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Arzt made in Ungarn

Görlitzer studieren in Südeuropa Medizin, weil sie in Deutschland nicht dran kommen. Einige werden besonders gefördert.

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© nikolaischmidt.de

Von Daniela Pfeiffer

Ein paar Tage noch, dann geht es für Lisa Xylander zurück nach Ungarn. Oscar kommt auch mit. Die 19-jährige Görlitzerin studiert seit einem Jahr in Budapest Tiermedizin und ist eigentlich immer von Tieren umgeben. Daheim im Hause Xylander gibt es welche, und auch in Budapest hat Lisa eine Wohnung, in der Tiere erlaubt sind. Sie engagiert sich dort für eine Hilfsorganisation und hat immer mal ein Patentier in Pflege.

Veterinärmedizin in Ungarn also. Dass sie Tierärztin werden möchte, war für Lisa Xylander klar seit sie fünf war, erzählt sie. Es ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt: Vater Willi ist Biologe und Chef des Senckenberg-Instituts in Görlitz. Dass die Tochter nach dem Abitur nach Ungarn gehen würde, ist ein wenig auch sein Verdienst. „In Deutschland dranzukommen, ist sehr sehr schwer“, erzählt Lisa. Der Numerus Clausus beträgt fast überall 1,2 bis 1,3. „Ich bin drüber, wenn auch minimal. Nachdem ich schon zwei Semester gewartet habe, in denen ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvierte, wollte ich nicht länger warten“, sagt sie. Obwohl sie schon gehört hatte, dass man auch in Ungarn gut Tiermedizin studieren könne, hatte sie große Vorbehalte. Allein in ein fremdes Land? „Meine Eltern haben mich dazu dann überredet.“

Bereut hat die Görlitzerin das nicht. Budapest sei eine wunderbare Stadt, in dem Haus, in dem sie wohnt, leben nur Studenten. Viele haben auch Tiere. Abends sitzt man beisammen, grillt, die Hunde spielen zusammen. „Generell ist es toll, im Ausland zu studieren, andere Sitten, viele internationale Freunde, eine andere Sprache.“ Wobei Lisa Xylander noch nicht gut Ungarisch kann, gibt sie zu. Die ersten beiden Studienjahre werden immerhin auf Deutsch angeboten. Danach gibt es zwei Optionen: zurück nach Deutschland und hier weiterstudieren oder in Ungarn weiter in englischer Sprache studieren. Lisa Xylander liebäugelt momentan mit Leipzig. „Ich denke, nach dem zweiten Jahr komme ich zurück nach Deutschland.“

Die junge Frau ist nicht die einzige angehende Medizinerin, die ihre Ausbildung in Ungarn zumindest beginnt. So wie ihr geht es vielen: In Deutschland gibt es nur für die Besten der Besten Studienplätze. Und das trotz immer akuter werdendem Ärztemangel. Weil der in Sachsen besonders dramatisch ist und sich das Problem in den nächsten Jahren noch zuspitzen wird, hat der Freistaat vor drei Jahren ein besonderes Programm für junge Leute aufgelegt, die Humanmedizin studieren wollen. Seit 2013/2014 übernimmt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen gemeinsam mit den Landesverbänden der Krankenkassen und Verbänden der Ersatzkassen in Sachsen (LVSK) die Studiengebühren für jährlich 20 Medizin-Studenten an der Universität Pécs in Ungarn. Die Studenten verpflichten sich im Gegenzug, nach erfolgreichem Studienabschluss die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Sachsen zu absolvieren und mindestens fünf Jahre als Hausärzte in Sachsen. Und zwar außerhalb der Städte Dresden, Radebeul, Leipzig und Chemnitz zu praktizieren. Damit soll vor allem dem Hausärztemangel im ländlichen Raum entgegengewirkt werden.

Dieses Jahr bewarben sich 75 Abiturienten für das Modellprojekt, 30 wurden nach mehreren Auswahlrunden von der KV Sachsen vorgeschlagen, 20 davon erteilte die Universität Pécs die Zulassung. Die Stipendiaten werden am kommenden Freitag in der Sächsischen Staatskanzlei feierlich verabschiedet. Gleichzeitig unterzeichnen Staatsministerin Barbara Klepsch und Claus Vogel von der KVS die Verlängerung des Förderprogramms.

Auch Johanna Tacke studiert in Pécs Humanmedizin – allerdings nicht über das sächsische Förderprogramm. Nachdem sie in Görlitz ihr Abitur gemacht hatte, begann auch für sie die schwierige Suche nach einer Uni in Deutschland. Doch für ein Humanmedizin-Studium sind die Anforderungen noch größer: „Man muss fast überall mit einem Notendurchschnitt von 1,0 kommen. Bei wenigen Unis 1,1 bis 1,2“, sagt Johanna Tacke. Das Medizinstudium in Ungarn sei gleichwertig. Also hat die heute 22-Jährige vor zwei Jahren ihre Koffer gepackt und studiert seitdem in Pécs. Nach dem Studium sieht sie sich erstmal in einem großen Krankenhaus. „Ich möchte in Richtung Chirurgie“, sagt sie. Auch weitere Erfahrungen im Ausland zu sammeln schließt sie nicht aus. Vielleicht in Südamerika für Ärzte ohne Grenzen.