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Wie Burn-out ohne Knall

Ständig gestresst zu sein, erscheint heutzutage normal. Der Psychologe Timo Schiele spricht von Burn-on-Syndrom – und erklärt, was dagegen helfen könnte.

Beim Burn-on-Syndrom handelt es sich häufig um eine Art Negativspirale aus Überarbeitung und abnehmender Leistungsfähigkeit, die zum Teil durch Mehrarbeit kompensiert wird, bis es nicht mehr geht.
Beim Burn-on-Syndrom handelt es sich häufig um eine Art Negativspirale aus Überarbeitung und abnehmender Leistungsfähigkeit, die zum Teil durch Mehrarbeit kompensiert wird, bis es nicht mehr geht. © 123rf

Die Gefahr eines Burn-outs ist vielen bewusst. Doch im Bestreben, den Zusammenbruch zu vermeiden, machen es Betroffene oft nur noch schlimmer. Der Psychologe und Psychotherapeut Timo Schiele sprach mit der SZ über ein womöglich unerkanntes Leiden.

Herr Schiele, was ist Burn-on?

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Um die Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen und zunächst das Phänomen des Burn-out erklären. Häufig handelt es sich um eine Art Negativspirale aus Überarbeitung und abnehmender Leistungsfähigkeit, die zum Teil durch Mehrarbeit kompensiert wird, bis es nicht mehr geht. Bezeichnend für den Burn-out ist die Tatsache, dass ihn Betroffene häufig und über lange Zeit als „ich-dystonen“ Zustand erleben, gegen den sie ankämpfen.

Was heißt „ich-dyston“?

Etwas, das nicht zu einem passt, was man als fremd und störend empfindet, worunter man leidet. Burn-out ist solch ein Erlebnis. Psychologen beschreiben ihn auch als akute Erschöpfungsdepression, der mit einem psychischen oder körperlichen Kollaps einhergeht. Einen so fulminanten Zusammenbruch gibt es beim Burn-on nicht. Wir sprechen hier eher von einer chronischen Form einer Erschöpfungsdepression, die sich im Hintergrund entwickelt. Betroffene erleben den Burn-on als „ich-synton“, also als gar nicht so fremd. Sie sind es gewohnt, immer an der Belastungsgrenze zu arbeiten. Und sie tun das erfolgreich und über einen langen Zeitraum hinweg.

Wie lange?

Wir haben Patienten, die sagen, dass ihr Leben seit Jahrzehnten auf einen Zusammenbruch zuzusteuern scheint. Das Gefühl des Unglücklichseins, die Unzufriedenheit und Niedergeschlagenheit über so viele Jahre, erzeugt einen extremen Leidensdruck.

Sie arbeiten in einer psychosomatischen Klinik am Ammersee in Bayern. Wann sind Sie und Ihre Kollegen auf die Idee gekommen, dass es ein unerkanntes Leiden namens Burn-on geben könnte?

Dieser Prozess hat sich über die vergangenen zwei Jahre hingezogen. Wir hatten den Eindruck, dass hier immer wieder Menschen ankommen, die nicht in die bekannte Kategorie des Burn-outs passen. Diese Patienten hatten keinen sichtbaren Zusammenbruch, sondern waren bis zum Tag vor der Aufnahme in ihrem Job und haben dort „funktioniert“. Entsprechend schwer haben sie es, aus ihrem aktionistischen Handeln herauszukommen. Sie müssen von 100 auf Null abgebremst werden. Viele sagen: „Ich halte es kaum aus, dass ich hier nicht den kompletten Tag durchgeplant bin.“ So paradox es klingen mag: Einerseits wünschen sie sich nichts sehnlicher, als runterzufahren, andererseits sind sie mit dieser Aufgabe völlig überfordert.

Wen trifft so etwas besonders häufig?

Wir sind derzeit in den Anfängen einer Datenerhebung, können daher noch keine statistischen Angaben machen. Was wir beobachten, ist, dass es oft Menschen trifft, die gerade von einer Lebensphase in die nächste wechseln. Zum Beispiel von der Berufstätigkeit in den Ruhestand. Andere Schwellensituationen können eine schwere Krankheit oder ein Unfall sein.

Wie alt sind Ihre Patienten?

Es sind einerseits junge Leute, die ins Berufsleben gestartet und hohem Leistungsdruck ausgesetzt sind, andererseits auch Ältere. Weniger häufig sehen wir Patienten, die seit 15 oder 20 Jahren im Job stehen. Das kann aber auch andere soziodemografische Gründe haben. Männer und Frauen sind in etwa gleich häufig vertreten. Auch wenn sich das nicht mit Zahlen belegen lässt, vermuten wir, dass junge Eltern, besonders Mütter, überproportional betroffen sein könnten. Viele sind immer im roten Drehzahlbereich unterwegs und häufiger als Männer gezwungen, mehrere Rollen gleichzeitig auszufüllen.

Ist es nicht normal, sich ausgebrannt zu fühlen? Arbeitgeber wollen doch Angestellte, die für ihren Job brennen.

Das scheint so zu sein, ja. Bei der Arbeit am Buch haben mein Kollege Bert te Wildt und ich den Eindruck gewonnen, dass dieses Bild des Brennens aber nicht hilfreich ist. Natürlich erscheint es reizvoll, „Feuer und Flamme“ für etwas zu sein. Brennend dürfte es jedoch schwierig werden, langfristig in der Arbeitswelt gesund zu bleiben. Oft müssen hohe Opfer gebracht werden.

Inwiefern?

Ein Patient sagte, er habe unbewusst Ressourcen seiner Frau angezapft, um das Niveau seines beruflichen Engagements halten zu können. Er brauchte Unterstützung für diesen „Lebensstil“. Allein hätte er das nicht mehr gestemmt. Hier greift das Brennen um sich und zieht Angehörige in Mitleidenschaft.

Welche Faktoren provozieren die Entstehung eines Burn-on-Syndroms?

Man kann das auf der individuell-persönlichen und auf gesellschaftlicher Ebene betrachten. Zur Letzteren lässt sich sagen, dass wir anfangs einen Fokus auf Millennials hatten, also den zwischen 1980 und 1993 Geborenen. Anders als bei den Generationen davor scheint für diese Gruppe vieles nicht mehr sicher. Seien es verfügbare Finanzen oder die Planbarkeit des Berufs- und Privatlebens. Der lange gewohnte Aufwärtstrend ist vorbei. Zwar wächst diese Generation einerseits sicherer auf als alle Generationen vor ihr, andererseits begegnen ihr große Unsicherheiten. Daran müssen sich viele erst noch anpassen.

Und die individuellen Faktoren?

Wir erleben Patienten, die schon in frühester Kindheit von Eltern oder Bezugspersonen dazu angehalten wurden, Leistung zu bringen und andere auszustechen. Das setzt sich in der Jugend und im Erwachsenenalter fort. Da sagen Dozenten ihren Studenten: „Schauen Sie sich um! Ihr Banknachbar könnte der Konkurrent um Ihren Masterplatz sein!“ Da wird Konkurrenzdenken auf eine Art und Weise in den Köpfen verankert, die es jungen Menschen schwer macht, einen gelassenen Umgang mit dem Thema Leistung zu lernen. Selbstwert wird mit Leistung verknüpft.

Wie schildern Betroffene den Burn-on?

Patienten sagen uns: „Äußerlich performe ich, zu Hause prokrastiniere ich.“ Typisch ist auch ein Satz wie: „Ich gehe wie eine leere Hülle durchs Leben.“ Oder: „Ich habe den Eindruck, dass ich niemandem mehr gerecht werde. Aber keiner merkt es.“ Der Schritt zur Selbstoffenbarung ist nicht nur schwierig und schambehaftet, sondern auch mit großer Irritation verbunden. Den gebrochenen Arm oder das eingegipste Bein kann man sehen, das ist für viele greifbar, Burn-on dagegen erst mal nicht.

Welche Kompensationstrategien wenden Betroffene an, damit es nicht zum großen Knall kommt?

Manche Menschen funktionalisieren ihre Freizeit sehr stark, um ihre Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten zu können. Zum Beispiel buchen sie Wellnesskuren, obwohl ihnen das gar keine Freude macht. Ihnen geht es nicht darum, ihren Körper zu pflegen und sich eine Auszeit zu nehmen, sondern vornehmlich darum, danach wieder Hochleistung zu bringen. Wer hier das Maß verliert, funktioniert zwar lange weiter, erlebt dies aber mit dem bereits erwähnten Empfinden, nur noch eine Hülle zu sein. Diese Menschen haben früher vielleicht gern auf der Gitarre geklimpert und sich daran erfreut. Doch sie haben es aufgegeben, weil es sie nicht im Job weiterbringt.

Und wie lange dauert es nun, einen Patienten wieder „aufs Gleis zu stellen“?

Die Behandlungsdauer in unserer Klinik liegt im Schnitt zwischen sechs und acht Wochen. Je nachdem, welche Prozesse vorher schon im Gang waren, machen wir einen wichtigen Schritt, aber oft nur einen Anfang. Bei über Jahrzehnte bestehenden Problemen wäre es ja vermessen, den Patienten zu suggerieren, ihre Probleme ließe sich binnen weniger Wochen lösen. In der stationären Psychotherapie geht es eher darum, die Menschen wieder auf den Weg zu bringen. Patienten sollen, um im Bild zu bleiben, nicht wieder auf dem alten Gleis landen. Natürlich kann es entmutigend sein, wenn man signalisiert bekommt, eine bestimmte Aufgabe könne nie so richtig abgehakt werden. Andererseits kann der Gedanke auch ermutigend sein. Es gibt keine Frist. Es muss nicht alles nach acht Wochen geschafft sein. Man darf auch freundlich mit sich selbst umgehen, wenn man selbst nach Monaten in alte Muster zurückfällt. Niemand sollte vergessen, dass sich die Gesellschaft und das eigene Umfeld nicht in ihren Grundfesten verändert, während man selbst in Therapie ist.

Würden Sie sagen, dass das Stigma eines Burn-outs in den vergangenen Jahren kleiner geworden ist?

Ja, mein Eindruck ist so. Ich höre von einigen Patienten, dass sie ihren Aufenthalt unter Kollegen offenbart haben und positive, aufmunternde und wertschätzende Rückmeldungen erhalten haben. Nichtsdestotrotz ist noch ein Stigma da. Ich tue mich dementsprechend schwer, jemandem aktiv zu diesem Schritt zu raten. Wichtig ist, sich dort zu offenbaren, wo man sich sicher fühlt. Das kann im Job statt bei der Personalabteilung oder beim Vorgesetzten auch ein Kollege vom Betriebsrat sein. Letztlich ist es für Betroffene und diejenigen, die sich für sie einsetzen, noch ein weiter Weg.

Ist Burn-out eigentlich mittlerweile eine Diagnose, die sich auch im offiziellen Katalog medizinischer Diagnosen wiederfindet? Gibt es den sogenannten ICD-Schlüssel dafür?

Es gab zwischenzeitlich Meldungen, die das suggerierten. Laut ICD-11, der neuesten Variante des Katalogs, ist Burn-out nach wie vor keine eigenständige Erkrankung, sondern wird als Faktor definiert, der den Gesundheitszustand beeinflusst. Neu ist, dass die Definition eines Burn-outs konkreter gefasst wurde und damit greifbarer ist.

Gibt es schon Feedback von Krankenkassen, die Therapien bezahlen müssen in Bezug auf Ihre Burn-on-These?

Nein. Wir sind aber gespannt, was wir noch beitragen können zum vertieften Verständnis von psychischen Belastungen. Eine kurzfristige Anerkennung eines solchen Leidens ist nicht zu erwarten. Burn-out ist schon in den 1970er-Jahren beschrieben worden, aber heute noch nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt. Gleichwohl ist das Wissen um ein solches Leiden hilfreich. Es hat die Akzeptanz psychischer Limitationen gesteigert und negative Entwicklungen in unserer Arbeitswelt aufgezeigt.

Was hilft der Psyche und dem Körper, nicht in die Abwärtsspirale zu geraten?

Innehalten – zumindest als erster Schritt. Betroffene sollten Pausen machen und bewusst reflektieren: Was muss ich wirklich tun, was erlege ich mir teilweise selbst auf? Wo habe ich Freiheiten, die ich mir versage? Verhalte ich mich unter Druck aktionistisch? Auf solche Frühwarnsignale gilt es zu achten. Gerade jetzt ist es doch fast schon komisch, anzunehmen, dass wir alles in dem gleichen Maße leisten könnten wie vor Beginn der Covid-19-Pandemie.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

  • Der Experte: Timo Schiele ist Diplompsychologe und gehört zum Leitungsteam der psychosomatischen Klinik Kloster Dießen in Bayern.
  • Das Buch: Bert te Wildt & Timo Schiele: Burn On – immer kurz vorm Burn Out. Das unerkannte Leiden und was dagegen hilft. Droemer, 304 Seiten, 20 Euro.

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  • Notieren Sie auf einem Zettel verschiedene Lebensbereiche (z. B. Arbeit, Familie, Partnerschaft, Kinder, Sport, Hobby usw.).
  • Erster Durchgang: Gehen Sie die Liste durch und fragen Sie sich: Wie wichtig ist mir dieser Bereich auf einer Skala von 1 bis 10?
  • Zweiter Durchgang: Fragen Sie sich nun, wie stark jeder einzelne Bereich tatsächlich in Ihrer Lebensführung verankert ist. Vergeben Sie erneut Punkte von 1 bis 10.
  • Vergleichen Sie die beiden Zahlenreihen. Fragen Sie sich: Wenn mein Leben so weitergehen würde, könnte ich Anspruch und Wirklichkeit einigermaßen in Deckung bekommen? (rnw)

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