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Kontakt aus Bautzen nach Afghanistan abgerissen

Shapoor und Aliyasser haben 2015 ihr zu Hause verlassen, leben im Kreis Bautzen. Beim Blick in die Heimat schweben sie zwischen Angst und Hoffnung.

Shapoor (.l) hat Hoffnung, dass die neue afghanische Regierung sich an die Moderne anpasst. Aliyasser sieht das anders.
Shapoor (.l) hat Hoffnung, dass die neue afghanische Regierung sich an die Moderne anpasst. Aliyasser sieht das anders. © Steffen Unger

Bautzen. Shapoor und Aliyasser kamen mit der Flüchtlingswelle als unbegleitete Minderjährige aus Afghanistan nach Deutschland. Der eine ist Paschtune - ein Angehöriger der größten afghanischen Bevölkerungsgruppe; der andere Hazara - Mitglied einer schiitischen Minderheit.

In der Familie des einen hatte es Probleme zwischen Anhängern der bisherigen afghanischen Regierung und den Anhängern der Taliban gegeben, der andere musste als Kindersoldat gegen die Taliban kämpfen und war in seinem Heimatort nicht mehr sicher. Einer von beiden hat Schlafstörungen seit die Taliban die Macht übernommen haben. Der andere hat Hoffnung. Beide haben in Bautzen Fuß gefasst, arbeiten, haben eigene Wohnungen. Beide wollen und wollten nie wieder zurück in die Heimat.

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Ihre Familien aber sind noch immer dort. Seit die Taliban am Sonntag in der Vorwoche die Macht übernommen haben, sind für beide die Kontakte zu den Angehörigen abgerissen. Über die Entwicklungen in ihrem Land informieren sie sich in erster Linie über soziale Netzwerke wie Facebook. Sächsische.de hat beide getroffen, um jene zu fragen, die das Land, über das die ganze Welt derzeit spricht, kennen. Das Fazit: Der eine hat Zweifel, der andere Angst.

War der Einsatz des Westens in Afghanistan sinnlos?

Nein, sagt der Paschtune Shapoor mit Bestimmtheit. In den vergangenen 20 Jahren sei eine neue Generation Afghanen herangewachsen, die Bildung genossen hätten. "Die Afghanen sind nicht mehr so dumm wie früher", ist er sich sicher. Die Taliban müssten jetzt deshalb liberaler werden - andernfalls könnten sie sich nicht an der Regierung halten - weil die zivile Bevölkerung in der Mehrheit sei. Ob die Taliban-Bewegung tatsächlich gemäßigter geworden ist, kann er aber nicht mit Sicherheit einschätzen. Das, sagt er, werden die kommenden Monate zeigen.

Weniger hoffnungsvoll ist Aliyasser. "Die Taliban haben sich nicht verändert", sagt er. Jetzt sei es zu spät, um das Land noch zu retten, antwortet er auf die Frage, ob er dem Westen etwas mitzuteilen habe. "Es steht alles wieder auf null."

Ganz so pessimistisch schätzt Thomas de Maiziére die Lage nicht ein. Der CDU-Politiker war beim Beginn des Afghanistan-Einsatzes sächsischer Finanzminister; wurde 2009 Bundesinnen- und 2011 Bundesverteidigungsminister. Er sagt im Politikpodcast von Sächsische.de: "Ich würde es so zusammenfassen: Es war nicht sinnlos, aber im Ergebnis nicht erfolgreich." Immerhin könne inzwischen eine ganze Generation lesen und schreiben. Auch die Gesundheits- und Wasserversorgung sei dramatisch besser geworden.

Thomas de Maiziére hat als ehemaliger Verteidigungsminister seine eigene Meinung über die Vorgänge in Afghanistan. Im Podcast von Sächsische.de spricht er darüber.
Thomas de Maiziére hat als ehemaliger Verteidigungsminister seine eigene Meinung über die Vorgänge in Afghanistan. Im Podcast von Sächsische.de spricht er darüber. © www.loesel-photographie.de

Warum haben Armee und Präsident kampflos aufgegeben?

Eine abschließende Erklärung will de Maiziére zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht liefern. Er sagt aber, dass sowohl die Armee als auch der Präsident in einem Land, das aufgrund der Stammeskultur kein Nationalbewusstsein kennt, Fremdkörper waren; dass Armee und Regierung schwach, die Taliban hingegen zu stark waren: "Wir haben immer gedacht, die afghanische Armee sei eine nationale Klammer. Aber sie hat nicht getragen", so de Maiziére. Das Ziel, eine Terrorzentrale zu begrenzen, sei erreicht worden, sagt er. Gescheitert sei man aber bei dem Vorhaben, ein stabiles Afghanistan zu schaffen.

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Aliyasser sieht das ähnlich. Die Bilder, auf denen Präsident Aschraf Ghani, ein Paschtune, mit Geldkoffern außer Landes flieht, haben ihn verbittert. "Warum haben die Amerikaner und die Deutschen nicht wenigstens eine Probezeit abgewartet. Warum hat die Armee nicht gekämpft", fragt er.

Shapoor denkt anders. Die Taliban seien immer dagewesen, sagt er - und sie seien immer die stärkste Kraft im Land gewesen. Dass der Präsident und die Armee sich kampflos ergeben haben, findet er richtig: "So liegt wenigstens nicht wieder das gesamte Land in Trümmern."

Wie sieht die Zukunft für Afghanistan aus?

Die Frage nach der afghanischen Zukunft ist in erster Linie von Angst getrieben. Das sagen sowohl Shapoor und Aliyasser als auch Thomas de Maiziére. Ein weiterer Bürgerkrieg, findet Shapoor, sei die größte Befürchtung der Afghanen. Auch deshalb, so seine These, würden die meisten zivilen Bürger derzeit abwarten und vor Gegenwehr gegen die Taliban eher zurückschrecken.

Weniger von Angst als vielmehr von der Sehnsucht nach Frieden spricht Aliyasser. Frieden, sagt er, sei derzeit die größte Sehnsucht seiner Landsleute. Ob dieser unter der Herrschaft des Westens oder der Taliban herbeigeführt werde, sei dabei fast egal. "Die Leute stehen unter Schock, sind hilflos, haben Angst", sagt er. Dieser Zustand müsse beendet werden.

Wie reagieren Afghanen in Deutschland auf die Machtübernahme durch die Taliban?

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Hans-Jürgen Domani war als Soldat aus Sachsen in Afghanistan und betreut mehrere Ortskräfte. Seit die Taliban Kabul eroberten, fürchten diese um ihr Leben.

Die Menschen, mit denen Sächsische.de sprach, sind überraschend gelassen. Ihre Gefühle halten sie trotz der kursierenden Bilder aus ihrem Heimatland zurück. Viel Raum für Aktionismus bleibe nicht, sagen sie. Aliyasser versucht derzeit, seinen kleinen Bruder nach Deutschland zu holen. Aber das gestaltet sich schwierig: "Jemanden über das Meer nach Italien zu holen, kostet etwa 9.000 Euro. So viel habe ich nicht", sagt er.

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