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Auf den ersten Blick

Angela und ihre kleine Pflegetochter haben sich nicht gesucht, aber auf wundersame Weise gefunden.

© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Fügung, Schicksal oder Vorsehung. Angela weiß nicht, wie sie es nennen soll. Am besten trifft: Liebe auf den ersten Blick. Dieses kleine Mädchen, noch kein Jahr alt, schien ihr geschickt worden zu sein. „Ich habe Lena vom ersten Moment an ins Herz geschlossen“, sagt die 53-Jährige.

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Inzwischen ist das Kind, das seine leiblichen Eltern verlassen musste und ins Heim kam, sechs Jahre alt. Angela arbeitete dort als Erzieherin. Heute sitzt sie auf Lenas Lieblingsspielplatz und sieht zu, wie die Kleine im Handumdrehen Freundschaft mit zwei anderen Mädchen knüpft. „Mama“, ruft sie herüber und lacht breit mit Zahnlückenmund. Mama sagt sie noch nicht lange.

Als Angelas erwachsener Sohn noch Wackelzähne hatte, lebte sie mit ihm in Riesa und hatte sich unfreiwillig von ihrem Traumberuf als Kindergärtnerin verabschiedet. „Nach der Wende schlossen ganz viele Einrichtungen, und ich habe einfach keine Anstellung mehr gefunden.“ Um nicht arbeitslos zu bleiben, nahm sie eine Stelle als Sachbearbeiterin im Arbeitsamt an. Kinder wurden rar, Arbeitslose gab es immer mehr. „Zwanzig Jahre habe ich den Job gemacht“, sagt Angela, „Ich kann mir selbst nicht erklären, wie es zu dieser langen Zeit kommen konnte.“ Inzwischen jedoch hatten sich die Geburtenzahlen erholt. Angela sagte sich: Jetzt oder nie, zog nach Dresden, die Stadt, die sie immer schon mochte und in der sie viele Freunde hat. Sie bewarb sich in ihrem alten Beruf und begann, als Erzieherin in einem Dresdner Kinderheim zu arbeiten.

Der Tag, an dem Lena dort ankam, hat sich Angela tief eingeprägt. „Ich hatte das Gefühl, dass auch die Kleine ganz schnell eine besondere Verbindung zu mir empfunden hat.“ Mit ihrem großen Sohn war sie als Mutter glücklich gewesen, ein zweites Kind hatte sie sich nie gewünscht. Anders als andere Eltern, die aus ungewollter Kinderlosigkeit heraus Pflegeeltern werden, entstand Angelas Wunsch ganz anders. „Als Erzieherin wusste ich, wie es um Lenas Eltern steht und dass zumindest ihr Vater die Aussicht hatte, sein Kind zurückzubekommen.“ Dafür jedoch hatte ihm das Gericht verschiedene Auflagen erteilt. Ordne er sein Leben entsprechend, dürfe er mit seiner Tochter in ein betreutes Wohnen und von dort irgendwann in eine eigene Wohnung ziehen. Doch was, wenn er das nicht schafft? Wenn die Hoffnung auf ein heiles Familienleben nicht ausreichend Kraft gibt? Die Frage trieb Angela um. Dann käme die Kleine vielleicht in irgendeine fremde Pflegefamilie. Mit der Vorstellung konnte sie keinen Frieden finden.

Nach Rücksprache mit ihrem Arbeitgeber begab sich Angela auf den Weg, Pflegemutter zu werden – Lenas Pflegemutter. „Ich wusste natürlich nicht, wie die Geschichte ausgehen würde, doch hätte ich mit der Vorbereitung erst begonnen, wenn der Vater sein Recht verspielt hätte, wäre es zu spät gewesen.“ Eine andere Pflegefamilie hätte das Kind möglicherweise aufgenommen. Doch inzwischen hingen Lena und Angela sehr aneinander.

„Ich habe natürlich auch meinem Sohn erzählt, dass ich ein Pflegekind aufnehmen möchte“, erzählt Angela. Er sei nicht begeistert gewesen und brauchte seine Zeit, um es zu verstehen. „Inzwischen sind auch sie beide ein Herz und eine Seele.“

Künftige Pflegeeltern müssen unter anderem ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und eine Art Eignungstest bestehen, um zu zeigen, dass sie einer solchen Aufgabe grundsätzlich gewachsen sind. In Seminaren, die sich über rund zehn Wochen erstrecken, erhalten sie pädagogische Ratschläge, rechtliche Informationen und Hinweise für den Umgang mit den leiblichen Eltern eines Pflegekindes. Pflegefamilien müssen wirtschaftlich solide aufgestellt sein und in ihrem Alltag genug Zeit haben, um sich um ihr Pflegekind zu kümmern. Auch die Größe der Wohnung, in der ein Kind künftig zu Hause sein soll, ist nicht unwichtig. Angela erfüllte die Kriterien auch als Alleinstehende und bekam schließlich die Betreuung Lenas übertragen. Das Sorgerecht hat inzwischen ein vom Jugendamt berufener Vormund.

Eine Weile hatte es so ausgesehen, als ob Lenas leibliche Eltern vielleicht doch noch die Energie finden, sich selbst um ihr Kind zu kümmern. „Sie waren zwar nicht mehr sorgeberechtigt, aber sie kamen regelmäßig zu gemeinsamen Treffen“, erzählt Angela. Während das Verhältnis zu den Großeltern gut und stabil blieb, zog sich Lenas Mutter bald ganz zurück. Auch die Treffen mit ihrem Vater sind selten geworden. „Aber beide gehören zu Lenas Familie“, sagt Angela. „In meiner Wohnung hängen Fotos von ihnen, und ich sage Lena, dass Mama und Papa keine schlechten Menschen sind und sie nicht aus bösem Willen verlassen haben.“

Auch das ist eine Aufgabe, die Pflegeeltern meistern müssen: Soweit es das Gericht erlaubt, haben Kinder, Eltern und auch Großeltern ein Recht auf gemeinsame Zeit, auch wenn sie im Alltag nicht mehr als Familie zusammenleben dürfen. „Wenn meine Pflegetochter Fragen hat, bekommt sie Antworten“, sagt Angela. „Ich vertage nichts und hoffe nicht darauf, dass sie ihr Anliegen vergisst.“ Offenheit, Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Nachsicht brauchen Kinder wie Lena ganz besonders. Und Zeit. Nachdem Lena zur Eingewöhnung an Wochenenden mit zu ihr nach Hause durfte, zog sie ganz zu ihrer Pflegemama. „Ich habe aufgehört, im Heim zu arbeiten und bin zwei Monate lang zu Hause geblieben, damit Lena in Ruhe ankommen konnte“, sagt Angela. Dann nahm sie eine Stelle in der Kita an, die auch Lena besucht.

Fühlt sich die Erziehung eines Pflegekindes anders an, als die des eigenen? Ist man als Pflegemutter eher nachsichtig als streng? Die Frage hat sich Angela kaum gestellt. Nicht nur als Mutter, sondern auch als ehemalige Heimerzieherin weiß sie: „Diese Kinder haben viel entbehrt. Alles, was sie brauchen, ist Liebe.“

Der nächste Informationsabend zum Thema Pflegeelternschaft findet am 22. August, 19.00 bis 21.30 Uhr im Ortsamt Loschwitz, Grundstraße 3, 01326 Dresden, 2. Etage/ Zimmer 301 statt.

http://www.dresden.de/de/rathaus/dienstleistungen/pflegekinder.php