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Corona: Warum das Jobsterben in Sachsen bisher ausbleibt

Corona hat auch in Sachsen viele Stellen gekostet. Doch der Arbeitsmarkt ist recht stabil. Das liegt nicht bloß am Kurzarbeitergeld.

Die Arbeitsagenturen zahlen Kurzarbeitergeld, in Sachsen rund 700 Millionen Euro für das vergangene Jahr. Sie vermitteln aber auch weiter Stellen.
Die Arbeitsagenturen zahlen Kurzarbeitergeld, in Sachsen rund 700 Millionen Euro für das vergangene Jahr. Sie vermitteln aber auch weiter Stellen. © dpa/Caroline Seidel

Dresden. Fast 16 Prozent mehr Arbeitslose als vor einem Jahr – aber für Klaus-Peter Hansen fällt die Bilanz des Corona-Jahres „ganz gut aus unter diesen Bedingungen“. Der Leiter der Arbeitsverwaltung in Sachsen sagte am Dienstag bei einem Pressegespräch im Landtag in Dresden: „Wir werden keine Massenarbeitslosigkeit haben.“

Je eher die Bekämpfung der Corona-Pandemie gelinge, desto eher könne seine Behörde auch mit den Folgen dieser „Naturkatastrophe“ auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt aufräumen. „Ich sehe das spätestens ab Sommer.“ Im nächsten Jahr 2022 könnten wieder Zahlen wie vor Corona auf dem Arbeitsmarkt erreicht werden, „frühestens“. Das vorige Jahr brachte allerdings einen Rückfall auf das Niveau des Jahres 2017.

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Hansen sagte, bei den bevorstehenden Impfungen wolle er möglichst auch Arbeitslose "als Helfer und Assistenzkräfte" einsetzen - nach einer kurzen Qualifizierung. Er sei im Kontakt dazu mit den Dienststellen, um deren Beschäftigte zu entlasten.

Anzeichen für viele Insolvenzen in Sachsen sehe er nicht, sagte Hansen. Mehr Sorgen machen dem Arbeitsagentur-Chef ältere Unternehmer, die nach der Wende ihren Betrieb aufgebaut haben, inzwischen Hochwasser und Finanzkrise überstanden haben und nun erneut überlegen müssen, ob sie nochmals weitermachen. Wenn sie aufgeben, sind Arbeitsplätze ihrer Angestellten in Gefahr.

Unterschiede: In Leipzig wächst Arbeitslosigkeit stärker als in Bautzen

Die Zahl der Arbeitslosen in Sachsen ist von November auf Dezember um gut 1.500 auf 128.139 gestiegen. Das sind aber 17.515 mehr als ein Jahr zuvor. Am stärksten stieg die Arbeitslosigkeit in Leipzig: um mehr als 30 Prozent auf gut 24.000.

In Dresden mit etwas weniger Einwohnern stieg die Zahl der Arbeitslosen im Jahresvergleich um fast 19 Prozent auf rund 18.600. Dagegen blieben die Zuwächse in der Oberlausitz und im Vogtland unter neun Prozent. Die Grenzregion um Görlitz blieb aber das Gebiet mit der höchsten Arbeitslosenquote.

Hansen begründete die starke Zunahme in den Großstädten damit, dass dort viele Kultureinrichtungen und die Leipziger Messe unter den Schließungen zu leiden hatten. Betriebe, die Kurzarbeit nutzen konnten, entließen nach seinen Erkenntnissen kaum Beschäftigte. Aber viele befristete Verträge wurden nicht verlängert, und Berufsanfänger hatten es schwer. „Die Jugend ist vor allem betroffen von Corona“, sagte Hansen.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Sachsen stieg im Jahresverlauf um gut 10.500 auf 46.839, obwohl viele ins Rentenalter kamen und nicht mehr mitzählen.

Gewinner und Verlierer: Metall streicht Stellen, Logistik baut neue auf

Das Corona-Jahr kennt Gewinner- und Verlierer-Branchen. Alleine in Sachsens Metallbetrieben fielen fast 4.800 Stellen weg, in der Gastronomie gut 2.400 mit Sozialversicherung. Doch im Gesundheitswesen entstanden 2.200 zusätzliche Arbeitsplätze – und nicht nur dort. In der Logistik wurden 2.000 Stellen geschaffen, in der Energieversorgung 1.500.

In Leipzig ist die Arbeitslosigkeit im Corona-Jahr am stärksten gestiegen.
In Leipzig ist die Arbeitslosigkeit im Corona-Jahr am stärksten gestiegen. © SZ Grafik

Nach ersten Hochrechnungen waren zum Stand Oktober in Sachsen mehr als 1,64 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das ist laut Arbeitsagentur ein Rückgang von lediglich 4.200 zum Vorjahr. Aber dabei sind Minijobber und Selbstständige, die aufgaben, nicht mitgezählt. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, Niederlassung Dresden, schätzt, dass es im Jahr 2020 etwa 21.000 Erwerbstätige in Sachsen weniger gab als im Jahr davor.

Freie Stellen: Industrie und Handwerk suchen weiter Fachleute

Trotz Corona sind alleine im Dezember fast 7.000 sächsische Arbeitslose in Stellung gekommen. Sächsische Betriebe meldeten rund 6.500 freie Stellen bei den Arbeitsagenturen, kaum weniger als ein Jahr zuvor. Damit sind jetzt insgesamt 35.112 freie Stellen gemeldet.

Obwohl Leiharbeitsfirmen insgesamt in Sachsen rund 2.200 Stellen gestrichen haben, suchen sie noch mehr als 11.000 Mitarbeiter. Und Sachsens Industrie sucht mehr als 4.000 Fachkräfte. Kathrin Groschwald, Leiterin der Arbeitsagentur für die Oberlausitz in Bautzen, weiß auch von vielen Handwerksbetrieben in ihrer Region, die zum Teil bundesweit agieren. Von ihnen komme weiterhin „gezielte Nachfrage nach Arbeitnehmern“.

Kurzarbeit hilft: Jeder 15. Beschäftigte profitiert vom Versicherungsgeld

Das Kurzarbeitergeld hat laut Hansen wie eine „Brandmauer“ viele tausend Jobs in Sachsen gesichert. Die Arbeitsagentur gab voriges Jahr mehr als 700 Millionen Euro für Kurzarbeiter in Sachsen aus, das war dieselbe Größenordnung wie das Arbeitslosengeld.

Jeder 15. Beschäftigte in Sachsen war laut Hansen zumindest zeitweilig Kurzarbeiter. Rund 50.000 Betriebe in Sachsen haben Kurzarbeit angezeigt, das sind mehr als 40 Prozent. Nicht alle nahmen sie dann in Anspruch.

Im Dezember meldeten noch einmal 5.584 Betriebe Kurzarbeit an, darunter 1.614 Händler nach der erneuten Schließung.

Hilfen der Arbeitsagentur: Vorbeugung findet in Betrieben statt

Wegen der Ansteckungsgefahr bieten die Arbeitsagenturen derzeit weniger Schulungen, Ein-Euro-Jobs und Praktika an. Doch laut Groschwald beginnen auch neue Projekte, darunter „Berufsberatung im Erwerbsleben“. Vorbeugen gegen Arbeitslosigkeit ist das Ziel – beispielsweise bei Autozulieferern und in der Kohle. 32 Berater sollen Firmen und deren Beschäftigte auf Fortbildungen hinweisen, ohne Rücksicht auf Landesgrenzen auch im Raum Cottbus und Halle.

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