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Auf den Tisch statt in die Tonne

Stefanie Nünchert träumt von einem Restaurant, in dem auch Bedürftige würdevoll essen können. Nun wurde ihre Idee ausgezeichnet.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

Kurz vor dem Ende der Abstimmung kam sie dann doch ins Schwitzen. „Ich hätte nie gedacht, dass mich das emotional so mitnehmen würde“, sagt Stefanie Nünchert. Es ging um den ersten Platz, um viel Geld, vor allem aber um die Frage, ob aus einer Spinnerei vielleicht schon bald etwas Reales werden könnte.

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Vor drei Jahren wurde Dresden vom Bundesforschungsministerium neben 50 weiteren deutschen Städten zur „Zukunftsstadt“ gekürt. Ziel des Wettbewerbs ist es, eine nachhaltige Vision 2030+ für die Stadt zu entwerfen. Viele Ideen kamen zusammen. Der Auswahlprozess ist noch in vollem Gange. Damit das eine oder andere Projekt aber schon eher loslegen kann, organisierte die Stadt eine Abstimmung im Internet, quasi den Publikumspreis der Zukunftsstadt.

Erst vor wenigen Tagen lief die Abstimmung aus und endete mit einem klaren Sieger: Stefanie Nüncherts Idee vom Restaurant „Zur Tonne“. Sie war es leid, tatenlos zusehen zu müssen, wie in Deutschland pro Sekunde mehr als 313 Kilogramm genießbare Lebensmittel im Müll landen. „Ich möchte den Lebensmitteln ihre Würde zurückgeben“, sagt sie – und genauso den Menschen, die sonst selten oder nie in einer Gaststätte sitzen. In einem besonderen Restaurant will sie aus übrig gebliebenen Lebensmitteln Mahlzeiten kochen. Bestellen und essen soll die dann jeder können, unabhängig von seinem Einkommen. Es soll keine Speisekarte geben, sondern ein ständig wechselndes Angebot. Am Ende zahlt jeder, was er denkt und ausgeben kann. Und Stefanie geht noch weiter: Die Köche und Kellner in ihrem Restaurant sollen bezahlt werden, aber nicht nach festen Gehältern. „Wir sagen ganz offen, was verfügbar ist, und jeder nimmt sich, was er zum Leben braucht.“ Kann das wirklich funktionieren? „Zum Glück sind wir doch kein Wirtschaftsunternehmen, sondern ein Reallabor, in dem auch mal Dinge ausprobiert werden können.“

Bevor ihr Labor in Betrieb genommen werden kann, bleibt aber noch einiges zu tun. 120 000 Euro Unterstützung aus der Stadtkasse wurden ihr versprochen. Für diese Förderung müssen nun aber zunächst noch Richtlinien erarbeitet werden. Sie selbst hat derweil in ihrem Aufgabenheft stehen: Organisationsform klären und erste Lokalitäten suchen. Als feste Partner hat sie bereits die Vereine Tafel und Treberhilfe an ihrer Seite, für die sich die 34-Jährige schon seit Längerem ehrenamtlich engagiert. Ihr Geld verdiente sie zuletzt vier Jahre lang als freiberufliche Schneiderin und Kostümassistentin im Theater, unter anderem an der Semperoper. Nach einiger Zeit unterwegs in Deutschland ist sie gerade wieder in einer WG in der Neustadt gelandet. Sie jobbt jetzt in der Bar Zille und im Thalia-Kino. Wer weiß, vielleicht leitet Stefanie ja bald ihr eigenes Restaurant, auch wenn sie betont, dass sie „Zur Tonne“ weniger als ihr Projekt und mehr als „Chance für diese Stadt“ sehe.

Erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorstellen wird sie ihre Idee am Samstag bei der Zukunftskonferenz, die von 10 bis 17 Uhr in der Dreikönigskirche steigt. „Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, was wir zu Hause alles wegwerfen“, sagt sie. Beispiel gefällig? „Warum wollen wir Möhren mit Grün kaufen und werfen das Grün dann weg, obwohl es essbar ist?