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Konkurrenz um Lokführer: Eisenbahnen vereinbaren Ablösesumme

Alle neun Bahnfirmen in Mitteldeutschland schließen einen Pakt gegen Abwerbung. Wer einen ausgebildeten Lokführer übernimmt, muss neue Bedingungen erfüllen.

Von Georg Moeritz
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Linus Stefan ist im zweiten Lehrjahr – aber unter Aufsicht darf er schon Züge führen, etwa die S2 zwischen Pirna und Dresden-Flughafen. Ihn abzuwerben wird schwer.
Linus Stefan ist im zweiten Lehrjahr – aber unter Aufsicht darf er schon Züge führen, etwa die S2 zwischen Pirna und Dresden-Flughafen. Ihn abzuwerben wird schwer. © Sven Ellger

Dresden. Wenn Linus Stefan als Triebfahrzeugführer vorn in der S2 von Pirna zum Flughafen Dresden sitzt, achtet immer ein älterer Kollege auf sein Tempo. Denn der 18-Jährige ist erst im zweiten Lehrjahr und könnte zum Beispiel die Bahnsteiglänge falsch einschätzen. Das ist ihm aber noch nicht passiert, sagt er. Linus Stefan geht „lieber auf Nummer sicher“. Ihm geht es nicht um Tempo, er fährt einfach gerne Zug.

Solche Nachwuchs-Lokführer werden dringend gebraucht: 1.500 fehlen in Deutschland. Daher fallen manchmal Züge aus. Allein für den Regionalverkehr in den drei mitteldeutschen Ländern müssen jedes Jahr mindestens 200 neue Auszubildende eingestellt werden, um den Bedarf zu decken. Linus Stefan weiß, dass "für die Verkehrswende" künftig noch mehr Bahnpersonal nötig ist, außerdem werden ältere Kollegen in Rente gehen. Bis er alleine den Zug führen darf, wird aber noch ein Jahr vergehen.

Die neun beteiligten Bahn-Unternehmen liefern sich einen "Wettbewerb um Fachkräfte", sagte am Mittwoch Jan Kleinwechter, Geschäftsführer der Mitteldeutschen Regiobahn. Gegen diesen Wettbewerb hat er aber ein Mittel gefunden - einen Vertrag mit den Konkurrenten. Sie sind einig geworden, Abwerbungen einzudämmen.

Ausbildungskosten von 80.000 Euro zu erstatten

In einem Zug auf Gleis 5 im Dresdner Hauptbahnhof unterschrieb Kleinwechter am Mittwoch einen Vertrag. Alle neun Eisenbahn-Unternehmen, die in Mitteldeutschland Regionalzüge fahren lassen, beteiligten sich - darunter Deutsche Bahn, Abellio, Länderbahn und Mitteldeutsche Regiobahn.

Lokführer seien teuer, sagte Kleinwechter - und während etwa Bäckerlehrlinge während der Ausbildung schon etwas produzieren könnten, ließen sich Triebfahrzeugführer erst nach den drei Jahren und der Prüfung richtig einsetzen. Außerdem springen immer mehr während der Lehrzeit ab oder bestehen die Führerscheinprüfung nicht.

Damit die raren Neu-Lokführer künftig ihren Arbeitgebern möglichst treu bleiben, haben sich die neun Bahnfirmen geeinigt, einander bei einem Wechsel gegenseitig die Ausbildungskosten zu erstatten. 80.000 Euro sollen an das Konkurrenzunternehmen fließen, wenn von dort jemand in den ersten Jahren nach der Ausbildung übernommen wird. Für Quereinsteiger sind rund 60.000 Euro fällig. Die können zwar in zehn Monaten zum Triebfahrzeugführer umgeschult werden, wenn sie zum Beispiel ausgebildete Handwerker waren. Doch Kosten zum Beispiel für Diesel bei den Übungsfahrten entstehen trotzdem.

Arbeitnehmer dürfen wechseln: "Keine Leibeigenen"

Der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) soll für die neun Bahnunternehmen als "Clearingstelle" arbeiten, sagte Geschäftsführer Burkhard Ehlen - der VVO organisiert also den Zahlungsausgleich. Ehlen hofft, dass sich die gegenseitigen Arbeitsplatzwechsel auf einer Liste jeweils zum Jahresende einigermaßen ausgleichen. Den einzelnen Arbeitnehmern stehe es weiterhin frei, zu wechseln, versicherte Ehlen: "Sie sind keine Leibeigenen". Der Vertrag müsse auch nicht dem Kartellamt zur Prüfung vorgelegt werden, das hätten die Bahnjuristen festgestellt. Ähnliche Verträge gebe es in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

In diesem Zug mit dem Ziel "Ausbildung" auf Gleis 5 im Dresdner Hauptbahnhof fand das Pressegespräch nach der Vertragsunterzeichnung statt.
In diesem Zug mit dem Ziel "Ausbildung" auf Gleis 5 im Dresdner Hauptbahnhof fand das Pressegespräch nach der Vertragsunterzeichnung statt. © Sven Ellger

Staatssekretärin Ines Fröhlich aus dem Dresdner Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr lobte die Vereinbarung. Damit würde es für die einzelnen Bahnunternehmen interessanter, in Ausbildung und in die Qualifizierung von Quereinsteigern zu investieren. Schließlich müssten sie nicht mehr so große Sorgen wie bisher haben, dass die frisch ausgebildeten Lokführer abgeworben werden.

Laut Fröhlich wird das Thema Fachkräftemangel Sachsen nicht mehr verlassen. Der Arbeitsmarkt sei ein "Arbeitnehmermarkt" geworden, demnach haben die Bewerber die bessere Position. Der öffentliche Verkehr brauche mehr Personal, denn mehr Fahrgäste ließen sich nur durch mehr Angebote "auf der letzten Meile" im ländlichen Raum gewinnen.

Nachteil Wechselschicht und frühes Aufstehen

Auch bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG scheint der Vertrag gut anzukommen. Die Dresdner Geschäftsstellenleiterin Simone Hennig war über die Details zwar am Mittwoch noch nicht informiert worden, aber in einer ersten Reaktion nannte sie es "begrüßenswert", das Abwerben einzudämmen. Bei manchen Unternehmen müssten bisher die Beschäftigten einen Teil ihrer Ausbildungskosten bezahlen, wenn sie zur Konkurrenz wechseln wollten. Laut Kleinwechter ist das aber nicht die Regel.

Um die 40.000 Euro im Jahr bekommt ein Lokführer, sagte auf Nachfrage Wolfgang Pollety, Geschäftsführer der Länderbahn. Im Einzelnen hänge es von Zulagen ab, etwa für Nachteinsätze. Alle Unternehmen zahlten nach Tarif. Es gebe kaum Unterschiede, vielleicht bei der Deutschen Bahn noch einige besondere Regelungen zur Altersvorsorge. Wechselschichten im Fahrdienst seien auch künftig nötig, betonte der Länderbahn-Chef. Manchmal um 3.30 Uhr aufstehen zu müssen, das gefalle nicht jedem, sagte Ehlen. Aber dann Richtung Sonnenaufgang in die Sächsische Schweiz fahren zu dürfen, sei doch großartig.

Manchmal machen sich auch einzelne Abteilungen innerhalb der Bahn-Unternehmen Konkurrenz: Beim Pressetermin im Zug berichtete die Triebfahrzeugführerin Selina Ullmann, dass sie zuvor Kauffrau für Verkehrsservice bei DB Regio gelernt hat und dann Kundenbetreuerin im Nahverkehr war - früher hieß das Schaffnerin oder Zugbegleiterin. Seit Februar 2021 darf sie Züge führen. Ihre künftige Kollegin Linda Seidel lernt gerade dasselbe. Zunächst hatte sie Mediengestalterin gelernt, dann wurde sie Kundenbetreuerin im Raum Dresden. Nun macht die 31-Jährige eine Umschulung und wird ab Juni Züge ab Dresden Hauptbahnhof führen.

Bis 2030 müssen im öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland 74.000 Stellen nachbesetzt werden, weil Beschäftigte in Rente gehen, schätzt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. Die regionalen Bahnfirmen in Mitteldeutschland arbeiten nach Angaben ihrer Chefs üblicherweise friedlich zusammen. "Wir sind Partner", sagte Kleinwechter. Beispielsweise nutze die Mitteldeutsche Regiobahn die Werkstatt von Abellio in Sangerhausen.