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Der lange Weg nach Hause

Sechs Jahre Angst vor der Abschiebung sind vorbei: Die Palästinenserfamilie Khalil darf im Landkreis bleiben.

Ohne Staat, aber nicht ohne Zuhause: Mohamed Khalil, seine Frau Safaa und die Kinder Lara, Siedra, Amal, Alaa und Omar (v.l.) auf dem Sofa in ihrer Wohnung nahe Pirna.
Ohne Staat, aber nicht ohne Zuhause: Mohamed Khalil, seine Frau Safaa und die Kinder Lara, Siedra, Amal, Alaa und Omar (v.l.) auf dem Sofa in ihrer Wohnung nahe Pirna. © Daniel Schäfer

Ob er noch an den Libanon denkt? An Baalbek, seine Stadt? Mohamed tippt auf sein Handy, spielt einen Film ab. Der Bildschirm ist schwarz. Dann das Gebell von Maschinenwaffen. Leuchtspurgeschosse jagen durch die Nacht, wie wild gewordene Sternschnuppen, hämmern in eine Hausfassade hinein. Vor dem Haus brennt irgendwas. Jemand ruft "Allahu akbar!" Eine Frau erhebt ihr Klagelied. Mohamed übersetzt es: "Baalbek wird getötet!"

Libanon, ein kleines Land, eingeklemmt zwischen Israel, Syrien und dem Mittelmeer. Im Nordosten liegt die Provinzhauptstadt Baalbek, bekannt für seine altrömischen Kulturbauten, aber auch für das riesige Flüchtlingslager Wavel. Hier leben mehr als zehntausend Palästinenser. Hier lebte bis 2014 auch Mohamed Khalil mit seiner Familie. Und das nicht mal schlecht. Haus, Auto, kleines Geschäft. Er gab alles auf, um den Kindern eine Zukunft zu verschaffen. Eine Zukunft in Deutschland.

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Palästina, die nie gesehene Heimat

Die Khalils wohnen jetzt in einer kleinen Stadt im Vorland der Sächsischen Schweiz. Wo genau, soll nicht gesagt werden. Mohamed ist viel im Netz unterwegs, kommentiert die Gewaltvideos, die dort kursieren oder die seine Schwester, in Baalbek zurückgeblieben, vom Balkon aus aufnimmt und ihm schickt. Er will seine Familie nicht gefährden. Wer weiß, wie weit der Arm der Clans und der Hisbollah-Miliz reicht, die in seiner alten Heimat das Sagen haben.

Vor der Flucht: Mohamed Khalil mit den Kindern Amal (l.) und Lara bei einer Ausfahrt in die Berge bei Baalbek im Norden Libanons.
Vor der Flucht: Mohamed Khalil mit den Kindern Amal (l.) und Lara bei einer Ausfahrt in die Berge bei Baalbek im Norden Libanons. © privat

Heimat. Was ist das? Ein Staat? Die Khalils haben keinen Staat. In ihren Papieren steht: Nationalität ungeklärt. 1948 im arabisch-israelischen Krieg, den Israel gewann, flohen Mohameds Großeltern aus ihrem Wohnort am See Genezareth und strandeten im Libanon. Mohamed wurde im Flüchtlingslager geboren, auch drei seiner Kinder. Palästina kenn er nur aus den Nachrichten. Mit eigenen Augen gesehen hat er es nie. Trotzdem sagt er, indem er die Hand auf sein Herz legt: "Palästina ist hier."

Schüsse auf das Familienauto

Er sagt aber auch, dass man vergessen muss. Sonst geht das Herz kaputt. Als Geschäftsmann in Sachen Fenster und Türen ging es ihm gut. Das Uno-Hilfswerk versorgte ihn mit Aufträgen. Er konnte sich einen schicken Geländewagen leisten. Das rief Neider auf den Plan. Mehrfach wurde auf ihn und das Auto geschossen. Der syrische Bürgerkrieg brachte ab 2011 noch mehr Flüchtlinge. Gewalt beherrschte die Straßen. Kein Ort, um Kinder groß zu ziehen. "Wie sollen sie dort etwas lernen?"

Türkei, Griechenland, Balkan - im Sommer 2014 erreichten die Khalils Deutschland. Sie zogen nach Neustadt in Sachsen, in einen Plattenbau. Ihr Zukunftstraum aber platzte umgehend. Der Asylantrag wurde abgelehnt. Die Anerkennungschancen von Palästinensern sind verschwindend gering. Die Khalils klagten dennoch gegen die Entscheidung. Sechs Jahre passierte in der Sache so gut wie nichts.

Launisches Wetter: So sieht der Winter im Libanon aus. Mutter Safaa Khalil bei einer Spazierfahrt im Schnee mit den Mädels.
Launisches Wetter: So sieht der Winter im Libanon aus. Mutter Safaa Khalil bei einer Spazierfahrt im Schnee mit den Mädels. © privat

Aber sonst passierte viel. Die Kinder der Khalis kamen in die Schule. Und sie lernten gut. Amal, jetzt zwölf, ist das älteste der insgesamt fünf Geschwister, und das deutscheste. Sie übersetzt für die Eltern bei den Ämtern, hilft den Kleineren bei den Schularbeiten. Dieses Jahr ist Amal von der Oberschule aufs Gymnasium gewechselt. Der Druck ist dort größer, sagt sie. Aber eigentlich hat sie keine Probleme. Am liebsten mag sie Englisch und Sport.

Traum von einer Zukunft als Lehrerin

Vor zwei Jahren hat Amal einen offenen Brief geschrieben, der im Mitteilungsblatt der Pirnaer Pfarrei St. Heinrich und Kunigunde erschien. Darin schilderte sie ihre Angst vor der Abschiebung in den Libanon: "Ich möchte aber hier bleiben und lernen, mein Traum ist, vielleicht Anwältin zu werden... ." Inzwischen heißt der Traumjob Lehrerin, möglichst für Sport. Aber Polizistin wäre auch eine Option. Oder Ärztin?

Akademische Berufe zu ergreifen ist für Palästinenser im Libanon praktisch unmöglich. Als Ausländer bleiben ihnen meist nur Handlangertätigkeiten, bei der Ernte, auf dem Bau, an der Tankstelle. Die Löhne für Palästinenser sind niedriger als für Libanesen. Oft gibt es nicht mal einen regulären Arbeitsvertrag. Solche prekären Zustände wollte Mohamed Khalil seinen Kindern ersparen. Vor allem deshalb entschied er sich zur Flucht.

Amal, heute zwölf, wurde noch im Flüchtlingslager geboren. Sie geht in die 7. Klasse am Gymnasium und möchte mal Lehrerin werden.
Amal, heute zwölf, wurde noch im Flüchtlingslager geboren. Sie geht in die 7. Klasse am Gymnasium und möchte mal Lehrerin werden. © Daniel Schäfer

Mangel an Zukunft berechtigt nicht dazu, Deutschland als neue Heimat anzunehmen. Das haben die Khalils spüren müssen. Andererseits: Abschiebung in den Libanon geht auch nicht. Das Land nimmt kaum die eigenen Staatsbürger zurück. Papiere für Palästinenser werden erst recht nicht ausgestellt. Flüchtlinge hat das Land ohnehin genug. Das Resultat für gewöhnlich: die Duldung. Ein Sitzen zwischen den Stühlen, wie Dirk Morlok von Pro Asyl es formuliert: "Man ist nicht rechtmäßig da, aber man ist trotzdem nicht illegal."

Unglaubliche Nachricht auf dem Weg zur Schule

Für die Khalils ist das Sitzen zwischen den Stühlen, wie es aussieht, vorbei. Im September kam Post vom Anwalt: Ein Abschiebeverbot ist ausgesprochen worden. Amal erhielt den Anruf auf dem Schulweg. "Ich konnte es einfach nicht glauben." Um den Brief zu lesen, musste sie warten, bis ihr Vater nach Hause kam. Mohamed hatte das Schreiben den ganzen Tag mit sich herumgetragen, um es immer wieder durchzulesen.

Die Aufenthaltserlaubnis gilt für ein Jahr, wahrscheinlich auch für zwei weitere Jahre. Wenn es mit der Integration weiter gut voran geht, könnte am Ende eine Niederlassungserlaubnis stehen, also der Aufenthalt auf Dauer. Dazu gehört allerdings auch, dass die Familie ihren Lebensunterhalt selbst bestreitet.

Als Fahrer für ein indisches Restaurant unterwegs

Bisher lebt die Familie im Wesentlichen vom Amt. Mohamed hatte nur geringfügige Jobs. Seinen libanesischen Führerschein hat er auf Deutsch wiederholt. Aktuell arbeitet er bei einem indischen Restaurant in Dresden als Fahrer. Mit der Aufenthaltserlaubnis könnte er nun uneingeschränkt Arbeit suchen. Was er arbeiten wird, ist ihm noch nicht klar. Die Sache mit der Heimat aber hat er für sich entschieden: "Meine Heimat ist hier."

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