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Der lange Weg zum flexiblen Job

Weil das Homeoffice normaler wird, zeigt sich auch, woran es beim mobilen Arbeiten hakt. Und warum die Probleme im Osten dabei größer sind.

Von Annett Kschieschan
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Ein wichtiges Meeting und schon wieder kein Netz? Im Osten Deutschland erleben viele Arbeitnehmer mehr Frust im Homeoffice als im Westen. Das hat viel mit der Infrastruktur vor Ort zu tun.
Ein wichtiges Meeting und schon wieder kein Netz? Im Osten Deutschland erleben viele Arbeitnehmer mehr Frust im Homeoffice als im Westen. Das hat viel mit der Infrastruktur vor Ort zu tun. © AdobeStock

Tickt der Osten anders? Diese Frage wird gern gestellt und auch gern – mal mehr, mal weniger seriös – beantwortet. Dabei ist unstrittig, dass es auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung durchaus Unterschiede zwischen den beiden deutschen Hälften gibt. Offenbar gilt das auch für die Arbeit von zuhause aus. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der Firma Jobware, einer deutschen Stellenbörse für Fach- und Führungskräfte, mehr als tausend Angestellte befragt und festgestellt, dass sich Arbeitnehmer in Ostdeutschland im Homeoffice schneller abgelenkt fühlen.

Mehr als die Hälfte – gut 52 Prozent – führte an, sich unter anderem durch die Familie, Haushaltsarbeit oder Nachbarn weniger gut auf den Job in den eigenen vier Wänden konzentrieren zu können. Im Westen Deutschlands ging das nur einem Fünftel der Befragten so. Dass das Homeoffice überhaupt so stark Fokus steht, liegt zum einen natürlich an der Corona-Pandemie. Sie sorgte dafür, dass Unternehmen im großen Stil zum mobilen Arbeiten wechselten. Im März 2021 arbeitete immerhin ein Drittel aller Deutschen vom heimischen Schreibtisch aus. Im Dezember waren es knapp 28 Prozent. Die Omikron-Welle hat trotz der angekündigten massiven Lockerungen der Corona-Regelungen wieder zu einem Anstieg der Heimarbeit geführt.Aber wer nur die Pandemie im Blick hat, übersieht, dass sich die Arbeitswelt bereits seit einigen Jahren in einem starken Wandlungsprozess befindet.

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Der liegt einerseits in der technischen Entwicklung, dem Ausbau von Digitalisierung, dem Einsatz von Automatisierung und Künstlicher Intelligenz, begründet, hat aber auch viel mit veränderten Ansprüchen der Arbeitnehmer zu tun. Karriere um jeden Preis? Das ist für einen Großteil der Jüngeren heute nicht attraktiv. Statt auf Geld und Status legt die sogenannte Generation Y – also Männer und Frauen, die in den 80er- und 90-Jahren geboren sind – viel Wert auf Selbstverwirklichung, Individualität und eine funktionierende Work-Life-Balance. Und die Wirtschaft wäre unklug, würde sie das nicht ernst nehmen. Im War for Talents, dem Kampf um die besten Talente, hat nur Chancen, wer seinen Mitarbeitern die Freiheit gibt, die sie wollen.

Alte Technik, schlechtes Internet

Das Homeoffice gehört da heute ganz selbstverständlich und pandemie-unabhängig dazu. Wobei der Nachwuchs durchaus nicht nur in den eigenen vier Wänden arbeiten mag. Co-Working-Spaces , also gemeinsam mit anderen ganz flexibel nutzbare Büros, sind auf dem Vormarsch. Auch in Sachsen gibt es immer mehr davon, vor allem in den großen Städten. Allerdings legt eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung nahe, dass Co-Working Spaces auch im ländlichen Raum an Bedeutung gewinnen. Demnach spricht das Konzept inzwischen auch nicht nur die ganz Jungen an. Etwa 50 Prozent der Co-Worker in der Studie waren über 40 Jahre alt. Womit wir wieder beim Osten wären. Hier braucht der ländliche Raum dringend zukunftsfähige Ideen und viele Arbeitnehmer sind hier älter als in den Ballungszentren im Westen Deutschlands.

Wären also Co-Working-Räume die Alternative für alle, die sich zu Hause schlecht auf die Arbeit konzentrieren können? Arbeitsökonomen gehen davon aus. Denn, wer mobil gut und effizient arbeiten will, braucht die passenden Bedingungen. Und die sind in Ostdeutschland oft schlechter als im Westen. So ist Anteil der Hauseigentümer seit der Wende in Ostdeutschland zwar von rund 25 auf etwa 40 Prozent angestiegen. In wirtschaftlich starken Regionen im Süden und Westen der Bundesrepublik liegt er aber bei rund 60 Prozent. Und im eigenen Haus mit Arbeitszimmer und Garten lassen sich Job und Familie nun einmal besser vereinbaren als in der Zwei-Zimmer-Wohnung im Mehrfamilienhaus.

Beachtenswert sind laut der Forsa-Studie für Jobware auch die „ungleichen technischen Voraussetzungen für das erfolgreiche Arbeiten im Homeoffice“. Demnach sind 36 Prozent der Ostdeutschen mit ihrer technischen Ausstattung beziehungsweise der Internetverbindung am heimischen Arbeitsplatz unzufrieden. Deshalb ist es zu kurz gedacht, Arbeitnehmern im Osten grundsätzlich weniger Aufgeschlossenheit für flexiblere Arbeitsmodelle zu attestieren. Oft sind hier schlicht die Voraussetzungen schlechter. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass Unternehmen auch an diesem Punkt ansetzen müssen. Die jungen Fachkräfte – auch aus dem Ausland –, die gerade die strukturschwachen Regionen brauchen, wollen ihre Vorstellungen eines guten Arbeitslebens erfüllt sehen. Mit Homeoffice, Co-Working- Angeboten und das alles natürlich mit stabilem und schnellem Internet. Eine Selbstverständlichkeit. Eigentlich.

Die Forsa-Befragung wurde im Auftrag der Jobbörse Jobware im Januar 2022 durchgeführt. Per repräsentativer Zufallsauswahl wurden 1.011 erwerbstätige Angestellte mit qualifizierter Tätigkeit im Alter von 18 bis 60 Jahren zu ihrer Wechselmotivation befragt.

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