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Arbeit und Bildung

Stress im Job zum Jahresende

Die Zeit vor Weihnachten bedeutet in vielen Branchen die doppelte Portion Stress. Aber warum eigentlich? Könnten wir das nicht besser machen?

Trubel im Job: Ein stressfreies Jahresende wünscht sich so mancher Mitarbeiter.
Trubel im Job: Ein stressfreies Jahresende wünscht sich so mancher Mitarbeiter. © Adobe Stock/stokkete (Symbolfoto)

Am liebsten würde man das Jahr entspannt ausklingen lassen. Doch plötzlich muss wieder alles bis kurz vor Weihnachten fertig sein. Ganz so, als gäbe es kein 2021. Wieso überrascht uns der Trubel im Job zum Jahresende immer wieder? Und was hilft?

Erstmal muss man wohl sagen: "Der Weihnachtsstress kommt gar nicht so überraschend. Der Umstand fällt uns über das Jahr aber wieder aus dem Kopf", meint Julia Kröll, Psychologin beim Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG).

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Es gibt mehrere Gründe für den Stress. "Viele wünschen sich ja, alle offenen To-dos noch vor Ende des Jahres zu erledigen, um "unbefleckt" ins neue Jahr zu starten", so die Psychologin. Dazu kommt, dass die Kolleginnen und Kollegen gerne eine "Das-schaffen-wir-noch"-Stimmung verbreiten. 

Generell ist es so, dass in Richtung Weihnachten auch faktisch häufig mehr Arbeit wartet. "Oft fällt das Jahresende mit dem tatsächlichen Ende des Geschäftsjahres zusammen", so Kröll. Der Stress ist also plausibel. 

Mit diesen Tipps lässt er sich trotzdem reduzieren

Gute Planung: 

Wir wollen es nicht hören und trotzdem stimmt es. Eine gute (Voraus-)Planung kann Stress zum Jahresende entzerren. "Es wird immer empfohlen, die To-dos für den ganzen Monat im Auge zu behalten", sagt Kröll. So guckt man sich zum Beispiel den Dezember an und überlegt: Welche Aufgaben stehen tatsächlich an? Was kann man schon mit Sicherheit einplanen? Für diese Aufgaben sollte man sich dann genügend Puffer frei halten. 

"Wenn möglich empfehlen wir auch sogenannte Freeblocks", so Kröll. Für zwei bis drei Tage oder eine ganze Woche am Stück vor dem Jahreswechsel legt man sich keine Termine in den Kalender, so dass man ungestört Dinge abarbeiten kann.

Unterstützung annehmen: 

Wer sich akut gestresst fühlt, sollte den Blick auf das lenken, was in den nächsten Tagen oder der nächsten Woche ansteht. "Also auf das, was ich schaffen kann", sagt Franziska Stiegler, Leiterin des Projekts "psyGA - psychische Gesundheit in der Arbeitswelt" der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Dann gelte es, alles Weitere Schritt für Schritt anzugehen. "Wichtig ist, sich zu verdeutlichen, dass man mit den Schwierigkeiten nicht alleine ist und dass es keine Schande ist, Unterstützung in Anspruch zu nehmen." Die gebe es und helfe beiden Seiten - also denen, die Unterstützung bekommen, und denen, die Unterstützung bieten können.

Privaten und beruflichen Stress trennen: 

Die Weihnachtszeit ist auch deshalb so stressig, weil privater und beruflicher Stress zusammenkommen. "Das hat auch viel damit zu tun, wie wir Weihnachten feiern", sagt Kröll. Etwa, weil wir jede Menge Zeit, Energie und Geld in tolle Geschenke und in den perfekten Heiligen Abend investieren. Deshalb sollte man sich darauf besinnen, warum man überhaupt Weihnachten feiert und was das eigentlich Wichtige an dem Fest ist. Also etwa: Zeit mit der Familie zu verbringen. 

Außerdem ist es besser, auf Multitasking zu verzichten. "Jeder kennt das: Neben der Arbeit macht man dann noch eine schnelle Geschenke-Bestellung im Internet", so Kröll. Das müsse nicht immer etwas Schlechtes sein. Grundsätzlich sollte man aber kritisch beobachten, wie gut es einem gelingt, Freizeit und Arbeit zu trennen. Wenn es normal wird, beides zu vermischen, fühle man sich zwar vielleicht effizienter, ist es aber meist nicht wirklich. "Hier braucht es ein gutes Bewusstsein, um auch sich selbst zu schützen."

Franziska Stiegler regt an, über eine Sache nachzudenken: "In gewöhnlichen Jahren erzeugt es in der Weihnachtszeit viel Stress, dass wir Rituale pflegen, von denen wir denken, sie werden erwartet." Die Weihnachtsfeier im Betrieb, der Einkaufsbummel durch die Stadt, das Nikolausfest in der Kita.

Jetzt, wo viele Stressoren, die sonst alle gleichzeitig stattfinden, aufgrund von Corona wegfallen, kann man sich überlegen: Was ist mir eigentlich wirklich wichtig? Was ist in dieser Situation jetzt vielleicht sogar stressfreier möglich? Mit welchen Menschen möchte ich wirklich Kontakt halten, und über welche Wege geht das? Das hilft Stiegler zufolge dabei, in einem Jahr der Unwägbarkeiten selbst wieder etwas das Ruder zurück zu gewinnen.

Verlässliche Vertretungsregeln schaffen: 

Urlaubsvertretungen und Übergaben sorgen regelmäßig für Zusatzstress. Gerade rund um Weihnachten wollen alle frei haben. In jedem Team sollte es daher im Idealfall längerfristige Vertretungspartnerschaften geben, empfiehlt Kröll. "Je länger sie bestehen, desto besser: Das Vertrauen zueinander steigt, die Übergaben können effizienter erfolgen, das spart Zeit." Im Optimalfall vertritt man sich im Trio.

Vonseiten des Betriebs oder des Managements muss für Gerechtigkeit bei der Urlaubsplanung gesorgt werden, so dass nicht immer bestimmte Gruppen automatisch frei bekommen. "Am besten ist es, wenn die Abwesenheiten gemeinsam ausgehandelt werden", sagt Kröll. Dann kann am Ende jeder nachvollziehen, wie und warum es zu einer bestimmten Entscheidung gekommen ist.

Mit dem Feiertagsdienst klarkommen: 

Und wie geht man damit um, wenn man auch um Weihnachten herum Schichten schieben muss, etwa im Labor, im Supermarkt oder in der Pflege? "Man sollte sich möglichst nicht darüber ärgern", rät die Psychologin. Viel schöner sei es, wenn es einem gelingt, das umzudeuten. So kann man sich zum Beispiel selbst sagen, dass es Vorteile hat, nicht in der Ferienzeit frei zu haben, weil man viel Verkehr und hohe Preise umgehen kann.

Das gelingt aber nicht immer. Wer in einem destruktiven Gedankenkarussell gefangen ist, dem empfiehlt Kröll bestimmte Gedankentechniken.

Dazu zählt die sogenannte "Gedanken-Schublade". Hier stellt man sich vor dem inneren Auge eine Kommode mit verschiedenen Schubladen vor, die etwa mit Sorgen, Ärger, Enttäuschungen und Freude gekennzeichnet sind. "Seine destruktiven Gedanken visualisiert man dann auf kleinen Zetteln und packt sie gedanklich in die entsprechende Schublade und schließt diese demonstrativ ab." Wenn man sich auf diese Technik einlässt, kann man sich tatsächlich besser von negativen Gedanken distanzieren.

Aber auch das Unternehmen sei gefragt: "Es ist eine schöne Geste, wenn die, die an den Feiertagen arbeiten, zum Beispiel eine kleine Belohnung vom Betrieb bekommen." Das kann auch ein Weihnachtsessen oder schöne Deko am Arbeitsplatz sein.

2020 als Ausnahme sehen: 

"Für Betriebe ist dieses Jahr im gesamten eine außergewöhnliche Situation. Es gibt keine Planbarkeit, häufig muss ad hoc entschieden werden, was zu tun ist", sagt Franziska Stiegler. "Es ist ein bisschen so als hätten wir den Vorweihnachtsstress schon das ganze Jahr gehabt. Das ist anstrengend."

Es werde jedoch erträglicher, wenn man sich immer wieder vor Augen führt, dass wir während der Corona-Pandemie in einer Ausnahmesituation sind - und versucht, seine Erwartungen an Planbarkeit und Kontrolle anzupassen. "Das macht nicht unbedingt zufriedener. Denn die Planbarkeit, ein Gefühl, das uns eigentlich Sicherheit spenden soll, wird immer wieder konterkariert", so die Psychologin. Sie legt nahe, diesen Ausnahmezustand auch im Team und im Betrieb immer wieder zu kommunizieren und die Rahmenbedingungen kontinuierlich abzustecken. (dpa/tmn)

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