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Was uns morgen bewegt

Autonom fahrende Autos, Carsharing statt eigenem Fahrzeug: Mobilität ändert sich. Wohin genau, das wissen Forscher an der TU Dresden.

Auf den Straßen wird es langsam eng, die Schiene könnte helfen. Doch dafür braucht sie erst einmal ein „Fitnessprogramm“, sagt Rainer König.
Auf den Straßen wird es langsam eng, die Schiene könnte helfen. Doch dafür braucht sie erst einmal ein „Fitnessprogramm“, sagt Rainer König.

Sie ist schon da, die Mobilität der Zukunft: Wenn Autofahrer die grüne Welle erwischen. Wenn Fahrradfahrer auf neuen Radwegen unterwegs sind. Wenn Passagiere in deutlich kürzerer Zeit ihren Sitzplatz im Flugzeug einnehmen können. „Wir nehmen es so hin, dass das alles funktioniert“, sagt Regine Gerike. „Aber hinter all dem steckt meist jahrelange Forschung.“ Wer ihr zuhört, spürt die Begeisterung für ihr Fachgebiet. Seit 2015 ist sie Inhaberin der Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehr an der Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ der TU Dresden. Gemeinsam mit den dortigen Kolleginnen und Kollegen ergründet sie, wie sich die Menschen in Zukunft fortbewegen werden. Sie sucht nach Möglichkeiten, wie genau das nachhaltiger, umweltschonender und effizienter passieren kann. Als Prodekanin Forschung der Fakultät hat sie einen Überblick darüber, wie nah dran wir bereits an der Mobilität von morgen sind.

Nah dran an der Realität, nah dran an der Wirtschaft

Die Studierenden sind aktuell coronabedingt nicht im Hörsaal zu sehen, das ist auch für Regine Gerike eine neue Erfahrung. „Klar wünsche auch ich mir, dass das bald wieder möglich ist“, sagt sie. In der Lehre stört die Pandemie wie in vielen anderen Lebensbereichen auch. In der Verkehrsforschung allerdings ist sie höchst interessant. „Wir haben in Sachen Mobilität plötzlich Dinge gesehen, die so sicherlich niemand geahnt hätte.“ Als der erste Lockdown vor über einem Jahr begann, blieben viele zuhause, nutzten die Menschen Bus und Bahn deutlich weniger, ließen sie das Auto in der Garage, weil nun Homeoffice angesagt war. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fakultät begleiten die Entwicklungen seitdem mit einer großen Studie. „Das ist nur ein Beispiel dafür, wie dicht dran am Leben wir mit unseren Themen sind.“Ob Straße, Schiene oder Luft – an der Fakultät findet Forschung zu allen Verkehrsträgern statt. Sie vereint insgesamt sieben Institute, in denen Verkehrswissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler oder Verkehrspsychologen zusammenarbeiten. „Gerade dieser interdisziplinäre Ansatz schafft wunderbare Rahmenbedingungen für unsere Forschung“, sagt die Professorin. So führt die Fakultät das geistige Erbe ihres Namensgebers fort. Schon im 19. Jahrhundert entwickelte Friedrich List Theorien zu den Wechselwirkungen zwischen Wirtschaftswachstum und der Entwicklung des Verkehrs. Er gilt als geistiger Vater einer Ferneisenbahn zwischen Leipzig und Dresden, die er bereits 1833 vorschlug. Sechs Jahre später wurde sie Realität.List würde sich freuen. Auch die heute an der Fakultät entwickelten Ideen sind nicht mit ihrer Veröffentlichung Geschichte. Sie werden umgesetzt. Gerade durch die Zusammenarbeit mit zahlreichen Industriepartnern ist der Wissenstransfer umfangreich möglich. „Natürlich haben wir Vorteile, weil ein Großteil unserer Forschung Dinge betrifft, die die Menschen jeden Tag konkret selbst erfahren.“ Das mache auch das Einwerben von Forschungsgeldern in vielen Fällen einfacher als in anderen Disziplinen.

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Herrnhuter Schatz geht in die digitale Welt
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In der kleinen Stadt in der Oberlausitz gibt es ein Archiv, das weltweit seinesgleichen sucht und nun mithilfe der TU Dresden/TUD zugänglich wird.

Ideen der Forscher sorgen in Dresden für die grüne Welle

Gerade bereiten die Forscher wieder eine große Erhebung zum Thema „Mobilität in Städten“ vor. Diese findet alle fünf Jahre statt. Bei der bis dato letzten im Jahr 2018 waren 135 Kommunen aus ganz Deutschland dabei. „Die Ergebnisse gehen beispielsweise auch in den Verkehrsentwicklungsplan der Landeshauptstadt Dresden ein“, schildert Regine Gerike. Die Professur für Verkehrsleitsysteme und -prozessautomatisierung unterstützt die Stadt Dresden u.a. mit ihrem Verkehrsmanagementsystem VAMOS 2. In der Verkehrsdatenzentrale der Stadt analysiert es die Verkehrslage und steuert von dort aus Ampelanlagen oder Anzeigetafeln im Dresdner Straßennetz und an umliegenden Autobahnen. Beim alljährlich stattfindenden Stadtradeln begleiten die Forscher die erhobenen Daten der Teilnehmer über Streckenverläufe und entwickeln daraus Informationen über Radverkehrsströme, die letztlich wieder Grundlage für Radverkehrskonzepte sind.Die Forschungsthemen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Wurde früher zum Beispiel viel zu traditionellen Antriebstechnologien geforscht, sind es heute das automatisierte Fahren und die Optimierung des Gesamtsystems Fahrzeug und Infrastruktur, die besonders im Fokus stehen. In Leipzig arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerade gemeinsam mit BMW an der Idee eines autonomen Shuttlebus-Systems. Das soll in Zukunft Mitarbeiter des Werks aus dem Stadtzentrum zum BMW-Terminal am Firmenstandort befördern. „Wir beschäftigen uns an der Fakultät aber auch sehr umfangreich mit der Verkehrssicherheit“, erklärt die Prodekanin. Wie funktioniert das Miteinander der Verkehrsteilnehmer, wenn irgendwann autonome Fahrzeuge unterwegs sein sollen? Welche Möglichkeiten braucht es dafür in den Autos selbst? Und möchte der Mensch für all das bezahlen?

Neue kreative Köpfe für neue Mobilitätskonzepte gesucht

Mobilität bewegt nicht nur, sie ist in Bewegung. „Wir werden in den kommenden Jahren weitere Veränderungen sehen“, ist sich Regine Gerike sicher. Das immer beliebtere Carsharing sei nur ein Beispiel dafür. „Viele junge Menschen wollen heute kein eigenes Auto mehr. Aber sie wollen, dass ihnen eines zur Verfügung steht, wenn sie es brauchen.“ Solchen Sharing-Modellen gehöre die Zukunft, vor allem in den Großstädten.An der Fakultät wolle man Verkehrssysteme entwickeln, mit denen die Leute ihre Ziele erreichen können. „Und weil wir am lebenden System arbeiten, sind wir auch in der Pflicht, mit dafür zu sorgen, dass solche Dinge umgesetzt werden.“ Damit all das funktioniert, braucht es Menschen, die daran forschen wollen. Schülerinnen und Schülern gibt sie deshalb gern einen Tipp: „Mitmachen und mitgestalten, es ist absolut spannend.“ Jana Mundus

Die Stadt als Reallabor: Wie sich Radfahrer bewegen, schauen sich die Forscher an der TUD-Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ mithilfe von Daten genau an. Daraus entstehen neue Konzepte für den Radverkehr.
Die Stadt als Reallabor: Wie sich Radfahrer bewegen, schauen sich die Forscher an der TUD-Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ mithilfe von Daten genau an. Daraus entstehen neue Konzepte für den Radverkehr. © Foto: René Meinig/TU Dresden

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