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Mitsprache macht Arbeit gerechter

Wer ständig Angst um seinen Job haben muss, wenig verdient und noch weniger Wertschätzung erfährt, ist offener für antidemokratisches Gedankengut. Eine Herausforderung für Politik und Wirtschaft.

Von Annett Kschieschan
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Gerechtigkeit im Arbeitsleben hat viele Facetten, eine der wichtigsten ist die Lohnfrage, aber auch Wertschätzung und Mitbestimmung gehören dazu.
Gerechtigkeit im Arbeitsleben hat viele Facetten, eine der wichtigsten ist die Lohnfrage, aber auch Wertschätzung und Mitbestimmung gehören dazu. © AdobeStock

Angst und Wut gehören zu den stärksten Emotionen. Sie verleiten zu irrationalen Handlungen – oder lähmen jede Initiative. Wer sich um seine Existenz sorgen muss – und gleichzeitig den Eindruck hat, ungerecht behandelt zu werden – ist nah dran an Angst und Wut. Die Arbeitsbedingungen, unter denen Menschen arbeiten, haben auf beides einen großen Einfluss. Das zeigt eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, für die insgesamt rund 15.000 Erwerbstätige und Arbeitsuchende in zehn EU-Ländern befragt worden sind.

Wer zwar einen Job hat, aber vergleichsweise wenig dabei verdient, Überstunden machen muss und weder Mitsprachemöglichkeiten hat noch Wertschätzung erfährt, erlebt sich oft als abgehängt. Daraus wiederum resultiert überdurchschnittlich oft eine negative Einstellung gegenüber demokratischen Strukturen. Betroffene fühlen sich stark von den wirtschaftlichen Veränderungen, von Künstlicher Intelligenz und zunehmender Automatisierung bedroht. „Bessere Arbeitsbedingungen korrelieren hingegen mit positiveren Einstellungen zur Demokratie und einem höheren Vertrauen in deren Institutionen. Dies gilt auch für das Vertrauen in die Europäische Union“, heißt es in der Auswertung der Studie, für die die Forscher jeweils 1.500 Männer und Frauen in Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien, Schweden und Ungarn befragt hatten.

Gegen das Ohnmachtsgefühl

Die aus den Antworten ablesbaren Tendenzen haben sich bei der Europawahl im vergangenen Monat bestätigt. In vielen Ländern bekamen rechte und rechtskonservative Parteien beziehungsweise Parteienbündnisse die meisten Stimmen, und selbst dort, wo eine andere Partei die Wahl gewonnen hat, legten rechte Wahlbündnisse zu. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, verwies bereits vor der Europawahl auf den Zusammenhang zwischen schlechten Arbeitsbedingungen und der Neigung zu rechtskonservativen bis hin zu rechtsextremen Positionen.

Die Studie zeige, „dass schlechte Arbeitsbedingungen und das sich daraus ergebende Potenzial für Frust sowie Benachteiligungs- und Ohnmachtserleben in allen untersuchten Ländern einen Nährboden für die Entstehung anti-demokratischer Einstellungen bilden, die dann von rechten Parteien mobilisiert werden können“, sagt sie. In empirischen Studien hatte das Institut bereits für die Bundesrepublik nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen den Erfahrungen im Arbeitsleben und der Einstellung zur Demokratie gibt. Das heißt im Umkehrschluss freilich auch, dass gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, Aufstiegschancen und gelebte Wertschätzung dazu beitragen, das Vertrauen in demokratische Prozesse zu stärken und die Angst vor negativen Folgen der wirtschaftlichen Transformation einzudämmen. Wer das Gefühl hat, sein Leben auf einer sicheren Basis leben und sich, wenn er das will, auch jederzeit beruflich weiterentwickeln kann, hat wenig Gründe, das politische System infrage zu stellen.

Doch noch immer ist Arbeit in Europa eher ungerecht. Das ändert auch die Einführung von Mindestlöhnen nur sehr begrenzt. Der Gender Pay Gap – also der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen – trägt ebenso zur Ungerechtigkeit bei wie „Hire and Fire“- Mentalitäten in manchen Branchen.

Viele Faktoren entscheiden mit

„Eine wichtige Rolle spielen faire Bezahlung, das Gefühl, bei Arbeitsmenge und Arbeitszeiten nicht dem Arbeitgeber ausgeliefert zu sein sowie Beteiligungsrechte im Job, wie sie insbesondere durch Gewerkschaften und Institutionen der Mitbestimmung vorangetrieben werden – etwa in Deutschland durch Betriebs- und Personalräte“, so Kohlrausch. In den meisten Ländern zeigten sich ähnliche Zusammenhänge. Wichtig sei nach der Einschätzung der Wissenschaftler aber auch, dass der Wahlerfolg extrem rechter Parteien nicht direkt mit dem Einstellungsklima in einem Land – zum Beispiel der Verbreitung anti-demokratischer Einstellungen – korreliert.

So seien populistische oder muslimfeindliche Einstellungen in nahezu allen Ländern weit verbreitet. Trotzdem unterscheide sich das Ausmaß des Zuspruchs zu extrem rechten Parteien erheblich von Land zu Land. „Wie mit den Job-Sorgen der Erwerbstätigen umgegangen wird, hat angesichts der enormen Transformationsherausforderungen somit auch für die Einstellungen zur Demokratie Konsequenzen. Berücksichtigt man die soziodemografische Verteilung dieser Sorgen, bekommt eine sozial gerechte und abgefederte Ausgestaltung der Transformation eine besondere Bedeutung“, so Bettina Kohlrauschs Fazit. Nicht zuletzt angesichts der Wahlergebnisse bei den Kommunalwahlen dürfte dieses Thema auch in Sachsen künftig noch wichtiger werden. Der Umgang mit Wut und Angst ist nicht nur eine persönliche, sondern in krisengeschüttelten Zeiten wie diesen auch eine Aufgabe von Politik und Wirtschaft.