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Auf der Flucht nach Europa

Es machen sich wieder mehr Menschen auf die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa auf. Gibt es im Jahr der Bundestagswahl eine neue Flüchtlingskrise?

© dpa/dpaweb

Wien. Allein über Ostern wurden im Mittelmeer 8 360 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Sie waren von Nordafrika aus in überfüllten Schlauchbooten und seeuntüchtigen Holzbooten Richtung Europa unterwegs. Mindestens 13 Ertrunkene wurden geborgen, wie viele ums Leben kamen, ist unbekannt. Angesichts wärmerer Temperaturen steigen wieder die Zahlen der Flüchtlinge, die Italien und Griechenland über See erreichen. Länder wie Österreich fordern die Schließung der Mittelmeer-Route. Ist auch in Deutschland wieder mit einer Flüchtlingskrise zu rechnen? So sieht die Lage in den einzelnen Ländern und Regionen aus.

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LIBYEN: Im Westen Libyens starten die meisten der Bootsflüchtlinge ihre gefährliche Überfahrt Richtung Europa. Tausende Menschen - die meisten von ihnen aus Ländern südlich der Sahara - starben dabei in den vergangenen Jahren. Menschenschmuggler verlangen von den Flüchtlingen und Migranten Berichten zufolge Tausende Dollar für einen Platz in den überfüllten Booten. Bis dahin sind die Menschen auf ihrer oft viele Tausend Kilometer langen Reise Gefahren, Gewalt oder willkürlicher Inhaftierung ausgesetzt.

Die IOM schätzte die Zahl der Migranten in dem zerrütteten Bürgerkriegsland zuletzt auf bis zu eine Million. Viele von ihnen haben aber kein Interesse an einer Überfahrt nach Europa. Sie suchen vielmehr Arbeit in dem ölreichen nordafrikanischen Land.

ITALIEN: Italien ist derzeit das Hauptankunftsland in Europa. In den ersten drei Monaten des Jahres kamen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 24 700 Menschen an - rund 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Mehr als 650 Menschen starben bei der Überfahrt.

Italien sei aber nicht mehr Transitland in Richtung Deutschland und Nordeuropa, sagt Christopher Hein vom italienischen Flüchtlingsrat. Während 2014 nur ein Drittel der Ankommenden auch einen Asylantrag in Italien gestellt habe, seien es 2016 bereits zwei Drittel gewesen. Die Anerkennungsquote für Asylanträge liegt derzeit bei rund 40 Prozent. Eine der größten Schwierigkeiten für das Land ist es, die Menschen unterzubringen. Die Zustände in den Lagern sind zum Teil miserabel. Auch gibt es für die, die bleiben können, oft nur schlechte Integrationsmöglichkeiten.

GRIECHENLAND: Der Migrantenzustrom nach Griechenland aus der Türkei hält sich bisher in Grenzen. Wegen des EU-Flüchtlingspakts mit der Türkei kamen seit Jahresbeginn bis Mitte April nur knapp 4 800 Menschen über die Ägäis zu den griechischen Inseln. Im ersten Quartal des Vorjahres waren es den Angaben des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UN) und des griechischen Flüchtlings-Krisenstabes zufolge noch mehr als 145 000 Menschen. Aber kaum war das Wetter Ende März und Anfang April etwas besser, stiegen die Zahlen.

Die Lage in den griechischen Registrierzentren - die sogenannten Hotspots auf den Ägäis-Inseln bleibt aber angespannt. Auf den Inseln befinden sich insgesamt etwa 13 800 Flüchtlinge, die weiter nach Mitteleuropa oder zumindest zum griechischen Festland wollen. Auf dem Festland leben gut 50 000 Migranten. Im Vergleich zu Italien läuft die Unterbringung besser.

BALKANROUTE: Die Schließung der Balkanroute im März 2016 sorgte für einen starken Rückgang der Flüchtlingszahlen Richtung Deutschland und Nordeuropa. Nur noch vereinzelt schaffen es Migranten über Serbien, Kroatien und Slowenien nach Österreich und Deutschland. Im Transitland Serbien halten sich derzeit 7700 Migranten auf - die große Mehrheit in Aufnahmezentren. In Kroatien und Slowenien gibt es bis kaum noch Migranten, die weiterreisen wollen.

BULGARIEN: In dem Land leben laut Innenministerium 4 500 Migranten in Aufnahmelagern. Die Plätze sind nur noch zu 60 Prozent belegt, während die Zentren im Vorjahr noch völlig überfüllt waren. Der „Migrationsdruck“ an der Grenze zur Türkei habe stark nachgelassen.

ÖSTERREICH: Im ersten Quartal 2017 halbierte sich die Zahl der Asylanträge in Österreich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf knapp 6 500. Doch das Land macht weiter Druck, damit die EU die Zuwanderung beschränkt. Angesichts der wieder steigenden Flüchtlingszahlen in Italien sei das Land vorbereitet, die Grenze speziell am Brenner schärfer zu bewachen, sagte Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka. Wie schon zuvor die Balkanroute müsse auch die Mittelmeerroute geschlossen werden. „Eine Rettung auf offener See kann kein Ticket nach Europa sein“, sagte Sobotka.

UNGARN: Ungarn schottet sich mit Sperranlagen und Stacheldrahtzäunen an den Grenzen zu Serbien und Kroatien komplett ab. Nur noch wenige Flüchtlinge und Migranten versuchen, durch Ungarn in den Westen Europas zu gelangen. Täglich werden bis zu zehn Asylsuchende an den sogenannten Transitzonen in Röszke und Tompa, unmittelbar am Grenzzaun, eingelassen, wo sie Asyl beantragen können.

Seit dem Vormonat werden sie dort bis zum Abschluss des Verfahrens festgehalten - faktisch heißt das interniert. Derzeit sind 95 Asylsuchende in den beiden Container-Lagern. Flüchtlinge, die den Grenzzaun durchschneiden und dabei ertappt werden, schieben die ungarischen Sicherheitskräfte zurück über die Grenze nach Serbien. (dpa)