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Die Geschichte vom verschollenen Bruder

In Limmritz ist der Soldat Helmut Neumann begraben. Nach seinem Tod forschten die Verwandten nach.

Von Jens Hoyer

Ein Stück deutscher Geschichte hat Roland Erdmann in den Händen gehalten, als er den Nachlass seiner Mutter Ilse Erdmann sichtete. Diese war mit 96 Jahren vor einigen Monaten verstorben. Die Papiere, die er fand, dokumentieren das Schicksal des Obergefreiten Helmut Neumann. Er war kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges bei Hartha gefallen. Es ist damit einer der wenigen Soldaten, die bei Kampfhandlungen in der Region ums Leben kamen. Er liegt zusammen mit seinem Kriegskameraden Fritz Schramm in einem Doppelgrab in Limmritz begraben.

Nach dem Krieg standen auf dem Grab von Fritz Schramm und Helmut Neumann Kreuze aus Birkenholz.

Helmut Neumann, bei seinem Tode 20 Jahre alt, war der Bruder von Ilse Erdmann. Die Familie hatte nach dem Krieg offenbar Nachforschungen über das Schicksal des Soldaten angestellt. Erhalten ist die Bescheinigung vom August 1945 des damaligen Ziegraer Bürgermeisters. Der bestätigte, dass Helmut Neumann mit seiner Truppe mehrere Tage in Limmritz gelegen hatte und bei einer Frau May untergebracht war. Bei einem Einsatz am 21. April 1945 sei er bei Gersdorf in der Nähe des Harthaer Kreuzes tödlich verwundet worden. Dieser Teil der Region wurde damals von den Amerikanern kontrolliert, die bis Geringswalde vorgestoßen waren. Die Truppe sei damals vollständig aufgerieben worden, sodass von dort keine Benachrichtigungen der Angehörigen mehr erfolgen konnten.

Roland Neumann kennt seinen Onkel nur aus den Erzählungen der Mutter. „Er wollte bis zum Endsieg kämpfen“, sagte er. Die Familie war aus Ostpreußen vertrieben worden und lebte dann in Markkleeberg bei Leipzig. Roland Neumann war als Kind am Grab seines Onkels. 1966 lernte er bei der Reichsbahn, als er auf einer Dienstreise nach Döbeln kam. „Ich habe in Eisenbahneruniform eine Blumenschale aufs Grab gebracht“, erzählt er.

Das Grab des Onkels war zwar bekannt, trotzdem galt er als verschollen. Die Geschichte findet ihre Fortsetzung im Jahr 1970. „Im Westen gab es damals den Lastenausgleich für die Vertriebenen. Meine Mutter wollte ihren Anteil ihrem Bruder überschreiben, der im Westen lebte“, sagte Erdmann. Aus dem gleichen Grund brauchte sie auch eine Sterbeurkunde des toten Bruders. Aber Anfragen bei der Gemeinde Limmritz, beim Magistrat der Stadt Berlin und beim Roten Kreuz brachte kein Ergebnis. Nur das Standesamt der Geburtsstadt Insterburg/Ostpreußen, das zu Tschernjachowsk in der Sowjetunion wurde, hätte das Papier ausstellen können. Weil das nicht möglich war, ging die Schwester den einzigen Weg: Sie ließ 1970 den Bruder vom Amtsgericht Leipzig für tot erklären.

Auf dem Doppelgrab der beiden Soldaten steht heute ein Grabstein mit den beiden Namen. Diesen hatten die Eltern des Gefreiten Fritz Schramm, der aus Wilthen stammt, aufstellen lassen. Sie waren nach dem Krieg regelmäßig nach Limmritz gekommen und hatten das Grab ihres Sohnes besucht.