Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Architekt rettet Zittaus bröselnde Häuser

Benjamin Pfefferkorn kauft Denkmale, um sie zu bewahren. Sanieren will er nicht.

Teilen
Folgen
NEU!
© SZ Thomas Eichler

Von Mario Heinke

An der dunklen Arbeitskleidung haftet der graue Staub von altem Mörtel. Benjamin Pfefferkorn werkelt in einem leer stehenden Haus in der Amalienstraße und beseitigt morsche Teile aus dem Dachstuhl. Wieder rettet er ein denkmalgeschütztes Haus, stoppt den endgültigen Verfall und verhindert somit einen unwiederbringlichen Verlust im Stadtbild. Was aus dem alten Haus werden soll, weiß er noch nicht. Darum geht es dem Architekten auch gar nicht. Er möchte die alten Gebäude über die Zeit bringen, bis sich zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht eine Nutzung oder ein Käufer findet.

„Zittau ist ein wunderbarer Ort“, sagt der Berliner, der im Westteil der Stadt aufgewachsenen ist und seit vier Jahren zwischen der Hauptstadt und Zittau pendelt. Er denkt in anderen Ebenen, geht es um historische Bausubstanz. Pfefferkorn kauft Häuser, die keiner haben will. Baudenkmale, deren Sanierung so hohe Kosten verursacht, dass sie in absehbarer Zeit auf dem Immobilienmarkt keine Rendite abwerfen. Das ist ihm egal, denn die Mauern tragen eine Geschichte in sich, stiften Identifikation mit einem Ort und sind als Spekulationsobjekt, als Ware auf dem Immobilienmarkt, fehl am Platz, sagt Pfefferkorn.

Bereits in seiner Diplomarbeit an der Technischen Universität Berlin beschäftigte er sich mit der Arbeiter-Baugenossenschaft „Paradies“ in Bohnsdorf und ist seither überzeugt, dass man Dinge gemeinsam bewältigen kann, die jedem Einzelnen unmöglich erscheinen. Fünf Baudenkmale hat Pfefferkorn bisher in Zittau gekauft und gesichert. Er weiß, es ist der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Noch rund 60 historische Gebäude warten in Zittaus Innenstadt auf eine Sanierung, viele sind in bedenklichem Zustand. Das treibt den 57-Jährigen um, er denkt darüber nach, wie die Denkmale, die der Stadt ihr unverwechselbares Gesicht geben, über die Zeit gebracht werden können. Am ehemaligen Fischhaus in der Inneren Weberstraße kann jeder sehen, wie ein notgesichertes Haus aussieht, um im schlimmsten Fall die nächsten 20 Jahre überstehen zu können. Auch die Innere Weberstraße 36 und der Baderberg 1 gehören dem Retter. Nicht alle Zittauer verstehen seine Motivation und monieren gar, er möge die Häuser doch sanieren. „Der Kapitalismus in den neuen Ländern ist noch zu frisch“, entgegnet der Berliner solchen Vorwürfen. Er habe manchmal das Gefühl, das Gemeinsame sei verloren gegangen. Schnell zeigen Menschen mit dem Finger nach oben und glauben zu wissen, wer Schuld daran ist, dass die Häuser einfallen. Da sei es doch viel besser, zu überlegen, was man selbst tun könne. „Ich kann Menschen anleiten, vieles selbst zu machen“, beschreibt er das, was ihn antreibt. So half er in der Vergangenheit Freunden und Bekannten, alte Häuser behutsam zu sanieren, alte Materialien aufzuarbeiten und kostengünstig zu bauen. Die Liebe zum Alten trägt der Architekt in den Genen. Schon seine Mutter, die Fotografin Elisabeth Niggemeyer, engagierte sich in den 1960er Jahren für die Gründerzeitfassaden in West-Berlin und beeinflusste die bundesrepublikanische Stadtentwicklung mit dem Buch „Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum“, das sie mit Wolf J. Siedler verfasste. Das Werk trat damals mit Witz und Scharfsinn gegen die Errungenschaften des modernen Bauens an.

Am Sonntag, beim Tag des offenen Denkmals, öffnet Pfefferkorn sein Zweikronenhaus auf der Neustadt, das er vor zwei Jahren von einem Österreicher kaufte. Die Berliner Bildhauerin Micheline Richau schlug vor die Geschichte des Hauses erlebbar zu machen. Ganz im Sinne von Regisseur Wim Wenders, der einmal behauptete, dass Orte Geschichten erfinden und dafür sorgen, dass sie erzählt werden. Die Bildhauerin setzte sich gemeinsam mit Grit Weidner und Schülern des Christian-Weise-Gymnasiums mit der Chronik des Hauses während eines Workshops im Sommer auseinander. Entstanden ist eine Installation, die mit Klangsequenzen an ehemalige Bewohner und Persönlichkeiten erinnert, die in den geschichtsträchtigen Mauern lebten und arbeiteten.

„Ein Brückenschlag zwischen dem geistigen Erbe und dem architektonischen Bestand“, sagt Benjamin Pfefferkorn, greift beherzt nach dem Brecheisen und sagt: „Machen Sie doch mit“.