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Friedenspreisträger unter Hausarrest

In Dresden wurde er geehrt, in Italien verhaftet. Die Behörden ermitteln gegen den Bürgermeister von Riace.

Von Almut Siefert, SZ-Korrespondentin in Rom

Bunt ist Riace schon auf dem Ortsschild: Der Name der Ortschaft steht in weißen Lettern auf regenbogenfarbenem Hintergrund geschrieben. Rechts und links davon sind die Nationen aufgelistet, aus denen die Einwohner des Borgo in der süditalienischen Region Kalabrien stammen. 900 Einheimische und 600 Migranten leben laut Bürgermeister Domenico Lucano hier. Der 60-Jährige ist weltweit bekannt für seine Integrationspolitik. Vor einem Jahr wurde er in der Semperoper mit dem „Dresdner Friedenspreis“ des Vereins „Friends of Dresden“ ausgezeichnet. Am Dienstag wurde er verhaftet und steht seitdem unter Hausarrest. Der Vorwurf: Begünstigung illegaler Einwanderung.

Lucano soll zusammen mit seiner Lebenspartnerin Scheinehen vermittelt haben. So sollen nicht nur Abschiebungen verhindert, sondern auch Familiennachzüge ermöglicht worden sein. In einem abgehörten Gespräch soll Lucano vorgeschlagen haben, eine Nigerianerin, deren Asylantrag abgelehnt worden war, könne ja einen Italiener heiraten, um ihr Problem zu lösen. Dem Bürgermeister wird außerdem vorgeworfen, die Müllentsorgung ohne die geforderte öffentliche Ausschreibung an zwei Kooperativen, die mit Eseln durch den Ort wandern und den Müll der Bewohner einsammeln, vergeben zu haben.

Eine Tat der Menschlichkeit

Am Donnerstag sagte Lucano vor dem Untersuchungsrichter aus. „Ich habe nichts zu verbergen“, so der Politiker. „Sie haben mich unter Arrest gestellt für eine Tat der Menschlichkeit.“ Bereits am Dienstag waren in Rom mehrere Hundert Menschen zu einer spontanen Solidaritätskundgebung für Lucano auf die Straße gegangen. Am Samstag ist eine weitere in Riace geplant.

Dort wird Lucano von allen nur Mimmo u curdo genannt, Mimmo der Kurde, angelehnt an den Anfang, den das „Modell Riace“ im Jahr 1998 genommen hatte. Damals war ein Boot mit rund 200 kurdischen Flüchtlingen an der Küste Riaces gelandet. Lucano machte es sich zur Aufgabe, die Migranten aufzunehmen, um ihnen und auch seinem Dorf eine Perspektive zu bieten.

Riace war bis dahin ein Ort wie so viele in Italien: Immer mehr Menschen zogen weg in größere Städte, die Spirale der fehlenden Arbeit tat ihr Übriges und ließ den Ort nahezu aussterben. Mit den Jahren schlossen die Restaurants, immer mehr Läden machten dicht und auch die Schule war von der Schließung bedroht. In den leerstehenden, vom Verfall bedrohten Häusern, brachte Lucano die Flüchtlinge unter. Sie halfen bei der Renovierung mit und mit der Zeit wurde das Modell zur Rettung des Ortes ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Und Lucano zum Bürgermeister: 2004 wurde er zum ersten Mal in dieses Amt gewählt, seitdem bereits dreimal von den Einwohnern darin bestätigt.

Die Migration rettete Riace vor dem Aussterben: Es entstanden eine Töpferei, eine Weberei, ein Bäcker, eine Kinderkrippe und eine Müllabfuhr, in denen die Zuwanderer und die Einheimischen Arbeit fanden. Allein 70 Arbeitsplätze für Sozialarbeiter und Sprachlehrer sind entstanden. Finanziert wird vieles von den 35 Euro, die die Regierung in Rom pro Tag und Flüchtling an Kommunen zahlt, die Migranten aufnehmen.

Als dieser Zuschuss bereits unter der linken Regierung des Partito Democratico immer schleppender floss, ließ Lucano sogar eigenes Geld drucken, mit dem die Migranten in den Läden einkaufen und an der Bar einen Kaffee trinken konnten – als Vorschuss auf die 2,50 Euro, die jedem Asylbewerber in Italien als Taschengeld zustehen.

Ein Bericht des Innenministeriums, in dem geprüft wurde, ob Mimmo u curdo die bisher rund zehn Millionen Euro Zuschüsse der vergangenen Jahre auch ordnungsgemäß angewendet hat, zeichnet ein durchweg positives Bild vom „Modell Riace“. Auch außerhalb des kleinen Ortes mit Blick auf die Ionische Küste Kalabriens wurde Lucano für seine Integrationspolitik gefeiert. So hat er es 2016 auf die Liste der 50 einflussreichsten Personen des Magazins „Fortune“ gebracht. Und auch der Papst lobte seinen Ansatz in der Integrationspolitik. Doch nun steht Mimmo unter Hausarrest, und dem „Modell Riace“ droht das Aus.

Ein Exempel statuieren

Heidrun Hannusch, Vorstandsvorsitzende der „Friends of Dresden“, sagte zu der Nachricht über die Verhaftung Lucanos, ihr dränge sich der Eindruck auf, dass die populistische Regierung in Rom an ihm ein Exempel statuieren wolle. Damit ist sie nicht allein. Roberto Saviano, der Anti-Mafia-Kämpfer und Autor des Bestsellers „Gomorrha“, der sich seit Monaten mit Innenminister Matteo Salvini wegen dessen harter Migrationspolitik einen öffentlichen Schlagabtausch liefert, sagte: „Die Regierung geht mit dieser Ermittlung den ersten Schritt der Verwandlung von einer Demokratie in einen autokratischen Staat.“

Laut italienischer Medien wurde allerdings bereits seit mehr als einem Jahr gegen Lucano ermittelt. Die rechte Lega von Matteo Salvini und die populistische Fünf-Sterne-Bewegung stellen jedoch erst seit Juni dieses Jahres die Regierung.