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Die Spinner der Tafelrunde

Ein Hochhaus für Freital? Eine Seilbahn zum Windberg? Eine prominente Truppe trifft sich regelmäßig zum Freidenken.

Von Tobias Winzer

Freital. Peter Pfitzenreiter, Finanzbürgermeister der Stadt, und Dietmar Lumpe, erster Bürgermeister Freitals nach der Wende, haben da einen Deal. „Ich kümmere mich gern um Essen und Getränke, aber lasst mich in Ruhe, dass ich nie wieder kandidieren muss“, sagt Lumpe mit einem Lachen und nippt an seinem Bier. Wie immer hat sich in Lumpes idyllischem Garten an diesem Montag eine kleine, prominent besetzte Truppe zusammengefunden. Einmal im Monat kommt sie zum Spinnen zusammen, wie sie selbst sagen. „Es geht ums Anpacken und Mitgestalten“, sagt Pfitzenreiter, der die Runde vor zwei Jahren mitgegründet hat. „Es geht aber auch um Spaß.“ Und Lumpe ergänzt: „Es geht darum, den Mut zu haben, etwas Verrücktes zu sagen.“

Neben Pfitzenreiter und Lumpe haben sich fünf weitere Personen um den Eichentisch versammelt: die Designerin Anne Konstanze Lahr, Erfinderin des Maskottchens Carli, die CDU-Nachwuchsleute Erik Höhne und Martin Wimmer, der Online-Experte Andreas Fiedler und Peter Darmstadt, Sprecher der Kreis-CDU. Es ist eine kleine, exklusive Gruppe, die aber nicht exklusiv sein will. Es werden immer wieder Gäste eingeladen. Innenminister Roland Wöller war schon da, auch Mitglieder der Windbergbahner und Leute von den Ballsälen Coßmannsdorf. „Es geht darum, immer wieder frischen Wind reinzubringen“, sagt Pfitzenreiter, der so etwas wie der Sprecher und Leiter der Gruppe ist.

Die ist mittlerweile in den Wintergarten gewechselt. Die Sonne ist untergegangen. Zum gemütlichen Diskutieren ist es draußen zu frisch. Lumpe tischt Häppchen und Kuchen auf. „Mit einem leeren Magen kann man nicht denken“, sagt der Mann, der das Rathaus 1990/1991 führte und sich danach weitgehend aus der Politik zurückzog. „Ideen brauchen wir“, sagt Pfitzenreiter und unterbricht das aufgeregte Geschnatter der Gruppe.

Die Spinnerunde hatte zuletzt ein Logo entworfen. Mit dem Slogan „Ich bin Freitaler“ könnten Produkte aus der Stadt als solche gelabelt werden, so die Idee. Das soll das Selbstbewusstsein der Freitaler und den Zusammenhalt stärken. Obwohl das Logo schon seit ein paar Wochen auf dem Markt ist, ist das Interesse der Unternehmer bislang eher mau. Gerade einmal zwei Anfragen sind bei Anne Konstanze Lahr, die das Logo entwickelt hat, eingegangen. Nun will die Truppe weitere Anbieter von Freitaler Produkten zum Mitmachen bewegen. „Welche Bäcker gibt es?“, fragt Pfitzenreiter in die Runde. „Wen könnte man noch fragen?“

Jedes Mitglied übernimmt einen potenziellen Kandidaten für die Aktion. Protokollant Erik Höhne hält alles schriftlich fest. Es herrscht Arbeitsstimmung. Pfitzenreiter achtet darauf, dass die Diskussionen nicht abschweifen.

Manchmal ist aber auch gerade dies das Ziel. Es geht darum, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Ob ein Hochhaus nicht toll wäre für Freital, wurde schon in der Runde diskutiert. Oder ob es sinnvoll wäre, eine Seilbahn zum Windberg zu bauen. „Manchmal fliegen auch die Fetzen“, sagt Lumpe. „Und wir dürfen uns selbst auch mal auf die Schippe nehmen.“ Er und seine Mitstreiter glauben aber gemeinsam daran, dass aus den verrücktesten die besten Ideen entstehen – so wie zum Beispiel die Postkartenaktion.

Grüße aus Freital und einen anderen Blick auf die Stadt – die vielerorts im schlechten Ruf steht – zu zeigen, das war die Idee dahinter. Fünf solcher Karten sind in den vergangenen anderthalb Jahren bereits erschienen. Jeweils mit einer Auflage von 5 000 Stück liegen sie kostenlos an verschiedenen Stellen in Freital aus. Finanziert wird das Ganze vom Freitaler CDU-Stadtverband.

„Was machen wir als nächste Postkarte?“, ruft Pfitzenreiter den nächsten Tagesordnungspunkt auf seiner Liste auf. Der Porzellan-Künstler Olaf Stoy hat bereits eine Strichzeichnung von Freitaler Sehenswürdigkeiten zugeliefert. Die Idee ist, eine Postkarte zum Ausmalen rauszubringen. Nun wird der passende Spruch dazu gesucht. „Farbe bekennen“, ruft Pfitzenreiter rein. „Das ist gut!“, pflichtet ihm Peter Darmstadt bei, hat dann aber noch einen anderen Vorschlag. „Denk mal Freital“, sagt er. „Herrlich. In der Kürze liegt die Würze“, jubelt Lumpe.

Nun meldet sich Andreas Fiedler zu Wort. Er ist an diesem Abend zum ersten Mal in der Runde dabei. Er, der mit Webdesign und Online-Marketing sein Geld verdient, hatte Pfitzenreiter wegen der Ich-bin-Freitaler-Aktion angesprochen. Die Webseite dazu fand Fiedler verbesserungswürdig. Prompt erhielt er eine Einladung.

„Was machen wir digital?“, fragt er nun in die Runde. Er schlägt vor, einfach mal eine neue Webseite zum Bekanntmachen des Logos zu bauen. „Das finde ich eine superklasse Idee“, sagt Pfitzenreiter. Der Auftrag ist erteilt.

So schnell und pragmatisch wünscht sich mancher die Politik, die zuweilen bürokratisch und zäh erscheint. Darmstadt sieht in dem Format der Spinnerunde mehr als nur eine regelmäßige Zusammenkunft von ein paar Enthusiasten. „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, welche Formen wir künftig zum Diskutieren finden können“, sagt er. Mit der klassischen Mitgliederversammlung einer Partei könne man junge Leute nicht mehr für die Politik gewinnen. Ihm schweben lockerere Formate vor – wie eben die Spinnerunde. „Ich bin aus keinem der Gespräche dümmer rausgegangen.“