: ein von den Kindern selbst erstelltes Video über das menschliche Verdauungssystem. Um so einen Film zu machen, reicht es schließlich nicht aus, die biologischen Begriffe zu kennen. Man muss die Abläufe, die Funktionen der Organe verstehen und das Ganze dann noch kreativ umsetzen. Damit festigt sich das Erlernte umso mehr. Zugleich wird die digitale Kompetenz im Umgang mit Computern und Programmen ausgebaut. Auch das gemeinsame Lernen in Lerngruppen konnte über die Lernplattform unkompliziert organisiert und begleitet werden. Insgesamt ziehen die Pädagoginnen trotz der besonderen Herausforderungen eine positive Bilanz des ersten Schuljahrs. Auch sie haben – ebenso wie die Kinder – viel gelernt. „Wir haben einen Einblick in die persönlichen Lebenswelten der Familien bekommen und können manches jetzt besser verstehen“, sagt Maria Schmager, die wie alle ihre Kolleginnen voll und ganz hinter dem Schulkonzept steht: „Ich habe auch schon an einer herkömmlichen Schule gearbeitet und sehe einen deutlichen Unterschied. Viele Kinder fühlen sich hier so wohl, so angenommen mit ihren Bedürfnissen. Wie sich hier die Kinder entwickeln können und mit welcher Begeisterung sie bei der Sache sind – das ist großartig.“ Grundschulleiterin Maxi Heß bestätigt diesen Eindruck. „Wir spüren richtig, wie bei manchen Kindern, die vorher an einer anderen Schule waren, die Angst vor dem Lernen und vor der Schule verschwindet“, sagt sie. Zu den „messbaren“ Lernerfolgen zählt, dass alle Universitätsschulkinder lesen und schreiben können. Im Juli wurden statt Zeugnissen sogenannte Lern- und Entwicklungsberichte übergeben. „Wir wollen den Kindern eine Rückmeldung dazu geben, was sie schon können und gelernt haben. Die deutliche Beschreibung von Kompetenzen in einer einfachen Sprache ist da viel leichter zu verstehen als eine Zahl. Was bedeutet denn eine Zwei in Mathe? Was sagt mir eine Zahl darüber, was ich kann?“, so Maxi Heß.

Die Universitätsschule als „Schule der Zukunft“

Der innovative Ansatz der Universitätsschule in Dresden hat besonders durch die Corona-Zeit nationales Interesse geweckt. Fernsehbeiträge, Interviews, Diskussionen berichteten und berichten über die „Schule der Zukunft“. Ein erstes wissenschaftliches Fazit zum Lernen unter den Bedingungen des Lockdowns wird Anke Langner in Kürze veröffentlichen. Sie resümiert: „Unsere Schülerinnen und Schüler und die meisten Eltern beherrschen die digitale Kommunikation. Die Kinder wissen beispielsweise, wie sie etwas wo abspeichern müssen.“ Die eigene Lernsoftware wurde flexibel angepasst und weiterentwickelt. Insofern kam die Universitätsschule sicherlich besser mit der Schulschließung zurecht als andere. Aber, so Anke Langner: „Die persönliche pädagogische Begleitung konnten wir ebenso wenig wie andere Schulen abdecken. Dabei ist diese so wichtig für den Lern- und Entwicklungsprozess der Schülerinnen und Schüler.“ Und vor allem sind es ganz praktische Gründe, mit denen die Schule noch kämpft: Das Schulgebäude, ein DDR-Plattenbau, ist für das offene, gruppenübergreifende Lernen eher ungeeignet und muss modernisiert werden. „Politik und Gesellschaft müssen sich generell fragen, was uns Bildung Wert ist und wie modernes Lernen aussehen soll“, fasst Anke Langner zusammen. „Unser Versuch kann viele Anreize dafür geben und wird auch wissenschaftliche Ergebnisse liefern. Dennoch kann man ihn nicht pauschal auf alle anderen Schulen übertragen. Man muss stets die Schülerinnen und Schüler, deren Eltern, Umfeld, pädagogisches Personal und örtliche Gegebenheiten berücksichtigen. Nur so kann sich die Schule der Zukunft entwickeln.“

Iris Weiße

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