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Auf Annes Spuren

Anlässlich des Holocaustgedenktags hat eine Anne-Frank-Ausstellung im Haus am Poppitzer Platz in Riesa eröffnet. Gibt es Verbindungen zwischen dem jüdischen Mädchen und der Region? Die SZ hat sich auf die Suche begeben.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke

Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Riesa. Wer eine Verbindung zwischen Anne Frank und der Region um Riesa finden will, muss eine Reise in die 30er-Jahre nach Amsterdam unternehmen. Das jüdische Mädchen flieht 1934 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von Deutschland in die Niederlande. Ihr Vater, Otto Frank, ist bereits dort, um die Niederlassung des Lebensmittelherstellers Opekta aufzubauen. Bis zur Besetzung durch die Nazis ist das Nachbarland politisch neutral. Viele deutsche Juden suchen dort Schutz vor immer drastischerer Verfolgung, Ausgrenzung, Willkür. Auch Hannah Goslar und ihre Familie kommt deswegen nach Amsterdam. Die Mädchen wohnen im gleichen Viertel. Sie freunden sich an, gehen gemeinsam zur Schule. In ihrem weltberühmten Tagebuch bezeichnet Anne Frank die ein Jahr ältere Hannah als ihre beste Freundin.

Anne Frank stirbt im Frühjahr 1945 im KZ Bergen-Belsen.
Anne Frank stirbt im Frühjahr 1945 im KZ Bergen-Belsen. © dpa

Ab 1940 beginnt auch in den Niederlanden die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Im Juli 1942 verstecken sich die Franks im Hinterhaus der Adresse Prinsengracht 263. Anne verschwindet von einem Tag auf den anderen. Die Mädchen müssen fortan ohne einander auskommen. Doch sie werden sich noch einmal treffen.

Ein Sprung in die Gegenwart: Nora Manukjan von der Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain stapft über den gefrorenen Boden des Trinitatisfriedhofs in Riesa. Vom Eingang am Poppitzer Platz aus geht die Historikerin immer an der Friedhofsmauer entlang, die parallel zur Felgenhauerstraße verläuft – vorbei an Familiengräbern, dann biegt sie links ab und geht auf eine Fläche von etwa fünf mal fünf Metern zu. Das dichtbewachsene Quadrat ist eingefasst von Grabsteinen. Der Efeu hat ein Trauergesteck in der Mitte bis zur Unkenntlichkeit zugewuchert. Namen und Daten stehen auf der Innenseite der rötlichen Steine: Marie Messias, Anna Rosin, Otto Naujock. Sie starben im Mai 1945 in Riesa. Unter den Toten ist auch Lisbeth Vleschhouver. Sie ist 15 Jahre alt, als sie – vermutlich im Hilfslazarett des Riesaer Krankenhauses in der Pestalozzi-Schule – stirbt. 1930 geboren, war das niederländische Mädchen etwa so alt wie Anne Frank und ihre beste Freundin Hannah Goslar. Womöglich haben sie sich gekannt. Zumindest haben alle die Hölle des Konzentrationslagers Bergen-Belsen erlebt. Hannah und Lisbeth sind gar auf dem gleichen Weg in die Region gekommen.

Bergen-Belsen 1944: Annes Freundin Hannah wird in das niedersächsische Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Die SS hält dort in einem Bereich sogenannte Austauschjuden gefangen – vornehmlich Ausländer. Sie sollen den Nazis als Geiseln, als Druckmittel, in Verhandlungen mit den Kriegsgegnern dienen.

Anne kommt, nachdem das Versteck der Familie Frank auffliegt, im September 1944 zunächst nach Auschwitz. Sie wird aber wenige Wochen später auch nach Bergen-Belsen gebracht, weil sich die Alliierten dem Vernichtungslager nähern. Etwa drei Jahre nachdem sich Hannah und Anne das letzte Mal gesehen haben, treffen sie sich im Konzentrationslager wieder. Hannah, die im besser versorgten Teil des Lagers untergebracht ist, versucht Anne mit Lebensmitteln zu helfen, die sie über einen Zaun wirft. „Das zweite der beiden Päckchen hat sie gefangen. Aber gesehen habe ich sie im Lager nicht, nur gesprochen. Drei Mal – unter Lebensgefahr“, erzählt Hannah Pick-Goslar am Telefon. Die 89-Jährige lebt in Israel und hat sich Zeit für ein kurzes Gespräch mit der SZ genommen.

Kurz bevor die Briten Bergen-Belsen befreien, versucht die SS die „Austauschjuden“ in die Vernichtungslager zu schicken. Für Hannah und ihre kleine Schwester beginnt damit eine Tortur, die ihnen das Leben retten wird. Der Transport mit mehr als 1 000 Menschen ist unter dem Begriff „Verlorener Zug“ in die Geschichte eingegangen. In den Waggons bricht Typhus aus. Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Mit dem Ziel Theresienstadt irrt der Zug über Celle, Berlin, Finsterwalde – immer auf der Flucht vor den vorrückenden Alliierten. Am 22. April 1945 geht es an der gesprengten Elsterbrücke wenige Kilometer nördlich von Bad Liebenwerda nicht weiter. Die Wehrmacht schickt den Transport wieder ein paar Kilometer zurück, lässt den verschlossenen Zug dann aber vor dem südbrandenburgischen Tröbitz stehen. Sowjetische Truppen finden die Menschen einen Tag später. Die Sowjets weisen die Tröbitzer an, die Passagiere zu versorgen. Mehr als hundert sind bereits auf der 13-tägigen Fahrt gestorben.

Auch für die Niederländer auf dem Trinitatisfriedhof kam die Rettung zu spät. Aber wie sind sie dorthin gekommen? Das Rote Kreuz schickte nach Recherchen des Museumsvereins auch etwa 80 Männer, Frauen und Kinder aus dem verlorenen Transport nach Riesa. Andere Überlebende waren laut Historikerin Nora Manukjan nach Zeithain gekommen. „Das berichtet eine Zeitzeugin aus Gohlis. Wie viele junge Leute aus den umliegenden Orten wurde sie von polnischen ehemaligen Kriegsgefangenen verpflichtet, im ehemaligen Lager zu helfen. Sie war beim Beerdigungskommando. Ihren Auskünften nach wurden die Juden, die nach Kriegsende in Zeithain gestorben sind, in einem gesonderten Grab im Wald bestattet.“ Gesicherte Informationen darüber liegen jedoch nicht vor. „Die Zeitzeugin hat das Grab zwar auf einer Karte markiert, aber das wurde nie überprüft“, so Manukjan. Die Historikerin hält die Aussagen aber für nachvollziehbar. „Die Sowjets haben die medizinischen Einrichtungen im Umfeld genutzt. In Zeithain verfügten sie über ein Lazarett mit Ärzten, die vor der Befreiung im Kriegsgefangenenlager inhaftiert waren.“

Hannah und ihre Schwester haben überlebt. „Wir sind von dem Zug aus zu Fuß nach Tröbitz gelaufen, aber da waren schon so viele Leute. Die Russen haben uns dann nach Schilda geschickt.“ Das einzige leere Haus war das des Bürgermeisters. „Ein richtiger Nazi. Im Schlafzimmer hatte er sogar Hakenkreuze an der hellgrünen Tapete. Er hat uns das Leben gerettet, ohne es zu wollen.“ Im Juni 1945 kommen die Mädchen in einem von den US-Amerikanern organisierten Transport zurück in die Niederlande.

Und Anne Frank? Kurz bevor das Lager befreit wird, stirbt sie in Bergen-Belsen. Aus ihrer Familie hat lediglich ihr Vater Otto Frank den Holocaust überlebt.

Die Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain und das Stadtmuseum zeigen bis zum 12. März die Anne-Frank-Austellung „Lasst mich ich selbst sein“ im Haus am Poppitzer Platz.