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Sein Applaus

Dynamos Trainer hat Geburtstag, doch die Lust zum Feiern hält sich in Grenzen. Maik Walpurgis will trainieren – und Privates ohnehin nicht verraten.

Von Tino Meyer

Der Ärger vom Wochenende ist weg, fürs Erste jedenfalls. Nach Party steht Maik Walpurgis dennoch nicht der Sinn, dabei bietet die Länderspielpause durchaus Gelegenheit dafür. Und Anlässe gibt es mehr als genug. Vier Wochen Cheftrainer bei Dynamo Dresden zum Beispiel. Oder die beste Zweitliga-Startbilanz in der Vereinshistorie mit 13 Punkten nach neun Spielen; davon zehn in sechs unter seiner Verantwortung. Oder eben sein 45. Geburtstag an diesem Dienstag.

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In kleinen Schritten

DSC vor Kracher in Schwerin mit viel Selbstanalyse

Wie und ob er überhaupt feiert, verrät Walpurgis nicht – wie so vieles, was sein Privatleben betrifft. Bekannt ist nur, dass Dynamo am Dienstag gleich zweimal trainieren wird. Trotz der Länderspielpause, trotz Geburtstag und weil der Trainer sich selbst und seine Belange nicht so wichtig nimmt, seinen Beruf jedoch offensichtlich umso mehr.

Geht es um Fußball, ist Walpurgis ein Getriebener. Er liebt diesen Sport. Freunde und Wegbegleiter beschreiben ihn diesbezüglich als konsequent und zielstrebig, ehrgeizig und detailverliebt, als einen, der 24 Stunden über das Spiel nachdenkt. Und was sagt Walpurgis? Nichts. Er lächelt bei solchen Einschätzungen nur und redet jede Nachfrage, die aufs Persönliche abzielt, einfach weg.

Man weiß wenig bis nichts über ihn

Dann wechselt er in den Wir-Modus oder sagt Sätze wie diesen. „Natürlich freut man sich über den ersten wichtigen Sieg für alle, wenn man vor allem sieht, wie die Spieler gewisse Dinge umgesetzt haben“, antwortet Walpurgis auf die Frage, ob er seinen ersten Sieg mit Dynamo, ein unerwartet souveränes 2:0 in Regensburg nur drei Tage nach Amtsantritt, selbst auch ein bisschen genießen konnte.

Man weiß wenig bis nichts über den neuen Cheftrainer, und daran wird sich bis auf Weiteres nichts ändern.

Selbst bei seiner Vorstellung in Dresden am 11. September beschränkte sich der Anteil am Einblick ins Private während der 48-minütigen Pressekonferenz auf 35 Sekunden. Walpurgis sagte, dass er zwar von seiner Frau spreche, noch aber nicht verheiratet sei, doch „in einer sehr festen Lebenspartnerschaft seit vielen Jahren“ lebe. Dass er keine Kinder habe und mittlerweile schon 26 Jahre als Trainer arbeite.

Was Walpurgis dann doch verraten hat: Dass er nach seinem ersten Heimsieg bei Dynamo, dem unerwartet furiosen 4:1 gegen Darmstadt, mit dem Trainerstab am Abend beim Italiener saß. Und den Sieg in Bochum an einem Dienstagabend hat er bis 2 Uhr – nicht gefeiert, sondern in der Sauna ausgewertet. Dem Vernehmen nach blieb es nicht die einzige Nachtschicht.

Entsprechend intensiv ist der erste Monat bei Dynamo auch für ihn persönlich gewesen mit fünf Spielen in 17 Tagen und dem Kennenlernen des neuen Umfelds in Dresden, verbunden mit der unerwarteten Debatte um die Zukunft von Sportchef Ralf Minge im Verein. Da ist eine Menge zusammengekommen an Eindrücken und Emotionen, die es zu verarbeiten gilt.

Für die Erkenntnis, dass er in Dresden trotz der anfänglichen Erfolge noch immer am Anfang steht, hat er das unglückliche und doch nicht unverdiente Gegentor zum 2:2-Endstand in der Nachspielzeit am vergangenen Samstag beim Auswärtsspiel in Magdeburg nicht gebraucht. „Mir war klar, dass wir noch Punkte haben, an denen wir arbeiten werden“, sagt er danach mit ernster Miene. Walpurgis wirkt dabei nicht nur ein Stück weit abgekämpft vom intensiven Spiel, sondern irgendwie abwesend, in Gedanken woanders, schon einen Schritt weiter – vermutlich beim Dienstagstraining.

Es mangelt ihm schließlich weder an Arbeitseifer noch an Ideen. Was zuletzt gefehlt hat, ist vielmehr die Zeit. In den englischen Wochen mit Spielen im Drei-, Vier-Tages-Rhythmus traten seine Fähigkeiten als Fußballlehrer auf dem Trainingsplatz fast komplett in den Hintergrund, Walpurgis war mehr als Psychologe gefragt.

Das kann er, so viel lässt sich sicher sagen. Er hat die Mannschaft nach dem missglückten Saisonstart sportlich stabilisiert, psychisch starkgeredet, taktisch bereichert und sich – in erster Linie natürlich dank des sich sofort einstellenden Erfolgs – damit Freiraum und Glaubwürdigkeit für die nächsten Wochen und Monate geschaffen.

Maik wer? Zu Beginn steht die Frage

Vorsicht, Argwohn und Misstrauen im Dynamo-Umfeld und sicher auch im Spielerkreis sind erst mal aus der Welt.

Maik wer? Die am Tag seiner Verpflichtung meistdiskutierte Frage hat man zuvor auch in Ingolstadt und Osnabrück gestellt und davor natürlich auch in Lotte, seiner ersten Station als Trainer im Profifußball. In der Branche dagegen ist sein Name längere Zeit schon ein bekannter und geschätzter – und Walpurgis zudem einer, der über reichlich Kontakte verfügt und sich während der arbeitslosen Zeit nach der Entlassung in Ingolstadt im September 2017 gezielt weiterbildete, unter anderem mit einer Hospitation bei RB Leipzig. „Ich habe von der Pike auf alles gelernt und mich hochgearbeitet. Fußballtrainer zu sein, war immer meine ganz große Leidenschaft. Den Beruf leben zu dürfen, ist für mich ein absolutes Privileg, das ich sehr schätze“, erklärt Walpurgis.

Die Wortspiele aufgrund seines Nachnamens und der roten Haare nimmt er hin. Das sind Äußerlichkeiten, die sich ohnehin nicht ändern lassen. Selbst wenn, die Zeit dafür wäre ihm zu kostbar. Stattdessen denkt er lieber noch einmal mehr über Personal und Taktik fürs nächste Spiel nach.

Am Samstag in Magdeburg hat er kurz vor dem Anpfiff sogar die Aufstellung noch einmal umgeschmissen, da waren die offiziellen Spielformulare schon gedruckt.

Walpurgis liest gern und viel, Bücher über Motivation, Führung, Zielsetzung und die Kraft, Widerstände zu überwinden zum Beispiel. Und er lacht so gut wie nie. Beim Jubeln nach Toren reißt er zwar beide Arme nach oben, rennt und springt und freut sich, nur bleiben die Mundwinkel unverändert. Auch seine spaßig gemeinte Antwort auf die Frage nach seinem möglichen Besuch in der Eistonne, die in den letzten Wochen zum Synonym für Regeneration und Erfolg wurde, trägt er ohne Gesichtsregung vor: „Da bin ich ein absoluter Warmduscher und kälteempfindlich.“

Wer Walpurgis aber als Fachidioten abstempelt, macht einen Fehler. Was um ihn herum passiert, nimmt er genau zur Kenntnis – und bezieht dann klar Stellung, wenn er gefragt wird. Wie zu den Querelen um Sportchef Minge, den er als seinen wichtigsten Ansprechpartner nennt. „Für mich sind Ehrlichkeit, Vertrauen und Verbindlichkeit ganz wichtige Kriterien. Das erwarte ich auch von allen Menschen, mit denen ich mich umgebe und mit denen ich arbeite“, betont er.

Walpurgis und Dynamo – das scheint zu passen, was nicht zuletzt geografische Gründe haben könnte. Der Mann ist Herforder und damit Westfale, ein offenbar mehrheitlich in sich ruhender, gelassener Menschenschlag. Und mit denen, siehe zuletzt Uwe Neuhaus oder auch Ralf Loose und Siegfried Held, sind die Schwarz-Gelben immer erfolgreich gewesen.