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Smart Work: Technik am Körper

Datenbrillen, Sensorhandschuhe und andere digitale Assistenzsysteme sind im Kommen. Doch machen sie Mitarbeiter gläsern und erhöhen dadurch Stress und Druck? Eine Studie hat unter anderem das untersucht.

Von Annett Kschieschan
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In der Logistikbranche werden unter anderem Pick-by-Voice-Systeme eingesetzt. Sie machen die Arbeitsanläufe effizienter und sind daher auch bei vielen Beschäftigten durchaus beliebt.
In der Logistikbranche werden unter anderem Pick-by-Voice-Systeme eingesetzt. Sie machen die Arbeitsanläufe effizienter und sind daher auch bei vielen Beschäftigten durchaus beliebt. © AdobeStock

Noch zwei Runden Joggen nach Feierabend, einmal pro Woche zum Yoga. Wenn es passt, auch noch mal ins Fitnessstudio. Die Ergebnisse gibt es prompt. Nein, nicht sofort durch purzelnde Kilos oder ein besseres Körpergefühl, aber durch ein überschaubares Zahlenwerk. Längst lassen viele Menschen Fitnessarmbänder oder Smartwatches messen, wie es ihnen geht. Herzfrequenz, Kalorienverbrauch, Schlafverhalten – das und noch viel mehr kann jeder, der mag und es sich leisten kann, permanent überprüfen. Doch die sogenannten Wearabels – der englische Begriff bezeichnet Technologien, die am Körper getragen und genutzt werden – sind heute längst auch Teil der modernen Arbeitswelt. Und das nicht nur im Sport-, Fitness- oder Gesundheitsbereich. Datenbrillen etwa sind im Prinzip Computer zum Anziehen, die den Träger mit allen Informationen füttern, die auch über PC, Laptop oder Tablet abrufbar sind.

Erfahrungen in der Logistik

Der Unterschied: Die Brille ist immer am Körper und der Nutzer somit immer „on“. Das freilich kann durchaus ein Problem sein. Schon jetzt haben immer mehr Menschen Schwierigkeiten damit, Berufliches und Freizeit klar zu trennen. So fallen auch Stressabbau und Erholung schwer.

Gleichzeitig ist klar, dass die Digitalisierung auch die Nutzung der im Wortsinn tragbaren Technologie weiter vorantreiben wird. Forscher des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und der Universität Erlangen-Nürnberg haben untersucht, welche Auswirkungen das auf das Arbeitsleben haben kann und wie Arbeitnehmer selbst dem Thema gegenüberstehen. Die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie zeigt zum einen, dass die Aufgeschlossenheit für die zunehmende Nutzung von Datenbrillen und anderen Wearabels durchaus hoch ist. Hauptsächlich, weil die digitalen Assistenzsysteme die Arbeit leichter machen. Befragt wurden Manager, Betriebsräte und Mitarbeiter aus den Bereichen Logistik und Fertigung, hauptsächlich in der Automobil-, Elektrotechnik- und Automatisierungsbranche. Dazu haben die Wissenschaftler die online abgegebenen Antworten von mehr als 1.000 Beschäftigen aus ganz unterschiedlichen Berufen analysiert.

Ein Ergebnis: Dort, wo Beschäftigte bereits Erfahrungen mit digitalen Assistenten gesammelt haben, etwa in der Logistik, fiel die Einschätzung durchaus positiv aus. Unter anderem, weil hier meistens konkrete Betriebsvereinbarungen regeln, wie mit den relevanten Daten umgegangen wird. Sicherheitsbedenken konnten durch Transparenz abgebaut werden. Nach Einschätzung der Experten ist das eine Hürde, die am besten durch engagierte Betriebsräte gemeistert werden kann. Wo klar ist, welche Ängste Mitarbeiter mit neuen Technologien verbinden – zum Beispiel die Befürchtung, bald komplett durch einen digitalen Assistenten ersetzt zu werden – kann auch Sicherheit seitens der Unternehmensleitung vermittelt werden.

Der praktische Nutzen, da besteht Konsens bei den meisten Befragten, ist unbestritten. Datenbrillen, Handschuhe mit Sensoren oder Scannern sowie sogenannte Pick-by-Voice-Systeme helfen, Fehler zu vermeiden, reduzieren den Einsatz von Papier und ermöglichen die ortsunabhängige Nutzung etwa von Bauplänen oder Arbeitsanleitungen.

Betriebsräte sind gefragt

Wo Zeit gespart wird, können freilich auch mehr Aufgaben erledigt werden. Dass die Arbeitsbelastung und der Druck auf die Beschäftigten am Ende nicht größer wird, sei ebenfalls ein wichtiger Punkt, der im Vorfeld geklärt werden müsse, so die Experten der Wearabel-Studie. Ebenso sei schriftlich festzuhalten, dass die Mitarbeiter sämtliche digitalen Assistenten während der Pausen abschalten dürfen und dass die Auswertung der Daten nicht zur „Leistungskontrolle“ eingesetzt wird.

Denn die größte Befürchtung vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bleibt der „gläserne Mitarbeiter“, der mit Blick auf Effizienz, Arbeitsleistung und Pausenzeiten perfekt überwacht und im Zweifel ausgetauscht werden kann. Viele Unternehmen, die bereits auf Wearabels setzen, betonen daher, dass es genau darum nicht gehe. Betriebsräte und klar definierte Vereinbarungen machen die Umsetzung dieser Beteuerung einfacher und dürften langfristig die Akzeptanz digitaler Assistenzsysteme am Körper weiter erhöhen.