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Verstört und auf der Suche

„Müssen unsere Eliten ihre Leitbilder verändern?“, fragt die Kreis-CDU und der Saal vom Goldenen Anker ist brechend voll. Auch mit Prominenz.

Von Peter Redlich

Radebeul. Wer hätte das gedacht. Einen Tag vor dem Start zum Weinfest lädt der CDU-Kreisverband zur Diskussion unter der These „Gesellschaft im Umbruch – müssen unsere Eliten ihre Leitbilder verändern?“ in den großen Saal des Hotels Goldener Anker ein. Und der Saal ist voll besetzt. Radebeuler, die hier zum Bürgertum gehören, Ältere, Jüngere, Mitglieder der Kirchgemeinden, Friedenskirchepfarrer Björn Fischer, auch Oberbürgermeister Bert Wendsche, Stadträte und Landtagspräsident Matthias Rößler sind da.

Am Eingang wird die Liste derer, die sich für den Abend angemeldet haben vorm Zutritt verglichen. Auch Taschenkontrolle gibt es. Das Thema scheint brisant. Eingeladen sind die Schriftsteller Jörg Bernig aus Radebeul und Klaus-Rüdiger Mai aus Potsdam. Beide studiert, promoviert. Ersterer Kunstpreisträger der Stadt Radebeul und 2015 mit seinem Essay „Zorn allenthalben“ aufgefallen, als er die ungebremste Zuwanderung scharf kritisierte.

Mai sieht die Gesellschaft in einem deutlichen Umbruch. Er benennt die Risse, die durch Eliten, Parteien in Deutschland gehen. Spricht von Globalisierung und davon, dass sich viele eine Umkehr wünschen. Mehr Besinnung auf Nation, Region und Heimat, ohne Tümelei. Bevor er nach Sachsen gefahren ist, sei er von Kollegen gefragt worden, ob er die Taschenlampe dabei habe, wenn es nach Dunkeldeutschland geht. Konservative müssen Antworten finden, eine Theorie haben sonst gibt es eine noch deutlichere Polarisierung zwischen den derzeit erstarkenden Lagern AfD und Grüne, prophezeit er.

Stille im Saal. Es wird noch stiller, als Bernig vom politisch-medialen Komplex spricht, der der Bevölkerung Islamphobie einreden wolle. Seit 2015 gebe es eine Modifizierung der Gesellschaft, sagt der Radebeuler und zählt eine Million Flüchtlinge und aller fünf Jahre eine weitere Million auf, weil ja etwa 200 000 jedes Jahr ins Land dürfen. Technologie der Macht, welche Argumente nachreiche, kritisiert er.

Als dann die Bürger im Saal zu Wort kommen, sagt der erste, dass ihm das alles zu abstrakt sei. Einer, der sich als Pfarrer im Ruhestand vorstellt, berichtet davon, dass seine Tochter einen Syrer geheiratet hat, der ausreisepflichtig sei. Inzwischen wäre es soweit, dass seine Tochter alle Beziehungen zu den Geschwistern abgebrochen habe und Männern – außer dem Vater – nicht mehr die Hand gebe. Warum schaffen wir es so wenig, uns selbst zu behaupten?, fragt er in die Runde.

Eine Österreicherin, die über ein Jahrzehnt in Radebeul lebt, sagt, dass Deutschland jetzt das erlebe, was ihre Heimat schon länger kenne – die Einwanderung von Muslimen aus den Balkanländern.

Und ein älterer Radebeuler ist verstört und bedrückt über die rasanten, zerstörenden Veränderungen, die derzeit im Land und der Welt passieren. „Unsere Eliten sind nicht mehr unsere“, sagt er. Bei sozialer Marktwirtschaft sei das Soziale vergessen, vom Europa der Vaterländer keine Rede mehr. Zur Wende gingen Kirchenmänner zu Demonstrierenden und forderten: Keine Gewalt. Wo sind sie heute?, fragt der Mann.

Verstörung im Saal. Was mache ich nun jetzt?, fragt Werner Glowka, Radebeuls CDU-Vorsitzender und Ideengeber für den Abend. Er spricht von Anständigkeit und Unvoreingenommenheit, mit der Andersdenkenden zugehört werden sollte. Bernig sagt, dass die ungewollten Eliten, wie bei der „Meuterei auf der Bounty“, doch einfach ausgesetzt werden sollten.

Er erntet Widerspruch – vom anderen Schriftsteller Mai, von Stadtrat Jens Baumann und von Matthias Rößler. Mal ganz runter kommen von der Erregungsspirale. Wir brauchen eine Theorie für länger und nicht immerzu nur pragmatische Entscheidungen für die Kurzzeit, sagt Ersterer. „Jeder kann doch was machen, in seiner Stadt. Sagen, das ist schön, dafür setze ich mich ein“, so der Stadtrat. Und der Landtagspräsident: „Wir brauchen keine krampfhafte Veränderung nur um der Veränderung willen. Wenn wir bestehen wollen, müssen wir uns auf unsere Wurzeln und Identität besinnen.“

Fazit: Viel Theorie, viel Suche nach Antworten. Es fehlte jemand wie der Radebeuler Ulfrid Kleinert, der etwa den Islam und arabische Völker kennt und erklären kann. Immerhin, es wurde geredet und zugehört.