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Die Kinder der Gastarbeiter

Wie lebt die zweite Generation der Vietnamesen, die in den 1980er-Jahren nach Dresden kamen?

Von Nora Domschke

Nagelstudios, Obst- und Gemüseläden, Restaurants und Bistros – fast in jedem Dresdner Viertel betreiben bis heute viele jener Vietnamesen Geschäfte, die in den 1980er-Jahren nach Dresden gekommen sind. Damals waren sie Gastarbeiter in den DDR-Betrieben, nach der Wende machten sie sich mit ihren eigenen Läden selbstständig. So wie die Eltern von Vu Anh Doan und Hong Duc Nguyen. Die jungen Männer, beide sind 25, gehören schon zur zweiten Generation der Dresdner Vietnamesen. Im Lebendigen Haus am Postplatz haben sie jetzt ihr eigenes Restaurant eröffnet.

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Es ist das dritte „Codo“ in Dresden und das erste auf Altstädter Seite. Seit 2013 betreibt die Vietnamesin Giang Dannemann ein Codo-Restaurant in der Dresdner Neustadt, 2016 kam dort ein zweites dazu. Für den dritten Standort am Postplatz hat sich die 41-Jährige nun die zwei jungen Männer ins Boot geholt. Sie sind sogenannte Franchisepartner von Giang Dannemann: Doan und Nguyen arbeiten selbstständig, nutzen aber gegen eine finanzielle Beteiligung unter anderem den Namen Codo. Das hat zum einen den Vorteil, dass die Gastro-Neulinge auf die Erfahrungen von Giang Dannemann zurückgreifen können. Zum anderen soll die Bekanntheit der anderen Codo-Restaurants bei ihrem ersten Schritt in die Selbstständigkeit helfen.

Eltern legen Wert auf Bildung

Sich gegenseitig unterstützen – das sei unter den Vietnamesen, die in Dresden leben, schon immer sehr wichtig, sagt Giang Dannemann. Die Gemeinschaft sei wie eine Familie, vor allem jene, die seit den 1980er-Jahren da sind, kennen sich gut. Giang Dannemann kam 1993 nach Deutschland, damals war sie 15 Jahre alt. Ihre Mutter war in Dresden Gastarbeiterin. Vor der politischen Wende lebten in der DDR rund 60 000 Vietnamesen, sie waren angeworbene Gastarbeiter oder Studenten. Wie viele damals in Dresden wohnten, ist offenbar nicht vermerkt worden. „Die Zahlen aus DDR-Zeiten sind bei uns nicht vorhanden“, teilt die Statistikstelle auf SZ-Anfrage mit. Erste Daten zur Staatsangehörigkeit seien erst für das Jahr 1992 gemeldet worden. Zu diesem Zeitpunkt waren es 1 417 Menschen mit vietnamesischer Staatsbürgerschaft – und damit die größte Ausländergruppe in der Stadt. Seitdem blieb zwar die Zahl relativ konstant: Heute leben hier 1 610 Vietnamesen, die damit 0,3 Prozent der städtischen Gesamtbevölkerung ausmachen. Allerdings gibt es inzwischen deutlich mehr Menschen aus Russland, China, Syrien und Polen in der Stadt. Vietnam liegt als Herkunftsland in Dresden an sechster Stelle.

Neben den knapp 1 600 Dresdnern mit vietnamesischem Pass leben in der Landeshauptstadt mehr als 700 Menschen mit vietnamesischen Wurzeln, die aber einen deutschen Pass besitzen. Wie die 24-jährige Quynh My Ngo. Sie ist zwar hier geboren, hatte damals aber – wie ihre Eltern – die vietnamesische Staatsbürgerschaft. „Als ich volljährig wurde, habe ich die deutsche beantragt und musste dafür einen Einbürgerungstest machen“, erzählt die junge Bankkauffrau. Auch ihre Eltern sind in der Gastronomie tätig, aber immer mehr junge Vietnamesen würden heute beruflich einen anderen Weg gehen, sagt Quynh My Ngo. Unter ihren Freunden gebe es Zollbeamte und Polizisten, sie selbst studiert zurzeit Journalismusmanagment. Ihre Eltern hätten auf gute Bildung Wert gelegt. Das trifft offenbar auf viele vietnamesische Familien zu: Rund 57 Prozent der Kinder besuchen ein Dresdner Gymnasium. Zum Vergleich: Nur jedes dritte deutsche Kind geht in der Landeshauptstadt den Weg zur Allgemeinen Hochschulreife, bei ausländischen Familien sind es 26 Prozent.

Obwohl Giang Dannemann studierte Wirtschaftsmathematikerin ist, entschied sie sich für die Arbeit in der Gastronomie. Neben den „Codos“ betreibt sie heute außerdem zwei Hot-Wok-Restaurants in Dresden. Irgendwann weitere Restaurants aufzumachen könnten sich auch Vu Anh Doan und Hong Duc Nguyen vorstellen. Wie Giang Dannemann sind auch ihre Eltern Vorbilder für die jungen Männer. „Sie sind damals ohne Sprachkenntnisse in ein fremdes Land gegangen und haben ihren Weg mit viel Fleiß gemacht“, sagt Nguyen. Allerdings seien Vietnamesen ohnehin sehr zielstrebig. „Wir haben schon in jungen Jahren klare Ziele und wissen, wann wir heiraten, wie viele Kinder wir bekommen, wie und wo wir arbeiten.“ Doan ist in Sebnitz geboren und aufgewachsen, hat dort sein Fachabitur, danach im Hotel Westin Bellevue in Dresden die Lehre zum Restaurantfachmann gemacht. Nguyen ist indes in Vietnam bei seiner Großmutter aufgewachsen, weil seine Eltern hier in Dresden gearbeitet haben. Die Lehre zum Restaurantfachmann im Dresdner Pulverturm hat er zwar nicht abgeschlossen, aber in den vergangenen Jahren viel Erfahrung in etlichen Küchen gesammelt. Auf das eigene Restaurant haben beide seit vielen Jahren hingearbeitet. Dass sie vietnamesische Speisen anbieten, war von Beginn an klar. Gelernt haben sie das Zubereiten der Traditionsgerichte schon bei ihren Eltern. Nun wollen sie mit landestypischer Nudelsuppe, mariniertem, gegrilltem Fleisch und Sommerrollen bei den Dresdnern punkten.