merken
PLUS Wirtschaft

Lehrstellen im Riesenrad: Manche Bewerber schwänzen

Schulabgänger treffen Personalchefs in Riesenrad-Gondeln - das Speed-Dating soll freie Ausbildungsplätze füllen. Einige Kandidaten zeigen aber Höhenangst.

Er macht "alles in Richtung Handwerk": Justin Luther (18) hat gleich drei Kurz-Gespräche mit möglichen Ausbildern im Riesenrad bekommen.
Er macht "alles in Richtung Handwerk": Justin Luther (18) hat gleich drei Kurz-Gespräche mit möglichen Ausbildern im Riesenrad bekommen. © René Meinig

Dresden. Zwölf Minuten Gespräch in der Riesenrad-Gondel – und die Einladung in eine Firma steht fest. Nächste Woche darf sich Justin Luther in einem Dresdner Bauunternehmen vorstellen.

Der 18-Jährige ist bereit zur Ausbildung: „Alles in Richtung Handwerk mache ich“, sagt der junge Mann mit Realschulabschluss, während er auf den nächsten Speed-Dating-Termin wartet. Drei Firmenkontakte hat ihm sein Berufsberater von der Arbeitsagentur vermittelt. Dreimal fährt Justin Luther am Montag Riesenrad auf Kosten des Amtes.

Anzeige
Das SHK-Handwerk ist seine Passion
Das SHK-Handwerk ist seine Passion

Lukas Kurz ist vor allem von der modernen Technik und den handwerklichen Herausforderungen in seinem Beruf fasziniert.

Voriges Jahr bekam er keine Lehrstelle, obwohl er nach eigenen Angaben danach gesucht hat. Also entschied sich Justin Luther für etwas, was im Corona-Jahr 2020 viele Jugendliche taten: eine schwierige Zeit irgendwie überbrücken. Im Berufsgrundbildungsjahr an einer Dresdner Berufsschule konnte er schweißen, trennschneiden, Werkstoffe bearbeiten. Trotzdem wurde er in diesem Jahr bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz bisher nach mehreren Vorstellungsgesprächen abgelehnt. Nun hat das Lehrjahr in vielen Betrieben schon begonnen, also setzen Arbeitsbehörden und Kammern auf Nachvermittlungs-Aktionen.

Video-Sprechstunde statt Berufsinformationszentrum

Etwa 90 Jugendliche und 30 Firmenvertreter waren zur Riesenrad-Aktion eingeladen. In Düsseldorf habe das im gleichen Riesenrad schon gut funktioniert, weiß Florian Riedel, Teamleiter in der Berufsberatung. Der Wille der Firmen zum Ausbilden sei ungebrochen, „Aufschwung und Bedarf sind da“.

Alles finde dieses Jahr aber etwa einen Monat später statt. Schulpraktika und Ausbildungsmessen fielen aus, wegen Corona ist das Berufsinformationszentrum noch immer geschlossen. Doch es gab Video-Sprechstunden, neue Broschüren und Telefon-Hotlines auch für Eltern, sagt Jan Pratzka, Leiter der Dresdner Arbeitsagentur. Künftig würden die Berufsberater mehr Sprechstunden in Schulen anbieten.

Von einem „Super-Ergebnis“ unter Corona-Bedingungen spricht Michael Rollberg, operativer Leiter des Dresdner Jobcenters. Die Handwerkskammer Dresden hat dieses Jahr fast genauso viele neue Lehrverträge registriert wie im Vor-Corona-Jahr 2019. Bei der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK) sind es bisher etwa zehn Prozent weniger als vor zwei Jahren, aber gut zwei Prozent mehr als voriges Jahr. 3.725 neue Lehrverträge zählte die IHK Dresden bis Ende August, 1.746 die Dresdner Handwerkskammer.

Ausreichend Platz für Vorstellungsgespräche: In den Riesenrad-Gondeln warteten am Montag Ausbilder auf Nachwuchs. Eingeladen hatten IHK Dresden und das Jugendberatungscenter der Arbeitsbehörden.
Ausreichend Platz für Vorstellungsgespräche: In den Riesenrad-Gondeln warteten am Montag Ausbilder auf Nachwuchs. Eingeladen hatten IHK Dresden und das Jugendberatungscenter der Arbeitsbehörden. © René Meinig

Trotz Freifahrtschein: Kandidaten nicht erschienen

Selbst in Gastronomie und Hotellerie mit ihren langen Corona-Unterbrechungen wurden in diesem Jahr gut 400 neue Ausbildungsverträge im Bezirk Dresden geschlossen, ein paar mehr als vor einem Jahr. Der Wirteverband Dehoga und die Arbeitsvermittler luden bereits Schulabgänger und Eltern auf einen Elbedampfer und zu einem Hotel-Abendessen, um die Lehrberufe schmackhaft zu machen.

Luise Dietzel hatte eigentlich erwartet, dass die Krise der Gastronomie einige Bewerber mehr in ihre Branche führt: Dietzel sucht als Recruiterin im Unternehmen Securitas künftige Fachkräfte für Schutz und Sicherheit. Doch ihre Hoffnung auf einen neuen Bewerberschub trog. Selbst zum Riesenrad-Termin kamen nur zwei von sechs angemeldeten Lehrstellen-Interessenten zu Dietzel, vier fehlten.

Der erste Kandidat hatte auch noch Höhenangst und gestand der potenziellen Arbeitgeberin, dagegen zwei Tabletten genommen zu haben. Dabei war Dietzel selbst ein wenig aufgeregt vor den ungewöhnlichen Vorstellungsgesprächen. Sie durfte aber etliche Runden alleine fahren und verabredete wenigstens mit einer Schulabsolventin einen Termin für nächste Woche in der Firma. Ob sie wirklich kommt, da ist sich Dietzel nicht sicher. Die Bewerberin habe sehr unterschiedliche Branchen in ihrer Vorauswahl genannt.

Nico Grummt (15) stieg mit Bewerbungsunterlagen zu Vertretern einer Tankstelle und einer Technischen Großhandlung in die Vorstellungs-Gondel.
Nico Grummt (15) stieg mit Bewerbungsunterlagen zu Vertretern einer Tankstelle und einer Technischen Großhandlung in die Vorstellungs-Gondel. © René Meinig

Noch zu jung für die Tankstelle?

Nico Grummt dagegen weiß mit 15 Jahren schon recht genau, dass er wohl Verkäufer wird. Bei Ladenketten hat er sich beworben, war zum Vorstellungsgespräch bei Edeka und zur kurzen Probearbeit im Freitaler Freizeitpark Oskarshausen. Nun darf er sich im Riesenrad bei Vertretern einer Tankstelle und einer Technischen Großhandlung vorstellen, während seine Mutter unten auf ihn wartet.

Recht aufgedreht kehrt Nico Grummt zu ihr zurück: Für den Tankstellenjob sei er wohl leider noch ein Jahr zu jung, aber seine Unterlagen seien immerhin behalten worden. Beide Firmen wollten sich bald melden.

Mindestens zwei Kandidaten wird Kerstin Wolf zum Gespräch in die Steuerberatungskanzlei Heimbrock Winkler einladen, die erstmals einen Auszubildenden für Büromanagement sucht. In der Gondel hat Wolf vor allem darauf geachtet, ob die Bewerber eine gewisse Selbstsicherheit mitbringen und keinen Augenkontakt scheuen.

Weiterführende Artikel

Wie lassen sich Lehrlinge im Landkreis halten?

Wie lassen sich Lehrlinge im Landkreis halten?

Noch immer sind Hunderte Lehrstellen im Elbland unbesetzt. Eine Aktion in Stauchitz denkt schon weiter.

Wie es Sachsens Wirten jetzt geht

Wie es Sachsens Wirten jetzt geht

Die Biergärten in Dresden und Leipzig öffnen wieder. Doch manche Kellner sind nicht mehr da – kommen sie zurück?

Corona kostet Sachsen 30.000 Jobs

Corona kostet Sachsen 30.000 Jobs

Die sächsischen Statistiker in Kamenz ziehen eine erste Bilanz des Krisenjahres. Darin stehen aber nicht nur Minuszeichen vor der Wirtschaft in Sachsen.

Wie Leag jetzt noch Lehrlinge findet

Wie Leag jetzt noch Lehrlinge findet

Wer wagt während des Kohle-Ausstiegs noch eine Ausbildung beim Braunkohlekonzern? Wie Energieversorger in der Lausitz Nachwuchs akquirieren.

Elektromeister Lars Freitag vom Anlagenbauer Sempa Systems sucht eher Nachwuchs, der keine Montagearbeiten in den Dresdner Halbleiterfirmen scheut: „Wir sind im Wachstum“, berichtet er. Da gebe es kein Limit für Ausbildungsplätze, sondern es werde genommen, wer zum Unternehmen passe.

Corona wird gehen, der Nachwuchsmangel wird bleiben, sagt Arbeitsagentur-Chef Pratzka. Am 11. September findet in Pirna eine Berufsorientierungsmesse des Landkreises statt, am 25. September ein Aktionstag Bildung bei der IHK in Dresden.

Mehr zum Thema Wirtschaft