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Asylbewerber droht Polizistin mit Messer

Ein Großaufgebot der Polizei war am Mittwoch in der Löbauer Unterkunft Georgewitzer Straße. 30 Bewohner wollten eine Abschiebung verhindern.

© Matthias Weber

Von Markus van Appeldorn

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Löbau. Auf der Seite der Facebook-Gruppe „Tatütata – Was ist passiert?“ überschlugen sich am Mittwochabend die Sensations-Posts. „In Löbau am Asylbewerberheim muss die Hölle los sein“, schreibt da einer beinahe filmtitelreif. „Jetzt 2 schwarze Zivil-Fahrzeuge mit je 4 Mann besetzt“, legt der Beobachter nach und aktualisiert: „Bis jetzt 10 Streifen von Polizei und Bundespolizei vor Ort.“ Andere Gruppenmitglieder berichten, dass die Polizei es offenbar sehr eilig hatte: „Die lassen ordentlich Gummi aufm Asphalt“ heißt es da oder „Der 2e hat gerade noch so die Kurve in der Oststraße bekommen.“

Die Polizei bestätigt auf SZ-Anfrage einen größeren Einsatz am Mittwochabend in der Asylbewerberunterkunft an der Georgewitzer Straße. Laut Polizeibericht rückten Beamte der Polizeidirektion Görlitz, der Gemeinsamen Fahndungsgruppen von Landes- und Bundespolizei sowie der Bundespolizeiinspektion Ebersbach ab 20.40 Uhr dort an. Dort setzten sie die geplante Abschiebung eines Asylbewerbers mit „erhöhtem Kraftaufwand durch“, wie Madeleine Urban, Pressesprecherin der Polizeidirektion Görlitz berichtet.

Grund für das massive Polizeiaufgebot sei gewesen, dass viele andere Bewohner der Unterkunft die Abschiebung verhindern wollten. Laut Polizeibericht wehrte sich der 34-jährige Betroffene gegen die Abschiebung. 30 weitere Bewohner hätten sich in dieser Situation mit dem Mann solidarisiert. Einer tat das besonders bedrohlich. „Ein 19 Jahre alter Landsmann nahm sogar ein Messer zu Hilfe und hielt es einer Polizistin entgegen“, schreibt Polizeisprecherin Urban. Die Situation ging glimpflich aus. „Die Einsatzkräfte bewahrten einen kühlen Kopf, beruhigten die aufgebrachte Menge und stellten das Messer des Angreifers sicher“, heißt es im Polizeibericht. Es sei niemand verletzt worden.

Polizisten hätten den 34-jährigen Betroffenen anschließend aus der Unterkunft gebracht, um die Abschiebung durchzuführen. Weitere Störungen habe es nicht gegeben. Den 19-jährigen Messerangreifer erwarte eine Anzeige wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Die Polizei nannte keine Nationalität des abgeschobenen Asylbewerbers.

Die Heimleitung an der Georgewitzer Straße äußerte sich der SZ gegenüber zu dem Vorgang am Mittwochabend nicht. Sie verwies an den Landkreis Görlitz als zuständige Behörde für den Betrieb des Asylbewerberheims. Die SZ bat das Landratsamt um Informationen über die Nationalität des abgeschobenen Asylbewerbers und den Grund der Abschiebung. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe konnte die Behörde diese und weitere Fragen der SZ nicht beantworten. Auch die Gesellschaft Abub GmbH, die das Haus an der Georgewitzer Straße im Auftrag des Landkreises betreibt, äußerte sich auf SZ-Anfrage noch nicht.

Probleme bei Abschiebungen, weil Betroffene sich wehren, gibt es immer wieder. Im Heim an der Georgewitzer Straße etwa versuchte im Frühjahr 2016 ein abgelehnter Asylbewerber seiner Abschiebung zu entgehen, indem er mit dem Kopf gegen ein Fenster sprang. Auch zu blutigen Auseinandersetzungen kommt es vereinzelt. Zuletzt machte eine Messerattacke im September letzten Jahres Schlagzeilen. Damals war ein 42-jähriger Bangladese vor der Unterkunft erschienen und schlug nach einer kurzen verbalen Streitigkeit einem 27-jährigen Inder mit einem Hammer auf den Kopf. Dieser erlitt eine Platzwunde. Ein 38-jähriger Landsmann des Verletzten zückte ein Messer und griff den 42-Jährigen an. Dieser erlitt dabei Schnittverletzungen im Gesicht und an den Händen. Ein Wachmann alarmierte die Polizei. Die Auseinandersetzung hatte eine Vorgeschichte, die beiden verletzten Männer wurden in umliegenden Krankenhäusern versorgt. Bei dem 38-jährigen Tatbeteiligten ergab ein Atemalkoholtest einen Wert von umgerechnet zwei Promille. Die Kriminalpolizei führt die weiteren Ermittlungen zu den gefährlichen Körperverletzungen.

Die Zahl der in Löbau lebenden Asylbewerber schwankt. Laut einer Auskunft des Landratsamtes Görlitz vom Sommer 2017 sind 258 Asylbewerber aus 22 Nationen in den zwei Löbauer Sammelunterkünften in der Georgewitzer Straße und der Dietrich-Bonhoeffer-Straße untergebracht.