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Die Frage nach dem lieben Geld

Wie zufrieden Beschäftigte mit ihrem Job und den Arbeitsbedingungen sind, hängt von vielen Faktoren ab. In Zeiten rekordverdächtiger Inflation ist einer besonders wichtig: der Lohn. In vielen Unternehmen stehen gerade in der Krise Gehaltsverhandlungen an.

Von Annett Kschieschan
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Mehr Gehalt ist gerade in Zeiten der Inflation ein berechtigter Wunsch. Generell nimmt das Sicherheitsdenken der Beschäftigten gegenwärtig wieder zu.
Mehr Gehalt ist gerade in Zeiten der Inflation ein berechtigter Wunsch. Generell nimmt das Sicherheitsdenken der Beschäftigten gegenwärtig wieder zu. © AdobeStock

Gehaltsverhandlungen in Krisenzeiten sind keine gute Idee, möchte man meinen. Und liegt damit nur teilweise richtig, denn die Inflation rückt das Thema Geld gerade ganz besonders in den Fokus. Beschäftigte erwarten, dass ihr Arbeitgeber ihnen beim Ausgleich der höheren Ausgaben hilft, indem er beim Gehalt etwas drauflegt. Unternehmen sind derweil vielfach noch damit beschäftigt, die nächste Stufe der Mindestlohn-Erhöhung umzusetzen.

Trotzdem kann es sinnvoll sein, gerade jetzt über Geld zu sprechen. Denn nicht wenige Firmen stehen überdies vor dem Problem, dass sie einerseits freie Stellen nicht besetzen können und andererseits damit rechnen müssen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Konkurrenz abwandern. Zum Beispiel, weil die besser zahlt. In der aktuellen Studie „Arbeitszufriedenheit in Krisenzeiten“ hat die Personalvermittlung Avantgarde Experts genau das untersuchen lassen. Ein Ergebnis: Noch immer ist ein gutes Gehalt Hauptfaktor bei der Frage nach der Zufriedenheit mit dem aktuellen Job. Es ist gleichsam entscheidend, wenn es darum geht, latente Wechselbereitschaft in eine konkrete Kündigung umzuwandeln. Kurzum: Wer regelmäßig das Gehalt erhöht, kann sein Team mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in schwierigen Zeiten halten. Zumindest, wenn er noch dazu für ein gutes Betriebsklima sorgt und flexiblen Arbeitszeit- und ortmodellen nicht ablehnend gegenüber steht.

Sozialpolitische und gesellschaftliche Aspekte wie etwa das Eintreten des Arbeitgebers für den Klimaschutz oder nachhaltiges Wirtschaften rangieren auf der Liste der für Arbeitnehmer entscheidenden Kriterien deutlich weiter hinten. Hier zeigen sich womöglich die Auswirkungen der krisengeschüttelten vergangenen Jahre. Sicherheit ist wieder wichtiger geworden. Im Zweifel schlägt sie gemäß der Avantgarde-Befragung sogar die Frage nach dem Gehalt. Für Unternehmer ist auch das durchaus bedeutsam: Wer Stabilität und Verlässlichkeit bietet, dürfte beim Ringen um Nachwuchs wieder Punkte gutmachen.

Sicherheit wird wieder wichtiger

Insgesamt ergab die repräsentative Studie, dass rund 68 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihren Job gern machen und mit den Bedingungen am Arbeitsplatz zufrieden sind. Auf die Frage, was die Zufriedenheit weiter steigern könnte, nannten 62 Prozent der Befragten ein höheres Gehalt als mit Abstand wichtigsten Punkt. Allerdings gab immerhin jeder Dritte an, dass eine offenere Kommunikation seine Arbeitszufriedenheit erhöhen würde. Beim Thema Flexibiliät zeigt sich nicht ganz unerwartet ein Unterschied zwischen den Altersgruppen. Während jüngere Beschäftigte die Arbeit im Homeoffice oder im Workspace für selbstverständlich halten, ist dieser Aspekt älteren Arbeitnehmern weniger wichtig. Auch hier dürfte Gewohnheit eine Rolle spielen. Während die digital Natives große Teile ihres Lebens ganz selbstverständlich online organisieren, ist für den Arbeitnehmer über 50 der tägliche Gang zum Schreibtisch im Büro erprobter Alltag.

„Mehr Digitalisierung“ wünschen sich 28 Prozent der jüngeren Beschäftigten, das sind fast dreimal so viele wie bei den älteren. Auch bessere Entwicklungs- und Karrierechancen sind für Berufseinsteiger wichtige Kriterien. Immerhin 18 Prozent der Befragten gaben an, in den nächsten sechs Monaten den Arbeitgeber wechseln zu wollen. Auch hier sind besondere jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entschlossen, ihr Glück bei einem anderen Unternehmen zu suchen. Allerdings ist diese Zahl im Vergleich zu 2019 deutlich gesunken. Auch hier wird deutlich, dass die Krisen das Sicherheitsbedürfnis vieler Angestellter erhöht haben.

Womit wieder das Gehalt ins Spiel kommt, denn Sicherheit ist in Zeiten einer Inflation und der drohenden Rezession nun einmal zu großen Teilen auch eine finanzielle Frage. Vereinfacht gesagt, bedeutet das: Unternehmen können Fluktuation am schnellsten über die Gehaltsabrechnung eindämmen. Das gilt offenbar besonders für Mitarbeiterinnen. Bei der Avantgarde-Studie gaben immerhin 50 Prozent der befragten Frauen an, dass sie sich durch mehr Lohn von einer Kündigung abhalten lassen würden. Bei den Männern waren nur 38 Prozent dieser Meinung. Hier ist allerdings zu beachten, dass Frauen auch im Jahr 2022 in vielen Branchen und Berufen noch weniger verdienen als Männer mit gleicher Qualifikation.

Jeder dritte Befragte plant, in diesem Jahr in Gehaltsverhandlungen zu treten. Wenn Unternehmen sich darauf einlassen, ist die Chance noch, die Beschäftigten im Team halten zu können. Wo die aktuelle Geschäftslage keine großen Sprünge zulässt, können Tank- oder Supermarktgutscheine sowie Vergünstigungen für den Öffentlichen Personennahverkehr zumindest helfen, die inflationsbedingte Finanzlücke zu schließen. Aktuell erhalten 60 Prozent der deutschen Arbeitnehmer keine oder nur eine äußerst geringe Entlastung durch den Arbeitgeber. Ein Punkt, der spätestens bei der nächsten Studie zur Arbeitszufriedenheit kräftig zu Buche schlagen dürfte.

Für die Untersuchung „Arbeitszufriedenheit in Krisenzeiten“ wurden 1062 erwerbstätige und nicht-selbstständig arbeitende Personen bevölkerungsrepräsentativnach Alter (ab 18 Jahren), Geschlecht und Region befragt.