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Auf dem Weg zur demenzfreundlichen Stadt

Die Krankheit ist oft noch ein Tabu – auch in Neustadt. Damit sich das ändert, müssen auch Nichtbetroffene aufgeklärt werden, sagt der ASB.

© ASB Neustadt

Von Nancy Riegel

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Neustadt. Eine ältere Frau läuft nur mit Bademantel und Hausschlappen bekleidet durch die Stadt. Es ist bitterkalt, zentimeterhoch liegt Schnee auf den Wegen. Und trotzdem spricht sie niemand an. Zwei Stunden lang läuft sie herum, bis schließlich rodelnde Kinder die Polizei rufen und die Frau ins Warme bringen. Eine Geschichte, die für Kopfschütteln sorgt. Und doch genau so passiert ist. „Dieses Beispiel zeigt, dass man die Bevölkerung für die Krankheit Demenz besser sensibilisieren muss“, sagt Sarah-Anna Denzig vom ASB-Ortsverband in Neustadt. Sie ist Diplom-Gerontologin, also eine Alterswissenschaftlerin, und arbeitet im Kompetenzzentrum Demenz. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) möchte in den kommenden Monaten, gefördert durch Geld aus dem Leader-Programm, das Projekt „Besik“ auf den Weg bringen. Das Wort steht für Bilden, Erschließen, Sensibilisieren, Informieren, Kompetenzen vermitteln – alles im Bezug auf das Thema Demenz. „Ziel ist es, eine demenzfreundliche Kommune auf den Weg zu bringen“, sagt Geschäftsführer Alexander Penther. Was muss eine Stadt dafür mitbringen? Zunächst einmal müsse die breite Bevölkerung, nicht nur Angehörige, ein Verständnis für die Krankheit entwickeln, sagt Sarah-Anna Denzig. Immerhin seien laut ihrer Schätzung knapp 6 000 Menschen im Landkreis von Demenz betroffen. „Und die Zahl wird sich durch den demografischen Wandel noch erhöhen.“ Alexander Penther fügt hinzu, dass auch schon Menschen unterhalb des Rentenalters betroffen sind. Er kenne zum Beispiel eine 47-Jährige, die erkrankt ist.

Obwohl die Erkrankung verbreitet ist, gebe es eine große Hemmschwelle, berichten die Mitarbeiter des ASB. Die Krankheit wird tabuisiert. Betroffene selbst versuchen oft, zu verstecken, dass sich Einschränkungen beim Gedächtnis und der Motorik abzeichnen. Und Angehörige haben Schwierigkeiten, sich einzugestehen, dass ihr Ehemann, ihr Vater oder ihre Oma unheilbar erkrankt ist und immer mehr an Selbstständigkeit verlieren wird. Es stellt sich in vielen Fällen ein Schamgefühl ein. „Es wird nicht darüber geredet, und dadurch fehlt das Verständnis für die Demenz“, fasst die Gerontologin zusammen.

Mit Schulungen und Informationsveranstaltungen will der ASB diese Hemmschwelle abbauen. Schon jetzt werden im Demenzzentrum Beratungen und Pflegekurse angeboten. Außerdem können sich Angehörige im Café Lichtblick untereinander austauschen. Aber diese Angebote richten sich bisher eben nur an Betroffene.

Mit „Besik“ soll die Aufklärung schon im jungen Alter beginnen. „Kinder nehmen Menschen so, wie sie sind“, sagt Sarah-Anna Denzig. Ohne Vorurteile könne man ihnen erklären, wie die Demenz eine Person verändert – immerhin kann es die eigenen Großeltern betreffen oder man sieht eben eine Frau im Bademantel bei Minusgraden auf der Straße, wie im zuvor genannten Beispiel. Die Gerontologin stellt sich Schul- oder Kindergartenprojekte vor.

Weiterhin sollen auch Arbeitgeber rund um Neustadt für das Thema sensibilisiert werden. „Wenn jemand plötzlich regelmäßig zu spät zur Arbeit kommt oder Dinge vergisst, könnte das schon ein erstes Anzeichen sein“, führt Penther an. Angestellte eines Supermarktes könnten lernen, wie sie mit dementen Kunden umgehen sollten – die beispielsweise Regale umräumen, die Geldbörse zu Hause vergessen haben oder den Laden verlassen, ohne zu bezahlen. Nicht zuletzt sei auch die Polizei gefragt, sagt Sarah-Anna Denzig, denn die müsse in solchen Situationen erkennen, ob jemand etwas bewusst stehlen will oder durch die verminderte Denkleistung nicht in der Lage war, an die Kasse zu gehen.

Ein breitgefächerter Diskurs könnte so helfen, Neustadt zu einer demenzfreundlichen Stadt zu machen, so die Idee. Klappt es mit der Förderung, könnte es im April losgehen. Damit, so hofft der Geschäftsführer, könnte auch erreicht werden, dass die knappen Plätze in Pflegeeinrichtungen erst später in Anspruch genommen werden. „Wird die Demenz frühzeitig erkannt, kann man gut eine Weile im eigenen Zuhause wohnen bleiben.“