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Gegen den Strom und die Krise

Die ersten Handwerksbetriebe schließen, weil Kosten explodieren, Mitarbeiter und Perspektiven fehlen. Ein Bäcker aus dem Radeberger Land will den Kopf gerade jetzt nicht in den Sand stecken. Mitten in der Energiekrise wurde er gerade zum Umweltbotschafter.

Von Annett Kschieschan
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Explodierende Energiepreise, hohe Materialkosten, der gestiegene Mindestlohn und die Inflation: Kleinen und mittelständischen Betrieben setzen die aktuellen Krisen besonders zu.
Explodierende Energiepreise, hohe Materialkosten, der gestiegene Mindestlohn und die Inflation: Kleinen und mittelständischen Betrieben setzen die aktuellen Krisen besonders zu. © AdobeStock

Kaum ein Tag ohne Hiobsbotschaft oder düstere Prognosen aus der Wirtschaft: Corona-Pandemie, Energiekrise, Klimawandel und Inflation, gestörte Lieferketten, Materialkostensteigerungen, der Mangel an Mitarbeitern und Nachwuchs. Die Warnung vor einer drastischen Insolvenzwelle steht längst, auch wenn das Statistische Bundesamt für das erste Halbjahr 2022 sogar eine im Vergleich zum Vorjahr leicht sinkende Zahl an Geschäftsaufgaben vermeldete. Für das zweite Halbjahr wird nun allerdings mit einer Steigerung gerechnet. Bereits im Spätsommer lag sie bei über sechs Prozent.

Keine guten Zeiten für Unternehmer, könnte man meinen. Vor allem für die, die viel Energie benötigen, wenig outsourcen können und mit ihren Produkten täglich neu überzeugen müssen. Solche wie Marlon Gnauck. Die Bäckerei seiner Familie in Ottendorf-Okrilla gibt es seit über hundert Jahren. Sein Handwerk ist energieintensiv, es braucht fähige Mitarbeiter, gute Rohstoffe und eine sehr direkte Form der Kundenbindung. Brot und Brötchen sind für viele Sachsen eine kulinarische Herzensangelegenheit. Für Marlon Gnauck, den „echten Bäcker“, auch. Die Marke hat er selbst entwickelt. In dem kleinen Laden stehen neben süßem und deftigem Backwerk professionelle Merchandising-Artikel. Tassen, Taschen, es gibt auch Socken und T-Shirts. Sie zeigen einen Totenkopf auf zumeist schwarzem Hintergrund. Ist der Ottendorfer also doch Pessimist? „Im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass man viel machen kann. Auch und gerade jetzt“, sagt Marlon Gnauck. Er ist keiner, der in der Krise resigniert, egal, ob sie den eigenen Betrieb oder die Branche insgesamt trifft. Der Totenkopf, den wohl niemand spontan mit süßen Kuchen und herzhaftem Brot in Verbindung bringen würde, ist auch ein Symbol für einen, der gerne mal gegen den Strom schwimmt. Und der andere dennoch am liebsten mitnimmt.

Mit dem Totenkopf in die Backstube

Auch deshalb hat sich Marlon Gnauck für die Umweltallianz Sachsen eingesetzt. Die Vereinbarung zwischen der Sächsischen Staatsregierung und hiesigen Unternehmen gibt es schon lange. Sie will per Definition „freiwillige Maßnahmen zur Durchsetzung betrieblicher Umweltziele und damit zur Verminderung der Umweltbelastung“ unterstützen. Soweit die Theorie. Praktisch blieb die Initiative lange ein Insider-Tipp, wenig bekannt und damit wenig öffentlichkeitswirksam. Marlon Gnauck wurmte das. Energie zu sparen, regionale Lieferketten zu stärken, nachhaltig zu arbeiten – daran müsse doch jedem etwas liegen, war der Bäcker, der selbst 80 Prozent seiner Rohstoffe aus der Region bezieht, überzeugt.

Er tat, was nicht jeder tun würde. Er schrieb einen sechsseitigen Brief an Sachsens Umweltminister Wolfram Günther. Der Inhalt deckt sich in großen Teilen mit dem, was heute die neu aufgestellte Umweltallianz ausmacht. Weiter gedacht und mit Fördermöglichkeiten verknüpft wuchs die Initiative deutlich. Elf neue Mitglieder kamen in dieser Woche dazu – und zwei Umweltbotschafter. Einer von ihnen ist Marlon Gnauck. Die Ernennungsurkunde ist erst wenige Tage alt, und sie wird den Terminkalender des Ottendorfers noch ein bisschen weiter füllen.

Marlon Gnauck, der „echte Bäcker“ aus Ottendorf-Okrilla, wurde vor wenigen Tagen zum Umweltbotschafter ernannt.
Marlon Gnauck, der „echte Bäcker“ aus Ottendorf-Okrilla, wurde vor wenigen Tagen zum Umweltbotschafter ernannt. © SMEKUL/ Rafael Sampedro

Der „echte Bäcker“ ist es gewöhnt – und irgendwie kann er auch nicht anders. „Mein Kopf ist immer voller Ideen“, sagt er. Brotbackkurse, Genießerabende und Stollenbäckernachmittage mit Kindern hat er so auf den Weg gebracht, die Werbetrommel für den „ Alten Pommerschen Dickkopf“ gerührt, eine Getreidesorte, die lange in Vergessenheit geraten war, inzwischen aber wieder in der Lausitz angebaut wird und unter anderem in der Bäckerei Gnauck zum Einsatz kommt.

Das hat seinen Preis. Gute, nachhaltig angebaute Rohstoffe kosten mehr als Massenware. „Wir sind damit in Vorleistung gegangen, kommunizieren das auch entsprechend“, sagt Marlon Gnauck. Ein gutes Brot kostet etwas. Viele Kunden kommen trotzdem auch von weiter her extra dafür nach Ottendorf-Okrilla. Der „Bäcker mit dem Totenkopf“, der auch mal Spargel, Feta oder Spinat verbäckt und passend zur Weihnachtszeit ein „Rotkohl und Apfel“-Brot anbietet, ist längst überregional bekannt. Mitarbeiter zu finden, ist für ihn kein großes Problem. Und so richtig könne er die Klagen über den Fachkräftemangel auch nicht mehr hören, gibt Marlon Gnauck zu. „Die meisten Menschen, die kündigen, kündigen ihrem Chef und nicht ihren Job“, sagt der 41-Jährige. Man müsse seinen Mitarbeitern etwas bieten. Geld - ja, aber auch Wertschätzung, immer wieder Lob für gute Arbeit, Entgegenkommen, wenn es darum geht, Familie und Arbeit, Freizeit und Schichtdienst unter einen Hut zu bekommen. Überhaupt sei das mit den Schichten viel weniger problematisch als viele, vor allem junge Leute denken. „Ja, in einer Bäckerei wird nachts gearbeitet. Aber es gibt auch Tagdienste. Wir haben Dienstpläne mit einem halben Jahr Vorlauf. Da lässt sich jeder Urlaub eintakten und für Notfälle finden wir Lösungen“, erzählt der Bäcker. Seine Mitarbeiter tragen die Totenkopf-T-Shirts auch privat. „Es ist mehr ihre Marke als die der Bäckerei“, sagt Marlon Gnauck. Corporate Identity von der Backstube in die Welt.

Dass die aktuellen Krisen die Handwerkslandschaft verändern werden, kann er sich gut vorstellen. Auch, dass nicht jeder Betrieb überleben wird. In einem gewissen Rahmen sei das normal. „Endloses Wachstum gibt es nicht“ weiß der Bäcker, der selbst schon eine unternehmerische Krise überstanden hat. „Wenn die jetzige Lage nicht viel schlimmer wird, werden wir mit ein oder zwei blauen Augen durchkommen“, schätzt der frischgebackene Umweltbotschafter ein.

Er weiß auch, wer stehenbleibt, wer nur das tut, was er immer schon getan hat, wird es schwer haben. Denn Mut zu Veränderungen brauche es. Marlon Gnauck will ein bisschen von diesem Mut weitergeben. Als Botschafter der Umweltallianz will er vor allem zeigen, dass selbst kleine Schritte auf lange Sicht Wirkung zeigen. Allen düsteren Prognosen zum Trotz. „Ich will kein Vorbild sein. Man soll nicht zu mir aufschauen, sondern sich vielleicht in mir wiedererkennen. Nach dem Motto ‚Was der gemacht hat, könnte ich auch versuchen‘“.