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Der neue Kick als Künstlerin

© privat

Ex-Fußball-Nationalspielerin Josephine Henning hat eine Erfüllung. Sie malt jetzt Bilder und freut sich auf ihre erste Vernissage.

Von Frank Hellmann

Es war ein eher leiser Abschied, den Josephine Henning aus dem Frauenfußball genommen hat. Ihr letztes Länderspiel bestritt sie im Juli 2017 gegen Brasilien, nachdem sie mit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille mit der deutschen Nationalmannschaft ein Jahr zuvor noch einen Höhepunkt erlebte. Das sei definitiv der richtige Zeitpunkt gewesen – genau wie diesen Sommer bei den Arsenal Ladies auch auf Vereinsebene einen Schlussstrich zu ziehen. „Ich bin darüber mehr als happy“, sagt die 29-Jährige. Denn jetzt ist sie Künstlerin.

Die Ex-Fußball-Nationalspielerin Josephine Henning will nach der Sportkarriere ihr Hobby zum Beruf machen: Malerei. © privat
Henning im Auswahltrikot in Chemnitz. © dpa

Genau genommen widmet sie sich der Acrylmalerei auf großformatigen Leinwänden. Was früher ein Hobby war, „um einen natürlichen Ausgleich zu finden“, wie die in Mainz geborene, in Trier aufgewachsene Henning sagt, soll bald dazu dienen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

„Als Fußballerin hat man für später nicht ausgesorgt“, erklärt die 42-fache Nationalspielerin, die mit drei verschiedenen Vereinen (Turbine Potsdam, VfL Wolfsburg und Olympique Lyon) immerhin viermal die Champions League gewann. Dennoch war es unabdingbar, die duale Karriere voranzutreiben – und sie hat sich für einen eher seltenen Spurwechsel entschieden. Kicker, die sich der Kunst verschreiben? Den meisten fällt der frühere HSV-Torwart Rudi Kargus ein. Henning will sich selbst im neuen Metier Zeit geben. „Ich muss mir etwas Neues aufbauen. Wenn es nicht klappt, ist nicht im Winter sofort wieder Schluss.“

Statt Fernsehen: „Pinsel in die Hand“

Vorerst fiebert sie dem 28. Oktober entgegen. Dann beginnt um 18 Uhr im historischen Frankenturm von Trier ihre erste Vernissage, in der vorwiegend Werke der letzten zwei Auslandsjahre aus London und Lyon ausgestellt werden. Bei Livemusik soll das Interesse an 21 „offenen Stories“ – 20 Bilder und eine Installation – geweckt werden, in denen Farben, aber auch Empfindungen eine große Rolle spielen. Und natürlich auch der Mensch, der sich auf einem Werk beispielsweise auf einer Schaukel an einer riesigen Palme unter einem Stück offenen Himmel befindet. „Es geht auf dem Bild um Entschleunigung, aus dem Alltag rauszukommen.“

Die Sehnsucht nach der längeren Pause. Weil die Motive figurativ und nicht abstrakt gehalten sind, kann das auch derjenige interpretieren, der sich nicht als Kunstkenner ausweist.

Bis zum 9. November läuft ihre Ausstellung, in der die ehemalige Sportlerin meist selbst präsent sein wird. Sie selbst möchte die Geschichten hinter den Bildern erzählen. „Es soll authentisch sein.“ Weil es eben manchmal auch ein Stück von ihr selbst ist. Henning könnte sich zwar auch vorstellen, ihre Erfahrung aus dem Fußball in Kindercamps weiterzugeben, aber die Kunst passt irgendwie ja auch besser in die Familiengeschichte: Mutter Sabine arbeitet als Theatermalerin, Vater Jörg Maier ist Schauspieler am Trierer Theater. Und wo in anderen Elternhäuser die Kinder schon mal vor den Fernseher gesetzt werden, „gab es bei uns den Pinsel in den Hand“.

Schon in jungen Jahren zeichnete sie gerne und viel. In ihrer Wolfsburger Zeit legte sie zunächst ihren Bachelor im Gesundheitsmanagement ab („ein Vernunftstudium“). Als sie 2014 zu Paris St. Germain gewechselt war, begann sie ein Fernstudium in Grafik und Design. Mit dem Wechsel nach London und Lyon ließ sie ihre zweite Leidenschaft schon nicht mehr los. „Da wurde aus meinem Wohnzimmer ein Atelier.“ Wenn andere die Freizeit an der Playstation vertrödelten, hat sie lieber gemalt, aber nur selten darüber gesprochen. „Ich wollte nie, dass man mir unterstellt, nicht alles für den Fußball zu geben.“

Jetzt sei die Zeit reif, aus der Schublade herauszukommen. „Die Leute denken oft, man kann nur eins im Leben.“ Henning mag sogar ihre Position als Abwehrspielerin mit dem neuen Ist-Zustand verknüpfen. „Innenverteidiger sind häufig stille, nach innen gekehrte Persönlichkeiten, die vor allem im Sinn haben, ihre Mannschaft zu beschützen.“ Sie spürt nach eigener Aussage längst eine innere Zufriedenheit, „ich habe das Gefühl, es entwickelt sich etwas“. Manchmal verschließt sie sich fast tagelang im Atelier, wenn sie es für nötig hält. „Ich liebe das. Ich lebe einen coolen Traum.“

Die ersten Reaktionen seien ausgesprochen positiv. Bei der Stilfrage mag sie sich gar nicht zu sehr festlegen: „Der Pop-Art ähnlich. Ich arbeite dazu viel mit Spachtel und Spray. Der Mix ist mein Ding.“ Die Preise gebe es „auf Anfrage“, aber auf Nachfrage kommt heraus, dass sie die meisten Bilder im unteren vierstelligen Bereich verortet hat: „Ich kann sie ja nicht verschenken.“ Die Umsetzung der ersten Idee bis zur Fertigstellung erfolge ja nicht in drei Tagen, sondern dauere eher drei Wochen. Vieles erfolgt dabei spontan, wie sie sagt.

Auch eine Auftragsarbeit hat sie schon erledigt, die ausnahmsweise mit dem Fußball zu tun hat: Torwarthände auf einem Himmel-Hintergrund. Sie kann sich auch vorstellen, im Zuge der Frauen-WM 2019 in Frankreich tätig zu werden. Ansonsten fehlt ihr zwar der Kontakt zu den Mitspielerinnen, nicht aber der Fußball an sich. Aufzuhören, um lieber den Pinsel zu schwingen als einen Pass zu spielen, dafür war die Zeit einfach reif.