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Wie das Miteinander gelingen kann

Die TU Dresden engagiert sich für eine Ethik des Zusammenlebens, die sich an Gleichheit, Diversität und Eigenverantwortung orientiert.

Professorin Roswitha Böhm wirbt für ein wertschätzendes, weltoffenes Miteinander. Foto: Robert Lohse
Professorin Roswitha Böhm wirbt für ein wertschätzendes, weltoffenes Miteinander. Foto: Robert Lohse © Foto: Robert Lohse/TU Dresden

Vielfältige Lebens- und Sichtweisen kommen an der TU Dresden zusammen. Wie daraus etwas Gemeinsames, Respektvolles entstehen kann, damit beschäftigt sich Professorin Roswitha Böhm. Sie leitet das eigens dafür eingerichtete Prorektorat Universitätskultur. Was sich genau dahinter verbirgt, erläutert sie im Interview.

Frau Prof. Böhm, Ihr Leitspruch stammt von Felwine Sarr, einem senegalesischen Sozialwissenschaftler, Autoren und Musiker. Er sagt: „Die Welt zu ‚bewohnen‘: Das bedeutet, sich einem größeren Ganzen als der eigenen ethnischen Gruppe, der eigenen Nation zugehörig zu fühlen, die vielfältigen Gesichter der Menschheit anzunehmen, sich als Erbe ihrer pluralen Kulturen zu verstehen.“ Wieso haben Sie sich für dieses Zitat entschieden?

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Was uns morgen bewegt
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Da Universitätskultur viel mit Werten zu tun hat, habe ich zu Beginn meiner Amtszeit über meine handlungsleitenden Referenzen nachgedacht. Sarr lädt uns dazu ein, Beziehungen – seien es wirtschaftliche, politische oder soziale – nicht länger vom Prinzip der Eroberung her zu denken, sondern zu einer neuen Politik der Relationalität zu gelangen. Angesichts einer sich stark polarisierenden Gesellschaft möchte ich diese Einladung annehmen und dafür werben, trotz aller Differenzen unsere Welt gemeinsam „zu bewohnen“.

Seit August 2020 sind Sie Prorektorin Universitätskultur. Was lässt sich aus Sarrs Ausspruch für die Universitätskultur an der TUD ableiten?

Sarr als Grenzgänger zwischen Afrika und Europa ermuntert uns dazu, über den „eigenen Tellerrand“ hinauszuschauen. Natürlich sind wir lokal verankert, wir haben Familie, Freunde, unsere Arbeit. Aber wir sind auch Teil einer globalisierten Gesellschaft und als Individuen Teil der gesamten Menschheit. Ableiten lässt sich daraus eine Ethik des Zusammenlebens, die ein Bekenntnis zu Gleichheit und Diversität einschließt, zugleich aber die Eigenverantwortung aller benennt.

Was bedeutet der Begriff „Universitätskultur“ für Sie persönlich?

Unter „Kultur“ verstehe ich die Gesamtheit der Lebens- und Verhaltensweisen von Menschen, ihre soziale und kulturelle Praxis. Universitätskultur meint also unser Miteinander, unsere Vorstellungen, Wertsysteme und auch unsere Emotionen. Wie kommunizieren wir wertschätzend miteinander, wie gestalten wir Prozesse partizipativ, wie unterstützen wir Weltoffenheit und Engagement? Diese Fragen beschäftigen uns.

Woher stammt die Idee, diesen Bereich zu entwickeln?

Wie die Gesellschaft entwickelt sich auch unsere Universität fortlaufend. Dies beinhaltet Veränderungen im Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Intern aber auch Veränderungen für diejenigen, die hier arbeiten, studieren und forschen. Universitätskultur begleitet diese Prozesse durch Möglichkeiten zur Partizipation und Kommunikation.

Wieso hat sich Frau Prof. Staudinger zu diesem Schritt entschieden?

Die Rektorin hatte bereits vor ihrem Amtsantritt in zahlreichen Gesprächen gehört, dass viele Mitglieder sich aktiv einbringen und auch strategisch mitgestalten wollen. Es geht uns um die Herausbildung einer von gemeinsamen Werten getragenen Kultur, die die Vielfalt der Perspektiven und Lebensentwürfe anerkennt und vor allem im Alltag gelebt wird.

Welche Bereiche der TUD tangiert das?

Universitätskultur ist ein Querschnittsthema, das alle Bereiche betrifft: Forschung, Lehre und Verwaltung ebenso wie etwa Internationalisierung oder Wissenstransfer.

Um welche konkreten Themengebiete geht es für Sie bei Universitätskultur?

Wir setzen den Fokus auf vier Themenfelder: „Diversität und Inklusion“ fördert Chancengleichheit und Wertschätzung, „Work/Life“ sorgt für familienfreundliche und gesundheitsfördernde Priorisierung aller Lebensbereiche, „Campusleben“ profiliert unseren Campus als Raum der Begegnung und „TUD als zivile Akteurin“ sucht Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft.

Welche Ziele verfolgt die Universitätskultur?

Wir möchten gemeinsam mit allen Angehörigen der TU Dresden daran arbeiten, eine sozial verantwortungsvolle, Gleichstellung, Diversität und Weltoffenheit umsetzende, nachhaltig agierende Institution zu sein, die in die Gesellschaft hineinwirkt. Zu diesen Zielen und der Frage, wie wir sie erreichen können, findet am 19. April ein sogenanntes Zukunftslabor für die TUD-Angehörigen statt, in dem viele Facetten rund um das Thema „Was bedeutet (uns) Universitätskultur?“ diskutiert werden.

Wie wollen Sie all diese Ideen in der Praxis umzusetzen?

Wir bauen auf den zahlreichen, bereits vorhandenen Aktivitäten auf, die wir bündeln und intensivieren, etwa im Umwelt- und Klimaschutz. Wir sorgen für Austausch und vernetzen untereinander, zum Beispiel die künstlerischen Ensembles. Oder wir initiieren selbst Projekte, wie jenes zur Aufarbeitung der Geschichte der TH Dresden im Nationalsozialismus.

Welche Herausforderungen mussten Sie dabei bislang meistern?

Da Universitätskultur so viele Bereiche betrifft, besteht eine Herausforderung tatsächlich darin, die guten Initiativen und Ideen – zeitlich – zu priorisieren; eine andere darin, zwischen den verschiedenen dazu vertretenen Meinungen innerhalb unserer Universitätsgemeinschaft zu vermitteln.

Die Universitätskultur wirkt unter anderem durch den Themenbereich „TUD als zivile Akteurin“ über die Uni-Grenzen hinaus. Welche Rolle schreiben Sie der TU Dresden in der Gesellschaft zu?

Als große Institution hat die TU Dresden viele wissenschaftliche Möglichkeiten: In der Forschung suchen wir für globale und lokale Herausforderungen nach innovativen Lösungsansätzen, in der Lehre befördern wir die Fähigkeit zur kritischen Reflexion. Unserer Verantwortung für Stadt und Region wollen wir nachkommen, indem wir uns aktiv für Vielfalt und Demokratie, einen respektvollen Umgang ohne Vorbehalte und ein solidarisches Miteinander einsetzen.

Wenn Sie nach etwa acht Monaten Universitätskultur inklusive Lockdown eine erste Bilanz ziehen, wie sieht die aus?

Angesichts der schwierigen Bedingungen während der Pandemie war das Prorektorat Universitätskultur besonders gefordert. Wir konnten durch unsere Hilfsangebote die Situation für Studierende sowie Beschäftigte zumindest abfedern. Positiv ist die Bilanz insofern als wir in der Kürze der Zeit wichtige Projekte, zum Beispiel in den Bereichen Umwelt und Diversität, voranbringen konnten – auch dank des außerordentlichen Engagements aller Beteiligten.

Gespräch: Silke Rödel

Werdegang Professorin Roswitha Böhm

• 2019-2020 Mitglied des Akademischen Senats der TUD

• seit 2017 Sprecherin (mit Prof. Dominik Schrage) des Deutsch-Französischen Doktorandenkollegs „Unterschiede denken: Praktiken – Narrative – Medien“ (Partner: EHESS Paris, HU Berlin, Förderung: DFH Saarbrücken)

• seit 2017 Gründungsdirektorin des Centrums Frankreich | Frankophonie (CFF)

• 2015-2020 Studiendekanin der Fakultät SLK

• seit 04/2014 Professorin für Französische Literatur- und Kulturwissenschaft am Institut für Romanistik der TU Dresden

• 2012 Habilitation (Romanische Philologie) an der FU Berlin• 2011-2012 Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

• 2002 Promotion (Romanische Philologie) mit summa cum laude an der TU Berlin

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